Hey Alter, wo ist der Sinn geblieben?

In Harmony Korines neuem Film «The Beach Bum» kommen und gehen die Figuren, wie es ihnen passt. Wer ihm freundlich gesinnt ist, kann darin eine Kritik an der High Society sehen.

Soll früher gute Gedichte geschrieben haben, ist nun aber nur noch bekifft: Matthew McConaughey als Moondog. Foto: Ascot Elite Entertainment Group

Soll früher gute Gedichte geschrieben haben, ist nun aber nur noch bekifft: Matthew McConaughey als Moondog. Foto: Ascot Elite Entertainment Group

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Er säuft, er kifft, er kopuliert sich durch halb Florida, Letzteres auch mal in einer Imbissküche vor verwunderten Gästen, und wo immer er eine Bühne bekommt, da benimmt er sich mit Fremdschäm-Garantie daneben: Moondog (Matthew McConaughey), nach eigenen Angaben «gut bestückt», hat ein Boot gleichen Namens und ist ein dauer­bedröhnter Schwerenöter im Schlabberlook, seine Fortbewegungstechnik ist taumelnder ­Natur, eine blondierte Mähne komplettiert das zweifelhafte Gesamtbild. Man könnte sagen, Moondog sei die missratene ­Variante des legendären Dude aus «The Big Lebowski».

Aber niemand kann diesem Selbstdarsteller böse sein, denn angeblich besitzt Moondog Grösse und soll früher gute Gedichte geschrieben haben, auch wenn er inzwischen nur noch zum Himmel jault. Ja, es muss etwas an ihm sein, sonst könnte er nicht die Geduld seiner super­reichen Gattin (Isla Fisher) derart strapazieren und ungeniert deren Geld verprassen.

Der Hofnarr von Florida

Moondog, dieser Hofnarr der Oberschicht von Florida, zelebriert eine Exzesskultur, wie man sie heutzutage nur noch selten sieht im Kino. Denn dieser Typus will kein besserer Mensch werden, sondern Spass haben. Eine Läuterung steht nicht zur Debatte. Das wiederum ist typisch für das Werk von Harmony Korine: Der 46-jährige Amerikaner befasst sich vorzugsweise mit sturköpfigen Randgestalten, mit Sex, Drogen und Gewalt, und mitunter ist das so voyeuristisch ausgeleuchtet, dass man es versehentlich für Mainstream halten könnte.

So war das jedenfalls in «Spring Breakers» (2012), als vier Collegefreundinnen ins Partyparadies der USA trampten – also ebenfalls nach Florida –, wo sie ohne Unterlass Drogen konsumierten und einem Dealer auf den Leim krochen. Die stylische Handkamera fing knallige Farben ein, am Schnittpult wurde mit Bildsprüngen hantiert. Der eigentliche Clou dieses Films aber war, dass Korine keimfreie Disney-Sternchen wie Selena Gomez oder Vanessa Hudgens in den Hauptrollen besetzte und diese ins Herz der Unvernunft schickte, wo sie dann in bunten Bikinis hohle Lebensweisheiten absonderten. Das war auch ein Abgesang auf die amerikanische Jugendkultur. Eine Dramaturgie war nicht mehr nötig, Korine liess seine Protagonisten einfach ungebremst vor sich hinfeiern.

So ähnlich ist das nun auch in «The Beach Bum», diesmal einfach mit erwachsenen Kindsköpfen, die in Villen oder auf Jachten residieren oder sich wie Moondog ins Luxusleben hochgeschlafen haben. Beeindruckend die Stardichte: Jonah Hill («The Wolf of Wall Street») gibt einen Literaturagenten, der an seinem Beruf vor allem schätzt, dass er mit niederem Volk nichts zu tun hat. Rapper Snoop Dogg kultiviert und vertreibt Hanf (was sonst?), und Zac Efron – auch er einst ein sauberes Disney-Face – trägt seinen Bart wie einen Toast im Gesicht. Das sind lustige Vignetten, aber wer genau hinschaut, kann hier auch eine Kritik an der High Society entdecken.

Am deutlichsten sieht man es bei Moondog: Nachdem er zur Hochzeit seiner Tochter exzessbedingt zu spät kam und dann vor allem den Bräutigam beschimpfte, unternimmt er mit seiner promiskuitiven Gattin eine Spritztour. Es kommt zum Unfall, sie stirbt, und er erfährt vom Testamentsvollstrecker, dass er keinen Cent erben werde, solange sein überfälliger ­Roman nicht publiziert sei.

Das ist die Stelle im Film, in der ein normaler Held aus seiner Lethargie aufwachen müsste, weil sein gewohntes Umfeld weggebrochen ist. Moondog wird von der Polizei aus der Villa eskortiert, sein Agent ist nicht mehr zu erreichen. Aber hier umgibt sich die Hauptfigur kurzerhand mit Bettlern, Prostituierten und anderen zwielichtigen Figuren, um danach mit ihrer Hilfe seine einstige Prunkbleibe zu zerlegen. Das ist dann korinescher Rock ’n’ Roll, denn die Hauptfigur wandelt sich kein bisschen, auch nicht nach einem Gerichtstermin, wo es heisst: ­Gefängnis oder Entzug. Nach ein paar Stunden büxt Moondog aus der Reha aus und hackt fortan breitbeinig Buchstaben in seine Schreibmaschine. Was er zu Papier bringt, wird nicht gesagt, es dürfte aber etwa dem entsprechen, was auf der Leinwand zu sehen ist: Drogenkonsum und Frauenkonsum.

One-Man-Show

Traditionelles Erzählkino geht natürlich anders, da würde man sich Fragen stellen. Warum zum Beispiel kümmert es Moondog nicht, wie alt seine Tochter ist? Warum preist man ihn öffentlich für seine Vulgaritäten?

Aber eben: «The Beach Bum» ist weder Erklärstück noch Büsserfabel, die Figuren kommen und gehen, wie es ihnen passt, und Matthew McConaughey gefällt sich als überbordende One-Man-Show. Das ist dann zu gleichen Teilen unterhaltsam und unerträglich – und vermutlich die eigentliche Zumutung dieses Films: Hauptsache, es knallt auf allen Ebenen.

Korine jedenfalls gelingt es, diese ans Lächerliche grenzende Selbstverschwendung eines Mannes am Ende auch noch gleichnisartig in die Luft zu jagen. Wozu das gut ist? Das wäre dann freilich wieder ein anderes Thema.

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