Heul doch!

Lara Croft schiesst sich wieder durch Urwälder und Tempelanlagen. In der Neuauflage von «Tomb Raider» wird die Videospielfigur von Alicia Vikander verkörpert.

Ein weiblicher Indiana Jones: hart, cool, unbesiegbar. Alicia Vikander tritt in die Fussstapfen von Angelina Jolie, die Lara Croft 2001 und 2003 verkörperte. Video: Youtube/Warner Bros. Pictures

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Keine Ahnung, wann es war. Vielleicht dann, als Lara Croft vor ihren Verfolgern davonrannte, in einen Wildbach stürzte und sich am Flügel eines vom Rost zerfressenen Flugzeugwracks festhielt, das direkt über dem Wasserfall auf der japanischen Insel Yamatai hängen geblieben war? Oder kurz darauf, als das Wrack zu kippen drohte, so wie der Boden im neuen «Tomb Raider»-Film sowieso ständig wegsackt, und Lara Croft durch den Flugzeugrumpf hechtete und es gerade noch schaffte, eine Verstrebung zu fassen zu kriegen? Jedenfalls stiess sie irgendwann in diesem Durcheinander einen hellen Schrei aus, der klang wie der eines kleinen Mädchens.

Man hätte an ihrer Stelle aber nicht anders geschrien. Es hätte wahrscheinlich noch viel mädchenhafter geklungen. Und hätte man vergleichbar springen und frei klettern können? Ganz sicher nicht. Denn so ist das mit Lara Croft. Sie hat diese erstaunliche Spannkraft. Sie zieht sich Mauern hoch, schleicht sich an Kommandoposten an, biegt sich, schnellt zurück. Als Spieler bewundert man sie. Lässt man sie im Game mal stehen, keucht Lara Croft und schaut ungeduldig um sich, als wolle sie sagen: Junge, können wir weiter? Wenn sie davonspritzt, sieht sie der Gamer wieder nur von hinten, weshalb ihm Lara immer ein bisschen voraus ist. Selbst wenn er es ist, der sie lenkt.

Die Videogamefigur Lara Croft wurde 1996 vom englischen Spielentwickler Core Design für das Action-Adventure «Tomb Raider» entworfen. Ein Spross der britischen Aristokratie, erzogen unter anderem in einem Schweizer Mädchenpensionat, der nach einem Flugzeugabsturz im Himalaja sein adeliges Leben abstreifte. Darauf wurde Lara Croft Grabräuberin und Artefaktjägerin. Ein weiblicher Indiana Jones, den man durch finstere Gemächer schickte. Knaben und Mädchen spielten «Tomb Raider», weil Lara Croft mehr war als ein Gewehrlauf, mit dem man in den virtuellen Raum ballerte. Das konnte man auch, aber entscheidend war, dass die Kunstfrau Lara beiden Geschlechtern zurückspiegelte, was sie sein könnten: hart, cool, unbesiegbar. Sie war Projektion und Agentin zugleich. Das Objekt von Lust und die Quelle von Identifikation. Eine Frau als besserer Mann.

Die Entwicklung der Spielfigur Lara Croft über die Jahre hinweg. Video: Youtube/deathmule

Sie hatte am Anfang aber auch einen Riesenbusen und diese unmögliche Taille. Es gibt ein Youtube-Video, das die Evolution der Spielfigur über die vielen Videogames nachzeichnet. Da sieht man, wie ihre Lippen und Brüste schrumpfen, wie die Augenbrauen und die Wangenknochen an Schwung verlieren. Bis aus einer Sexpuppe ein Grrrl mit glaubwürdigeren Körpermassen wird.

«Tomb Raider» ist nicht nur der kulturelle Moment, in dem eine Ikone aus der Virtualität in die Realität trat, verkörpert von Models, Werbeträgerinnen und von Angelina Jolie in zwei Verfilmungen. Es ist auch das grosse Projekt der Vermenschlichung einer Simulation. Die Neuausgabe des Videospiels von 2013 wurde auch deshalb zum Renner, weil den Usern nicht mehr eine groteske Simulation vorgesetzt wurde, sondern eine toughe junge Frau, die Schmerzen verspürt. Der erste Angreifer, den man im Spiel umbringt, ist ein Mann, der sie vergewaltigen will. Danach sitzt Lara starr vor Schock im Gras.

Rennen, robben, töten

Der neue Film des Norwegers Roar Uthaug schliesst an die Erzählung dieses Videogames an und zeigt Gewalt als etwas Rohes und Intimes. Zuerst arbeitet die aktualisierte Lara noch als Velokurierin an der Brick Lane in London. Sie ist 21, besucht das Kickboxtraining und liefert sich Velorennen mit den Hipstern von der Werkstatt. Mit der Welt ihres verschollenen Vaters, des berühmten Forschungsreisenden, will sie nichts mehr zu tun haben. Bis sie dann doch ein okkultes Zeichen bekommt, das ihr Vater für sie hinterlassen hat, und im Tanktop aufbricht zur mythenumrankten Insel Yamatai vor Japan, wo Himiko, die Göttin des Todes, seit Jahrtausenden mumifiziert in ihrer Gruft liegen soll – wäre nicht eine antike militante Organisation daran, sie auszugraben und ihren Fluch über die Welt zu bringen.

Man muss solchen Quatsch ja akzeptieren, wenn man herausfinden will, wie die neue Lara Croft daherkommt. Dass sich die Schwedin Alicia Vikander («The Danish Girl») für die Rolle interessiert hat, liegt vor allem an der physischen Aufgabe. Im London-Teil strahlt Croft einen Spott aus, der schon sehr körperliche Formen hat, so wie Vikander zwinkert und grinst. Wenn die Abenteuerin auf Yamatai von der militanten Organisation aufgegriffen wird, die sich als ein Trupp brutaler Sklaventreiber entpuppt, muss sie erst recht rennen, robben, freeclimben, über einstürzende Studiobauten springen, unter Todesgefahr Knobeleien lösen und mit Pfeil und Bogen auf ihre Gegner schiessen.

Lara Croft ist eine unabhängige, lebenshungrige Frau, die Männer dorthin tritt, wo es richtig wehtut.

Einmal bringt Lara Croft einen Angreifer mit blossen Händen um. Sie wälzen sich beide im Schlamm, bis der Augeninnendruck hoch ansteigt und Vikander im Terror der Extremsituation einen solch markerschütternden Kreischlaut von sich gibt, dass sich selbst die Göttin des Todes wieder in ihre Grabkammer zurückziehen würde. Es ist derzeit keine andere Schauspielerin vorstellbar, die auf ähnliche Art Elastizität mit Entschlossenheit verbinden könnte – und das alles noch vermischt mit dem Badass-Trotz eines Teenagers.

Die neue Lara Croft verspürt allerdings auch starke Sehnsucht nach ihrem verschwundenen Vater. Sie ist da nicht nur verletzlich, sondern bald einmal wirklich stark verwundet. Irgendwann bricht sie schluchzend zusammen, denn diese Lara Croft heult auf und heult doch, trotz ihrer Überlegenheit.

Man kann sich allerdings fragen, wie viel Psychologie eine Videospielfigur braucht. Es ist ja nicht so, dass wir es hier mit einem hochkomplexen Fraueninnenleben zu tun haben – auch wenn es zu einfach ist, Lara Croft entweder dem Feminismus oder dem Sexismus zuzuschlagen. Aber es ist eine unabhängige, eine lebenshungrige Frau. Eine Frau, die die Männer dorthin tritt, wo es richtig wehtut. Die Kraft einer solchen Figur in der Repräsentationsmaschine des Popcornkinos ist nicht zu unterschätzen.

Eine Geschichte über eine Frau

Die Kulturkritikerin Lili Loofbourow hat in einem Essay einen neuen männlichen Blick beschrieben. Der «male gaze», der die Welt und die Körper dem männlichen Begehren unterordnet, wird umgekehrt in den «male glance». Dieser verweilt nicht mehr bei den Objekten seiner Lust, sondern schaut höchstens kurz drauf, etikettiert und geht weiter. Wenns um Filme mit Frauen geht, sieht der Blick entweder sentimentales Weiberzeug oder eine Geschichte mit «starken weiblichen Figuren». Mit beidem muss er sich nicht weiter beschäftigen.

Man sieht an der Evolution von Lara Croft, wie sich der starrende Blick in den streifenden verwandelt. Alicia Vikander hat in Interviews betont, wie sehr sie der Satz von den «starken Frauenfiguren» nervt. Für sie, die mit den Lara-Croft-Games aufgewachsen ist, erzählt «Tomb Raider» einfach eine Geschichte über eine Frau. Es ist in diesem Fall halt auch noch eine Actionheldin. Aber hat das bei einer männlichen Figur schon mal irgendjemanden verwundert?

Ab Donnerstag, 15. März 2018 in Zürich in den Kinos Abaton, Arena und Metropol.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2018, 20:01 Uhr

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