Hektik in Murmlikon

Im Film «Papa Moll» wirkt der Bünzli mit den fünf Haaren ein bisschen moderner als im Kinderbuch. Auf Dackel, die aus Kanonen schiessen, braucht man nicht zu verzichten.

Schon fast rebellisch: Papa Moll (Stefan Kurt) und seine Kinder Evi (Luna Paiao) und Willy (Yven Hess). Foto: Zodiac Pictures

Schon fast rebellisch: Papa Moll (Stefan Kurt) und seine Kinder Evi (Luna Paiao) und Willy (Yven Hess). Foto: Zodiac Pictures

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Vielleicht ist es mit diesen spezifisch schweizerischen Helden der Kindheit, dem Papa Moll und dem Globi, auch so, wie es die Kenner von den Beatles und den Rolling Stones sagen: Man musste sich zwischen ihnen entscheiden. Die oder jene. Es gab nichts dazwischen. Und wenn die Liebe seinerzeit dem Globi mit dem blauen Schwänzchen galt, dann hatte es der Papa Moll mit seinen fünf Haaren halt schwer und hat es noch heute nicht leicht. So einen hatte man ja selbst zu Hause. Die Altersmilde erkennt jetzt allerdings die sympathischen Qualitäten in der liebenswerten, väterlichen Bünzligkeit.

Offizieller Trailer zu «Papa Moll». Video: Youtube/Papa Moll - Der Film

Denn Papa Moll hat doch einen sehr helvetischen Gemütlichkeitstypus begründet – ein früherer Baselbieter SVP-Nationalrat hiess bei allen nur der «Papa Moll», so lang ist das noch gar nicht her, und es war freundlich gemeint. Und der Globi zeigte ja auch abstossende Tendenzen zur fürchterlichsten Spiessbürgerei – nur schon wie der «in der Verbannung» die Natur einer einsamen Insel in den Senkel stellte und «im Urwald» («Neger in Sicht!») die Afrikaner, dagegen war der Moll ein Vertreter der antiautoritären Sanftheit.

Moll gegen Globi – 1 zu 0

Und wenn es zum Kino kommt, zum Heldenvergleich dort und insbesondere zu dem aufs Angenehmste und Bedächtigste vor sich hin schweizernden Spielfilm «Papa Moll» von Manuel Flurin Hendry, dann hat der Moll verglichen mit dem Globi alles vorne, was er vorne haben kann: den Bauch, die Nase, den Schnauz, die Halbglatze – und das pochende menschliche Herz. Denn wir erinnern uns höchst ungern an jenen Animationsfilm «Globi und der Schattenräuber» (2003), in welchem der Globi entstaubt und entseelt wurde bis zur kalten exportierbaren Künstlichkeit. Während eben von Hendrys Moll (Stefan Kurt) und von der Moll-Welt der Charme der Kleinstädterei und, wie man sagen möchte, die Stallwärme des Unexportierbaren ausgehen.

Molls Welt heisst Murmlikon, und Murmlikon ist die Welt, und sanft ziehen sich die heimeligen Hügel auf Bad Zurzach zu, wo es der Frauenverein Murmlikon bereits exotisch findet. Auf dem höchsten Hügel thront «die Fabrik», sie sieht ein wenig aus wie die Brauerei Feldschlösschen in Rheinfelden, und dort ist Papa Moll verantwortlich für die Qualitätskontrolle der «weltbesten» Schoggimurmeli. Sie sind jedoch nicht mehr so gut, diese Murmeli, seit der Geschäftsleiter Stuss (Martin Rapold) mehr auf Quantität setzt und auf den chinesischen Export, wofür die behäbige technische In-frastruktur gar nicht gemacht ist.

Man möchte über diesen freundlichen Film kein unfreundliches Wort sagen.

Das liegt dem Moll, wie sich herausstellt, mit gutem Grund auf der Seele, und item, das hat er jetzt grad noch gebraucht, dass er mit seinen drei geratenen, aber unperfekt erzogenen Kindern in den Zirkus Pompinelli muss, wo man mit Dackeln aus Kanonen schiesst. Und dass ihm der Stuss seine Brut noch mitgibt, zwei rechte Saugofen und natürliche Feinde des mollschen Nachwuchses. Womit insgesamt die dramatische Mischung beschrieben und eine leuchtfarbene Hektik diskret angedeutet wären.

Man möchte über diesen freundlichen Film kein unfreundliches Wort sagen. Sondern zuhanden von Kindern vermelden, dass darin die Fairness, das massvolle Rebellentum, die Tierliebe und die etwas in Vergessenheit geratene Zuckerwatte in ihre alten Rechte gesetzt werden. Erwachsene könnten in der sanften Art, mit der Manuel Flurin Hendry die Fünfzigerjahre in die Gegenwart holt und ironisch koloriert, eine geradezu moderne, nach anständigen Patrons verlagende nostalgische Kapitalismuskritik erahnen. Für eine plötzliche Liebe zum Moll hats unsererseits nicht gereicht, für einen amüsierten Respekt aber schon.

Das Allerfeinste an «Papa Moll» ist übrigens die Ausstattung. Kenner, Halbkenner und selbst Viertelkenner erkennen den Chic von tadellosem Vintage. In echt wärs heute kaum noch zu zahlen.

Lunchkino Special am So, 12.15 Uhr, mit den Darstellern Isabella Schmid und Livius Müller-Drossaart. Ab 21. 12. im Kino. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2017, 18:45 Uhr

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