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«Haben Sie etwas gespürt?»

Der Hollywoodstar Warren Beatty spielt mit 80 Jahren eine Bettszene mit Lily Collins (28). Die beiden erzählen, wie sie das erlebt haben.

«Du erinnerst dich doch an 1962?» – «Als ob es gestern gewesen wäre»: Lily Collins und Warren Beatty beim Pressetermin. Foto: Steve Meddle (ITV, Rex)
«Du erinnerst dich doch an 1962?» – «Als ob es gestern gewesen wäre»: Lily Collins und Warren Beatty beim Pressetermin. Foto: Steve Meddle (ITV, Rex)

Es beginnt, wie eigentlich immer, mit der Körpersprache. Warren Beatty hat sich in der Hotelcouch des Claridge’s in London zurückgelehnt. Er trägt Jeans und eine weiche schwarze Lederjacke. Lily Collins sitzt perfekt gestylt daneben, hat sich aber kerzengerade auf der Kante platziert und ihren kamelfarbenen Alexander-McQueen-Mantel lieber nicht ausgezogen.

Ein älterer Herr, der gern ein bisschen bleiben und locker plaudern möchte. Und eine junge Dame auf der Durchreise, auf dem Weg zu hoffentlich grösseren Dingen. Der Smalltalk beginnt mit der Erwähnung des Londoner Restaurants The Guinea: «Immer wenn ich hier bin, esse ich Steaks», sagt Warren Beatty, «schon seit 1962.» Dann fügt er augenzwinkernd hinzu, an seine Couchpartnerin gewandt: «Du erinnerst dich doch an 1962?» – «Als ob es gestern gewesen wäre», antwortet Lily Collins.

Gleich zu Beginn wird also offensiv betont, was sonst ungut in der Hotelzimmerluft herumwabern würde: Der Herr, der gerade 80 Jahre alt geworden ist, verfügt über ein halbes Jahrhundert mehr Lebens-, London- und Steak-Erfahrung als die Dame, die 28 ist, aber jünger aussieht. Trotzdem haben sie im Film «Rules don’t apply», dem sie an diesem Tag die nötige Aufmerksamkeit verschaffen wollen, eine gemeinsame Sexszene.Um die Sexszene hätte es nicht unbedingt gehen müssen. Aus rätselhaften Gründen aber hat irgendwer (der Herr?, die Dame?, ihre Agenten?, ihre Geldgeber?) darauf bestanden, dass die beiden nur ein gemeinsames Interview geben werden.

So sitzen sie jetzt da: rechts der Herr, der den Ruf hat, drei Jahrzehnte lang Hollywoods unangefochten grösster Liebhaber gewesen zu sein; links die Dame, deren elfenhafte Erscheinung sich nur schwer mit dem Wissen vereinbaren lässt, dass die Hälfte ihrer Gene vom Pop-Mondgesicht Phil Collins stammt; zwischen ihnen diese Sexszene, wie ein sehr grosser, unsichtbarer Elefant.

Als unverdächtiger Einstiegspunkt in das Gespräch bietet sich an, dass Warren Beatty in ­«Rules don’t apply» eine historische Figur spielt, den legendären Hollywood-Studioboss, Frauenhelden, Flugzeugbauer und Super-Exzentriker Howard Hughes. Lily Collins wiederum spielt eine sehr christliche, junge Schönheit namens Marla, die in ihrer Heimat Virginia zur «Apfelblütenkönigin» gewählt wurde und Ende der 50er-Jahre nach Hollywood kommt, weil Howard Hughes irgendwo ihr Bild gesehen und sie für die unvorstellbare Summe von 400 Dollar pro Woche als Schauspieltalent unter Vertrag genommen hat.

Tausend Geheimnisse

Warren Beatty kam selbst Ende der 50er-Jahre nach Hollywood; er weiss, wovon er spricht. Lily Collins wiederum tut im Film sehr überzeugend so, als steckten ihr die Fifties im Blut. Sie ist, was man an dieser Stelle festhalten sollte, eine sehr gute Schauspielerin.

Der historische Howard Hughes war zwar nicht so ein genialer Verführer wie Warren Beatty, aber ihm werden immerhin Affären mit Bette Davis, Ava Gardner, Olivia de Havilland, Katharine Hepburn, Ginger Rogers und Rita Hayworth nachgesagt. Hat Beatty diesen Part also als grossen, alten Verführer angelegt? Da heben sich überrascht seine Augenbrauen, und er wählt seine Worte vorsichtig: «Ich würde sagen, der Mann macht eher Schwierigkeiten. Einen Verführer würde ich ihn wirklich nicht nennen. Eher einen Ausbeuter.»

Warren Beatty als exzentrischer Hollywood-Boss Howard Hughes. Foto: Twentieth Century Fox, AP

Tatsächlich stellt die Apfelblütenkönigin im Film bald fest, dass Hughes neben ihr noch ungefähr 25 andere junge Schönheiten unter Vertrag hat, die er als Schauspielerinnen gar nicht recht braucht, vielleicht aber als Geliebte. So genau weiss man das nicht, tausend Geheimnisse umgeben den paranoiden Milliardär, und lange taucht er nicht mal auf. Dafür verliebt sich die Apfelblütenkönigin in ihren pflichtbewussten Fahrer, gespielt von Alden Ehrenreich, der aber ebenfalls sehr christlich und ausserdem verlobt ist. So beginnen grosse Gefühlsqualen.

«Im Grunde geht es weniger um Hughes als um dieses Paar», sagt Beatty, der die Idee irgendwann in den 70er-Jahren hatte, Jahrzehnte am Drehbuch bastelte und den Stoff dann letztes Jahr endlich produziert und inszeniert hat. Es ist erst die fünfte Spielfilmregie dieses legendären Kontrollfreaks mit dem grossen Gespür für Stoffe und Geschäfte. Für Geld arbeiten musste er schon nach der Gangsterballade «Bonnie and Clyde» nicht mehr, seinem ersten Streich als Star und Jungproduzent von 1967. «Vor allem geht es mir darum, wie die Tradition des amerikanischen Puritanismus dem Glück dieses Paars im Wege steht», sagt er.

Dazu erwähnt er dann auch, dass er selbst aus hochpuritanischem, baptistischem Elternhaus in Virginia stammt, mit «starken Elementen der Frustration» – hier ein amüsiertes Glucksen – in seiner Jugend. War seine viel besungene Zeit als Sexgott in Hollywood, mit kurz- oder längerfristigen Eroberungen wie Isabelle Adjani, Brigitte Bardot, Leslie Caron, Cher, Julie Christie, Joan Collins, Britt Eklund, Goldie Hawn, Diane Keaton, Elle Macpherson, Madonna, Michelle Phillips, Vanessa Redgrave, Diana Ross, Barbra Streisand und Liv Ullmann – um nur die wichtigsten zu nennen – also eine reine Gegenreaktion?

Lily Collins als Apfelblütenkönigin Marla in «Rules don’t apply» (2016). Foto: Twentieth Century Fox, AP

«Es sind viel zu viele Legenden über mich im Umlauf», sagt er und seufzt ironisch. «Es gibt mittlerweile vielleicht sechzehn Bücher über mich, und manchmal versuche ich sogar, eines davon zu lesen. Aber nach zehn, fünfzehn Seiten muss ich immer aufhören. Es steht so viel Unsinn drin, da wäre es ein Akt des reinen Masochismus, mir das anzutun. Ich muss das mit Humor nehmen.»

Also gut, dann jetzt die Gegenfrage an Lily Collins. Eine unerwartete Wendung des Films tritt ein, als die junge Marla und der verrückte Howard Hughes sich endlich besser kennen lernen. Marla fühlt sich da bereits als Ehebrecherin, obwohl sie ihren Chauffeur nur geküsst hat. Zum ersten Mal in ihrem Leben greift sie zum Alkohol – und auf einmal ist sie es, die beschliesst, dem verrückten alten Milliardär zu Leibe zu rücken. Ist sie also die Verführerin des Films?

«Ja, schon», sagt Lily Collins. «Aber sie ist betrunken, sie ist wütend, und sie hat es noch nie ausprobiert. Und deshalb macht sie es dann. Aber sie ist dabei nicht berechnend, sie handelt nicht aus Gier oder um berühmt zu werden, sondern aus ganz simplen Motiven.» Das Wort «Sex», obwohl ganz eindeutig das Thema der Szene, kommt in dieser Antwort explizit nicht vor. Da sitzen zwei wirkliche Unschuldslämmer auf dem Sofa.

«Oh my God!»

Frage deshalb an Lily: «Warren Beatty werden ja auch magische Verführerqualitäten zugeschrieben. Haben Sie davon etwas gespürt?»

«Oh my God!» Sie scheint allen Ernstes zu erröten. Dann aber sprudeln die Worte nur so aus ihr heraus: «Ich liebe Warren und seine Familie so sehr, und Annette ist die wunderbarste Schauspielerin, Frau, Mutterfigur, ich liebe ihre Kinder, und ich liebe Warren.» Wobei es sich bei Annette um die Schauspielerin Annette Bening handelt, Beattys Ehefrau seit 1992 und Mutter seiner vier Kinder, die im Film auch mitwirkt und der er – wie jedermann in Hollywood bestätigt – ein geradezu mustergültiger Ehemann ist.

«Verzeihung, ich meinte nur: Können Sie sich vorstellen, wie er in seiner grossen Zeit war?»«Er ist ein attraktiver Mann. Ich habe keine Ahnung. Ich war damals nicht dabei. Das sind alles nur Geschichten. Ich höre lieber den Dingen zu, die Warren mir erzählt. Das sind die Geschichten, die mich interessieren.»

Die Mama war auch am Set

Warren Beatty scheint das alles ausgesprochen zu amüsieren. «Ich kenne Lilys Mutter sehr, sehr gut», fügt er bedeutungsvoll an. Und Lily ergänzt: «Meine Mom war ständig am Set.» Womit die absolute Sittsamkeit des ganzen Unternehmens nun für alle Zeiten geklärt wäre, sich aber eine nächste Frage aufdrängt: Ist der Puritanismus vielleicht wieder auf dem Vormarsch, rücken die 1950er-Jahre wieder ganz nah?

Das sieht Warren Beatty nun aber gar nicht so, da wird er philosophisch. «Alles begann mit der Befreiung der Frau», sagt er, «und diese Befreiung ist unausweichlich und noch immer ein bestimmender Faktor in der Welt. Selbst ein Problem wie der Terror des Islamischen Staates hat seine Wurzeln in der Angst vor der Befreiung der Frau. Also glaube ich nicht, dass sich da etwas zurückgedreht hat oder zurückdrehen lässt.»

Nicht ganz so optimistisch

Lilly Collins glaubt das auch nicht, sie sieht «Sofortbefriedigung» und «sofortige Selbstpromotion» überall in den sozialen Medien, wo «jeder scheinbar alles zeigt». Sie klingt aber nicht ganz so optimistisch.

Und damit ist es dann auch einmal gut mit dieser Doppelkonstellation. Zum Schluss muss nur noch kurz eruiert werden, was bei den Oscars los war – wo Warren Beatty schon wusste, dass mit der Siegerkarte des besten Films etwas nicht in Ordnung war, sie dann aber trotzdem an Faye Dunaway weitergab, die den falschen Film ausrief. «Ich folgte nur meinen Anweisungen», sagt er trocken. «Es hätte ja auch der richtige Film draufstehen können, aber mit einem Druckfehler.» Alles klar. Wenigstens ein Kapitel in Warren Beattys Leben, aus dem jetzt hoffentlich keine Legenden mehr entstehen.

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