Gosling, der entzückende Mann, die reizende Leere

Verwaltete Schönheit: Ryan Gosling ist auch in «Song to Song» ganz bei sich.

Er will sie, sie hat schon einen anderen: Ryan Gosling und Rooney Mara. Foto: Ascot Elite

Er will sie, sie hat schon einen anderen: Ryan Gosling und Rooney Mara. Foto: Ascot Elite

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Der «entzückende junge Mann im Film», so wie der österreichische Autor Alfred Polgar ihn beschreibt, ist «das falten­loseste Geschöpf, das Gott gebügelt hat». Und weil die 37 die neuen 25 sind, geht der Schauspieler Ryan Gosling noch als jung durch in seiner Faltenlosigkeit, und ausserdem erfüllt er auch sonst die Kriterien des Entzückens. Insbesondere besitzt er wie angeboren jene gefederte Elastizität, welche dazu führt, dass normales Gehen ganz leicht ins Tanzen hinübergleitet. Das hat Gosling im Film «La La Land», der den Oscar dann doch nicht gewonnen hat, ja vollendet vorgeführt. Und alles an ihm war wohlgefällig.

Wo bleibt der höhere Sinn?

Doch der moderne entzückende Filmmann, für den Ryan Gosling ein Muster ist, unterscheidet sich von Vorgängermodellen; dadurch, dass er nicht zufrieden ist mit der Entzückung, die er auslöst. Das Strahlen der Sonne, die er im Herzen hat (und, wie Polgar sagt, auch im Kniegelenk, im Ellbogen, wahrscheinlich sogar im Darm), ist ihm nicht genug. Das Verströmen von Helligkeit ist nicht sein Projekt. Das Dunkle zieht ihn an, die Schwerkraft der Comédie humaine, gegen seine schwerelose Natur.

Denn ein Gosling will einen künstlerischen Eindruck machen durch tieferen Sinn oder höhere Ironie, und der Mund soll nicht nur dazu da sein, um die blendenden Zähne zu zeigen. Man könnte von einem wühlenden Ehrgeiz reden, manchmal sein Hässlichstes als sein ­Entzückendstes nach aussen zu kehren wie zum Beweis eines reflektierten und reflektierenden Wesens. Item, damit schiene einem der entzückende Ryan Gosling als Schauspieler gerecht beschrieben in seiner intelligent verwalteten Attraktivität, und beschrieben ist damit vor allem auch, wie er als Darsteller erscheint in «Song to Song», dem neuen Film von Terrence Malick, diesem grossen Einsamen und geheimnisvollen Sonderling des US-Kinos.

Das Pathos des Lebens

In Malicks Filmen geht es selten um weniger als um alles – also mindestens ums Leben mit seiner Sehnsucht nach Wahrheit und seiner verlogenen Wirklichkeit, aber oft um mehr noch, um die evolutionäre Logik hinter allem und um Gott und die Frage, ob er tot ist oder ob wir ihn einfach nicht hören im Lebenslärm. Diese Filme sind prächtige Habitate für den entzückenden Mann mit einem drängenden Kunstwillen. Er wird da oft wie von selbst Teil der weitgreifenden natur- und religionsphilosophischen ­Gedankengeflechte.

In «Song to Song» stimmt Malick zwar nicht Sonnengesänge an wie in «The New World» (2005), noch betreibt er weltseelenvolle Schöpfungsgeschichtsschreibung wie in «The Tree of Life» (2011). Dieses Mal ist es ein auffällig irdischer Film, so was wie Schnitzlers «Reigen» in der Musikszene von Austin, Texas. Aber auch hier raunt gewaltig das Pathos des Lebens und Durcheinanderliebens, im ruhigen Fluss der Trauer und des Unglücks, in den Räuschen bei wilden Konzerten und schweren Besäufnissen, in der Weisheit musikalischer Brahmanen wie Iggy Pop und Patti Smith.

Im Elend, aber chic

Und gewaltig insbesondere strahlt und färbt das Bedeutsame eben auch auf Ryan Gosling ab, dem hier die Rolle zufällt, eine Faye (Rooney Mara) zu lieben, die aber etwas mit dem Musikproduzenten Cook (Michael Fassbender) hat, und später eine Amanda (Cate Blanchett), die ihm aber ans Nichts verloren geht. Die Welt ist aus dem Lot, seelisch und ­kinematografisch. Da legt sich über den Mann dann wie schwere Schatten das Problem, wie im falschen Leben richtig zu leben wäre, und das Rätsel, warum das Richtige einem falsch vorkommt.

Insgesamt: ein existenzielles Elend unter aushaltbaren, oft höchst schicken Umständen, und beiläufig trifft wieder einmal eine weitere polgarsche Erkenntnis über den entzückenden Mann im Film zu: Selbst das Hungertuch, an dem er ab und an nagen muss, sättigt ausreichend. Das Seltsame in «Song to Song» ist jedoch, wie im grossen ästhetischen Gestus das Entzückende besonders deutlich erscheint in seiner reizenden Leere. Ryan Gosling, Michael Fassbender und dazu die entzückenden Frauen des Films (Natalie Portman kommt noch dazu) verkörpern eine Art elegante Farblosigkeit.

Sie können alle nichts dafür, sie könnten bestimmt anders, selbst Ryan Gosling, dessen schauspielerischer Ehrgeiz seinem guten Aussehen noch selten ebenbürtig war. Es ist dieser Film schuld, der sein Ensemble in Posen und Arrangements zwingt. Es ist diese elegische Moral, in der Personal eingefroren wird: dass der Mensch ein trauriges Wesen ist und ein korruptes; dass der ­Erfolg und das Geld nicht glücklich machen, das Scheitern einen aber auch nicht adelt. Es ist dieses Theater von Weisheit, das einem zweieinhalb Stunden lästig fällt. Befreit man es von Malicks Ruf und Ruhm und Mysterium, dann ist es Gebrabbel. Genialisches vielleicht ab und zu. Aber Gebrabbel zuerst.

In Zürich ab Donnerstag im Arthouse Alba. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2017, 17:58 Uhr

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