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Fotografie ist Realität. Reely?

Tyrone Lebons Kurzfilm bietet einen so rasanten wie faszinierenden Einblick in die zeitgenössische Fotografie.

«Dies ist ein Film über Fotografie und daher ein Film über Lügen.» Mit diesem Satz eröffnet der Vater des Regisseurs das filmische Essay «Reely and Truly». Schon zu Beginn spielt der Film mit der Wahrnehmung und führt so seine Kernthemen Wahrheit und Lüge ein. Der in London lebende Regisseur Tyrone Lebon porträtiert berühmte Fotografen und die Visionen, die sie mit ihrem Beruf verbinden.

Unter den Porträtierten befinden sich Grössen wie Nobuyoshi Araki und die Reportagefotografin Jill Freedman. Berlin, Tokio, New York, die pulsierenden Schauplätze der zeitgenössischen Szene also werden beleuchtet, und in bruchstückhaften Interviews wird die Idee vom Wahrheitsgehalt der Fotografie skizziert. Es geht um die die oft gestellte Frage, ob ein Bild die Wahrheit ist oder die Realität bloss deutet.

Renaissance alter Methoden

Lebons Film wurde auf verschiedenen Filmformaten gedreht. 65mm, 16mm, Super 8mm – alles in Vergessenheit geratene Medien, die trotz Digitalisierung in der zeitgenössischen Kunst weiterhin ihre Berechtigung haben. Junge Künstler arbeiten wieder vermehrt mit Analogkameras und suchen nach dem Charme von Filmen, dessen Hersteller längst die Produktion eingestellt haben. Analoge Fotografie hat nicht die absolute Schärfe als Ziel, man lässt Chemie Einfluss nehmen und überlässt vieles dem Zufall.

Tyrone Lebon hat sich selbst für die analoge Fotografie entschieden und zeigt in seinem Film, wie diese Nischentechnik eine kleine Renaissance erlebt. Es ist unter anderem die Verwendung der Filmträger, die der Dokumentation die Leichtigkeit eines selbstgedrehten Familienfilms gibt. Zusammengeschnippelt, als Collage arangiert, übermalt und verfärbt, fügen sich seine Szenen zu einem Gesamtkunstwerk.

Auf diese Weise beschreibt der Film in seiner eigenen Form das Weiterbestehen einer langatmigen, ungeschönten Wahrnehmung, die sich wiederum im Schaffen der Porträtierten widerspiegelt. Die Fotografen spielen in ihren Werken mit Persönlichkeit, Selbstdarstellung und der Absurdität des Alltags. Ihre Bildsprache zeigt Hässlichkeit, oft wird etwa hartes Blitzlicht verwendet.

Skurrile Erinnerungen bleiben haften

Lebons Schnitt erinnert ans TV-Zappen. Sowohl Joachim Tellers Atelier als auch Jack Webbers Wohnzimmer bleiben schemenhafte Orte, die man schnell wieder verlässt, ohne dass man einen Einblick in die Arbeit der Künstler erhalten hätte. Genau dies aber ist das Faszinierende. Obwohl der Film nicht an Tempo verliert, lernt man die Charaktere kennen, als skurrile Erinnerung bleiben sie haften.

Faszinierend ist Tyrone Lebons Werk allemal. Seine Art des Filmens ist so vertraut und abstrakt zugleich, dass die 30 Minuten im Flug an einem vorbeiziehen. Die Diskussion über den Wahrheitsgehalt hingegen führt ins Nirgendwo: Fotografie ist also tatsächlich eine Lüge, zumindest weil sie die Wahrheit nicht auf den Punkt bringt.

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