Europa ist längst zugefroren

In «Happy End» stürzt eine bessere nordfranzösische Familie ab. Der Regisseur Michael Haneke schaut einmal mehr genau hin – als ein Forensiker der bürgerlichen Vereisung.

Nicht einmal auf den Titel ist Verlass: «Happy End» von Michael Haneke. Foto: PD

Nicht einmal auf den Titel ist Verlass: «Happy End» von Michael Haneke. Foto: PD

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Der österreichische Regisseur Michael Haneke, in Frankreich inzwischen heimischer als daheim, ist ein scharfer Beobachter des seelischen Permafrostes. Uns hat er oft allein gelassen in den Abgründen des Menschenmöglichen und mit unseren moralischen Projektionen. Das Leben in seinen Filmen zuckte, dorrte und fror sich vor unseren Augen zu Tode. Wirklich kein Mann des inneren Friedens und psychologischen Seelentrosts. Man hat ihn einmal einen cineastischen Forensiker genannt, das wäre dann sozusagen der objektive Leichenbeschauer, der das interpretierende Profiling dem Publikum überlässt.

Er macht da keine Zugeständnisse, auch nicht in «Happy End», der kühlen, vielfacettigen Abzeichnung einer Familie aus den besseren nordfranzösischen Ständen. Es gelten das Reinheitsgebot der Nichtinterpretation und die strenge Ethik, dass der eigene Film sich in fremden Köpfen vollenden müsse.

Wärme liess er nie durchgehen

«Happy End»: Nicht einmal auf den Titel ist Verlass, das wäre ja der grösste Sündenfall: wenn Michael Haneke uns eine Vorstellung von Glück und Ende aufzwänge oder von Unglück und seinen Kreisläufen. Er inszeniert nur die personellen Konstellationen für einige Experimente mit ethischen Fragen – und legt uns die Leichen, die jemand im Keller hat, auf den Seziertisch. Wobei ihm vermutlich auch das zu sinnbildlich ausgedrückt wäre. Er hat ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber Bildern, an denen pädagogische Bedeutung hängt; er hat einen hochempfindlichen Sinn für die Peinlichkeit von Gefühlswärme. Das geht bis zur eisigen künstlerischen Dogmatik.

Sich selbst hat er diese Wärme nie durchgehen lassen. «Amour» war da die Ausnahme: sichtbar zärtlich und fast warmherzig. Aber uns ist es erlaubt, in den Einsturz einer Baugrube der Bauunternehmung Laurent hineinzudeuten, dass in «Happy End» von Leben erzählt wird, die auf Sand gebaut wurden, und von Menschen, denen der Boden unter den Füssen wegbricht. Es macht das Ganze einfach etwas fassbarer. Denn so etwas lässt sich als Drama nacherzählen und bedenken als Realitätsymptom und Zeichen und filmischen Vorgang: dieser Einsturz und wie er ein Familientrauerspiel zwischen Mutter und Sohn in Gang setzt, die die Firma leiten – sie mit Herzblut, er contre cœur.

Und dazu jenes existenzielle Beben, als eine depressive Frau an zu vielen Antidepressiva stirbt. Wie deshalb eine Dreizehnjährige zu den Laurents nach Calais muss und zu ihrem leiblichen Vater, dem Chirurgen Thomas Laurent, den sie gar nicht recht kennt. Wie dort eine kindliche Verlorenheit auf die Verlorenheit eines alten Mannes trifft, des verfallenden Familienoberhaupts Georges Laurent, das nichts mehr herbeisehnt als den Tod. Und wie die grosse Einsamkeit und der Frost der Lieblosigkeit nach allen greifen.

Und vielleicht blickt Michael Haneke in «Happy End» darum so oft durchs Smartphone auf seine Welt oder durch offene Türen, die wirken wie Handybildschirme. Weil es die Distanz vergrössert und die Lebenstemperatur senkt.

Grossartige Darsteller

Es fällt auf: Nie war Hanekes kalter Blick unsteter, sozusagen: schwankender und schwenkender zwischen den künstlerischen Motiven. Von der menschlichen Vereisung, die so tut, als sei sie Wärme, zur einsamen Verzweiflung; von den bourgeoisen Liebessimulationen und Maskenspielen zu den absonderlichen Lüsten dahinter; von trauriger Jugend zu traurig verserbelndem Alter. Sogar, in einer seltsamen Szene, vom suizidären Europäertum zu den afrikanischen Flüchtlingen, die gern leben wollen, wenn man sie lässt.

Worauf es hinausläuft, weiss man lange nicht. Aber Sinngebung ist eben nicht der Sinn von Hanekes erklärungslosem Realismus – so leicht macht er es uns nicht, auch nicht am wunderbaren, wunderlosen Ende. Besetzt ist der Film natürlich wieder grossartig, diesem Regisseur laufen ja die Grössten zu. Es spielen Jean-Louis Trintignant, Isabelle Huppert und Mathieu Kassovitz, unter anderem, und muss man mehr sagen? Sie geben der Kälte menschliche Wahrheit.

In Zürich ab Donnerstag im Kino Arthouse Le Paris.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2017, 19:55 Uhr

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