Es wird einem heute noch schwindlig

Das Komikerduo Laurel und Hardy machte Slapstick von feinster Grausamkeit. Erfunden hat «Dick und Doof» Leo McCarey, dem das 71. Filmfestival Locarno die Retrospektive widmet.

Sie wollten doch bloss Hosen tauschen: In «Liberty» (1929) verschlug es die Häftlinge Laurel und Hardy auf die Stahlträger einer Hochhaus-Baustelle.  Foto: Filmfestival Locarno

Sie wollten doch bloss Hosen tauschen: In «Liberty» (1929) verschlug es die Häftlinge Laurel und Hardy auf die Stahlträger einer Hochhaus-Baustelle. Foto: Filmfestival Locarno

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Hat man das eigentlich lustig gefunden damals als Kind, wenn, sagen wir, Stan Laurel einem schielenden älteren Herrn ins Ohr biss? Wahrscheinlich schon, denn das kindliche Gemüt ist im Durchschnitt ja ein bösartiges. Andererseits existiert keine deutliche Erinnerung an wirkliche Lachanfälle. Sondern nur daran, dass sie einem in Aussicht gestellt wurden in einer Fernsehsendung mit dem Titel «Es darf gelacht werden».

Darin schwenkte der Schauspieler Werner Schwier immer seinen Hut und sagte, er gebe nun das Zeichen, vorausgesetzt, dass der Operateur ihn sehe. Und dann liefen jene kleinen, stummen Filme, worin die himmlischen Mächte des Slapsticks und der Groteske die Schwerkraft so ziemlich aufhoben.

Die Tücken der Objekte waren äusserst lästig, wurden aber, wie bereits Zeitgenossen feststellten, reichlich ausgeglichen durch die Tücken des rachsüchtigen Subjekts. Die Helden dieser Filme waren ohnehin gesegnet mit Unverwundbarkeit. So viel ihnen auch passierte, es passierte ihnen nichts. Selbst ihre Widersacher nahmen nur heilbaren Schaden, vielleicht abgesehen von jenem ausgewachsenen Polizisten, dem ein Lift auf den Kopf donnerte. Der musste fürderhin als Zwerg durchs Leben.

Und solches, um einen Augenblick lang persönlich zu werden, fand die Frau Schaub aus Liestal, die einen Super-8-mm-Projektor besass und gekaufte Filme, seinerzeit lustiger als ich. Was man nicht selber gesehen hatte, erzählte sie einem in Mutters Waschküche, Gag für Gag, und jede Erzählung schloss mit den geflügelten Worten: «Da kannst du lachen!»

Langsam brennende Komik

Vielleicht wars einfach nichts für Kinder, die noch keinen rechten Sinn hatten für eine konsequente Abstrusität. Die sahen nur Dick und Doof vor sich hin kaspern. Der erwachsene Blick enthüllt aber: Es waren Oliver Hardy und Stan Laurel in ihrer dissonanten Harmonie, und die Komik ihrer jüngeren Jahre war sozusagen kohlesäurehaltig und von feinster Grausamkeit.

Da sind wir wieder bei diesem Zwerg gewordenen Polizisten und bei dem, der so etwas ersann, 1929 für den Laurel-und-Hardy-Film «Liberty»: Leo McCarey (1898–1969). Ihm ist ab morgen die Retrospektive in Locarno gewidmet, sie ehrt die McCarey-Dramaturgie, das ist: die stupende Begabung, einen Strom zusammenhängender, unausweichlicher, nicht zu verhindernder Ereignisse am Fliessen zu halten. Das war dem Mann scheints angeboren, die Einfälle mochten manchmal irregehen, aber sie gingen ihm nie aus.

Als Leo McCarey die Paarung Laurel und Hardy «erfand», wie er später behauptete (Stan Laurel hat dies immer bestritten und sprach von «natürlicher Evolution»), erfand er auch die «langsam brennende» Komik. Die übte er ein mit Kurzfilmen in den Lachfabriken der Zeit: umständlichste, hoch komische Kreiselbewegungen und dramatische Spiralen mit grössten Wirkungen aus lang sich summierenden nichtigsten Anlässen.

Deshalb endeten in «Liberty» zwei entflohene Strafgefangene, die nur die Hosen tauschen wollten, auf den schmalen Stahlträgern einer Hochhaus-Baustelle, wo die Gravitation an ihnen zerrte, dass einem noch heute wind und schwindlig wird. Deshalb hinterliessen in «Big Business» (1929) zwei Weihnachtsbaumverkäufer, denen jemand ein Tannenzweiglein mit der Haustür einklemmte, ein ganz und gar verwüstetes Stücklein Vorstadt, und alles war wundersam logisch. Nennen wir es: Eleganz der brutalen Skurrilität.

Sie reifte. Etwa zur Satire «Duck Soup» (1933), dem Film mit den Marx Brothers, den manche für den marxischsten von allen halten. Der Irrsinn der Handlung – eine Art Kindergartenkriegsspiel mit den besten Eigenschaften des höheren Unsinns – soll sich allerdings gespiegelt haben in der Mühsal der Dreharbeiten. Die Marxe, selber eigenwillig verspielte Profis, waren durch die improvisationsfreudige Regie von McCarey nicht recht zu zähmen («one was always missing»). Und so bliebs bei einem einmaligen marx-mccareyschen Destillat aus Eitelkeit und erfindungsreichem Witz.

McCarey war da auch schon hinaus über die reine Lustigkeitsfabrikation. Er hatte wie selbstverständlich den Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm überstanden, und das gelang ja nicht jedem Regisseur, der gelernt hatte, sich durch Slapstick und die Inszenierung stummer Mimikry auszudrücken. Die Filme der folgenden Jahre zehrten wohl vom Erbe des Grotesken, aber zum Rhythmusgefühl kam nun das Gefühl für den pointierten Dialog und zur Pointensicherheit der psychologische, menschenverliebte Feinsinn.

Ein Dandy seiner Kunst

Wozu aus dieser triumphalen Zeit soll man raten? Zu «Make Way for Tomorrow» (1937), von dem Orson Welles sagte, er bringe Steine zum Weinen? Jedenfalls ist das ein erstaunlich radikales Drama über Altersarmut in den Depressionsjahren. Über gute alte Leute, deren Liebe nichts ausrichten kann gegen die Unfreundlichkeit der Umstände.

Oder doch «The Awful Truth» (1937)? Was für eine flirrende Komödie der Irrungen, Schlagfertigkeiten und Hutverwechslungen! Etwas für Wortverliebte. Es handelt von Ehebruch, von nonchalant formulierter Eifersucht und vom Sorgerechtsstreit um einen Hund. Das war der Film, in dem Cary Grant zu dem hocheleganten Komödianten wurde, der er seiner Lebtage blieb: ein McCarey-Geschöpf.

Sein Bestes aber, die ganze Liberalität eines grosszügigen Denkens, hatte McCarey schon zuvor, 1935, in «Ruggles of Red Gap» gesteckt. Das ist die Geschichte, in der es den grossen Charles Laughton als englischen Butler und lebendigen Pokergewinn in den Staat Washington verschlägt. Unter dem Einfluss von ausreichend Whisky, den er nicht gewohnt ist, entwickelt dieser Mann eine anarchische Majestät. Nebenbei lernt der Nichtengländer, dass man immer den Teekrug zum kochenden Wasser trage, nie umgekehrt. Und Präsident Abraham Lincoln selbst hat seine Gettysburg-Adresse 1863 gewiss nicht schöner und würdiger vorgetragen als Marmaduke Ruggles, der Diener, der auf den Geschmack der Freiheit kam.

Als er starb, starb ein Stück alte Noblesse.

Als McCarey starb, reich und keineswegs vergessen, war die Zeit ein wenig über ihn hinweggegangen. In seinen reiferen aktiven Jahren hatte er Neigungen zur heiteren Religiosität entwickelt («Going My Way», 1944). Zweimal verirrte er sich im Geist der Zeit in antikommunistische Raserei («My Son John», 1952, und «Satan Never Sleeps», 1962), das war ihm am Ende selbst ein wenig peinlich.

Geschenkt. Als er starb, starb ein Stück alte Noblesse aus einer Epoche, in der einer wie er noch ein Dandy seiner Kunst sein durfte. Und, wenn er wollte, spielendes Kind, das vom Ernst des Lebens dispensiert war.

Ab 12.8. auch im Filmpodium Zürich; ab 4.10. im Kino Rex in Bern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2018, 18:44 Uhr

Die Einfälle gingen ihm nie aus: Leo McCarey. Foto: PD

Das Locarno-Programm: Geklonte Clowns und harte Kerle

Festival Wenn es mit einem Buster-Keaton-Zitat beginnt, kann es nur ein Kenner gemacht haben: Der Fernseh-Vierteiler «Coincoin et les Z’inhumains» von Ehrenpreisträger Bruno Dumont passt wegen seines herben Slapsticks schon mal super zur Leo-McCarey-Retro in Locarno. Die Serie ist eine Fortsetzung von «Quinquin», und wieder hat Dumont mit Laien aus dem französischen Norden gedreht. Sie haben schiefe Gesichter, und das schiefste gehört Kommissar Van der Weyden. Mit seinem Kollegen Carpentier untersucht er nun ausserirdisches Magma, das aussieht wie Kuhdreck und plötzlich vom Himmel fällt. Es herrscht eine schauerliche Komik in dieser trockenen Serie, und im Nachhinein wird man sagen können: Klon kommt von Clown.

Locarno-Leiter Carlo Chatrian hat die Leichtigkeit zum Motto für seine letzte Ausgabe ausgerufen: Ob er damit auch «BlacKkKlansman» von Spike Lee über einen schwarzen Undercover-Agenten beim Ku-Klux-Klan gemeint hat? Der Tonfall ist sicher populär, der Film wird aber auch so richtig brachial auf die trumpsche Gegenwart gewuchtet. Härtere Zustände herrschen nur noch im Actionfilm «The Equalizer 2», in dem Denzel Washington hohe Charisma-Dosen versprüht und einem benachbarten Kunststudenten den intellektuellen Afroamerikaner Ta-Nehisi Coates zu lesen gibt, um ihn vor dem Drogen-Corner zu retten. Kein Witz.

Sehr viel packender ist «Pájaros de verano» aus Kolumbien, eine sich über Jahrzehnte erstreckende Drogenkriegssaga um eine indigene Familie. Der lateinamerikanische «Godfather», wenn man so will. Schliesslich warten einige Frauenporträts, im Wettbewerb etwa «Alice T.» des genauen Rumänen Radu Muntean sowie «Diane» des Amerikaners Kent Jones. Und auf der Piazza läuft auch «Le vent tourne», Bettina Oberlis Beziehungsdrama aus dem Jura. (blu)

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