Erhellendes aus düsterer Zeit

Was auch immer man von Christian Krachts Roman «Die Toten» hält: Die Filmreihe dazu bringt Klassiker zurück ins Kino.

Diabolische Kraft: «Das Testament des Dr. Mabuse», der Film des «Halbjuden» Fritz Lang, wurde 1933 von Joseph Goebbels verboten.

Diabolische Kraft: «Das Testament des Dr. Mabuse», der Film des «Halbjuden» Fritz Lang, wurde 1933 von Joseph Goebbels verboten. Bild: zvg

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Sie waren ein Jahrzehnt lang das, was man heute ein «power couple» nennt: Die 1888 geborene Drehbuchautorin Thea von Harbou und der zwei Jahre jüngere Regisseur Fritz Lang, die sich 1919 kennen lernten und 1922 heirateten, schufen in der Stummfilmzeit etliche Werke, die international für Furore und volle Kassen sorgten. Private wie politische Gründe führten dazu, dass ihre Zusammenarbeit mit «Das Testament des Dr. Mabuse» 1932 endete.

Thea von Harbou trat zwar erst 1940 der NSDAP bei, war aber schon viel früher eine Anhängerin Adolf Hitlers; Fritz Lang dagegen, in der Rassenterminologie der Nationalsozialisten ein «Halbjude», hielt wenig von den braunen Horden und legte schon in seinem ersten Tonfilm «M – Eine Stadt sucht einen Mörder» üblen Gangstern Sätze in den Mund, die geradewegs aus dem Parteiprogramm der Nazis stammten.

Herrschaft des Verbrechens

In der Fortsetzung zu seinem Kassenhit «Doktor Mabuse» (1922) sitzt der grössenwahnsinnige Titelheld zwar in einer Klinik und bekritzelt bloss noch Papier, aber ein anderer strebt danach, seine diabolischen Pläne umzusetzen. Theo Lingen als Kleinganove wundert sich darüber, dass der Bandenchef «keinen Pfennig von der Beute beansprucht», doch dem Terrordrahtzieher geht es längst nicht mehr ums Geld: «Wenn das Chaos zum obersten Gesetz erhoben ist, dann ist die Stunde der Herrschaft des Verbrechens da», flüstert ihm eine Stimme aus dem Off ins Ohr.

Das zielte unverblümt gegen den Machtanspruch der Hitler-Riege, die indes die Regierungsgewalt übernahm, noch bevor Langs Film fertiggestellt war. Die Uraufführung sollte am 24. März 1933 in Berlin stattfinden, wurde aber kurzfristig abgesagt und mit «Blutendes Deutschland», einem Film «der nationalen Erhebung», ersetzt. Kurz danach empfing Propagandaminister Joseph Goebbels Lang zu einem Gespräch unter vier Augen; er erklärte ihm, dass er den neuen Mabuse-Film verbieten müsse, dass er wie auch Hitler aber grosse Bewunderer von «Metropolis» und «Die Nibelungen» seien und es deshalb gern hätten, dass Lang die Leitung des deutschen Filmwesens übernehmen würde. Noch am gleichen Tag packte Lang seine Koffer und drehte später in Hollywood Anti-Nazi-Thriller wie «Hangmen Also Die»; Thea von Harbou aber blieb in Deutschland und schrieb Drehbücher für Veit Harlan («Der Herrscher») und andere Nazi-Grössen.

«Ästhetisierung der Politik»

Nebst dem Film um Mabuses Vermächtnis gelangt in der Reihe «Die Toten» ein anderes Werk zur Wiederaufführung, bei dem ebenfalls zwei extrem gegensätzliche Charaktere zusammenarbeiteten: Die 1931 erst als Schauspielerin und Bergsteigerin aus den Alpendramen Arnold Fancks bekannte Leni Riefenstahl drehte mit «Das blaue Licht» ihr Regiedebüt, bei dem der jüdische Kommunist Béla Balazs nicht nur am Drehbuch mitschrieb, sondern in den Szenen, in denen Riefenstahl vor der Kamera agierte, auch Regie führte.

Aus heutiger Sicht hat «Das blaue Licht» nichts mit der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis zu tun, im Gegenteil: Die hauptsächlich von Laien gespielte Dorfbevölkerung ist kein «gesunder Volkskörper», sondern eine verbitterte Gemeinschaft, die mit ihrer Raffgier die Aussenseiterin Junta in den Tod treibt. Der bezaubernd schön fotografierte und zum Teil im Tessiner Dorf Foroglio gedrehte Film wurde 1932 in Venedig preisgekrönt und begeisterte Regisseure wie Roberto Rossellini und Charlie Chaplin (von dem in der «Filmreise durch einen Roman» wieder einmal der unverwüstliche Klassiker «City Lights» gezeigt wird).

Rüdiger Suchslands Dokumentation «Hitlers Hollywood» belegt, dass Riefenstahls berüchtigter «Triumph des Willens» (1935) nicht bloss als Reportage über den Reichsparteitag der Nazis in Nürnberg 1934 geplant wurde – die Choreografie der Massenaufmärsche und Reden wurde eigens für den Film inszeniert. «Wirklichkeit wurde geschaffen, um dem Bild zu dienen», kommentierte Susan Sontag diese «Ästhetisierung der Politik». Rund 1000 Filme entstanden in der NS-Zeit, die wenigsten davon waren Propagandastreifen wie das mit Rattenbildern operierende Hetzwerk «Der ewige Jude». Suchslands Film dokumentiert, was Goebbels alles unternahm, damit die von ihm kontrollierten Firmen den Glamourstreifen Hollywoods Paroli bieten konnten.

Diva in fremden Diensten

Es sei «nach der nationalen Revolution absurd, dass unsere berühmteste Filmschauspielerin in fremdem Land nach fremden Direktiven in englischer Sprache statt in ihrer Muttersprache Filmrollen spielt», giftelte 1933 das Branchenblatt «Licht Bild Bühne» gegen die damals prominenteste deutsche Leinwanddiva. Goebbels unternahm mehrere Versuche, besagte Schauspielerin «heim ins Reich» zu locken, doch die 1930 ausgewanderte Marlene Dietrich dachte nicht im Traum daran, in ihre alte Heimat zurückzukehren; stattdessen nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an und stellte sich im Krieg in den Dienst der US-Truppenunterhaltung.

Im «Toten»-Zyklus ist sie in Josef von Sternbergs «Shanghai Express» (1932) als verruchte Salonlöwin zu sehen, die von sich sagt: «Es bedurfte mehr als eines Mannes, um meinen Namen in Shanghai Lily zu ändern.» Im Grund ihres Herzens aber ist sie eine Romantikerin, die im entscheidenden Moment bereit ist, auf ihr Liebesglück zu verzichten, um ihren Geliebten zu retten.

Zynische Ironie in der Geschichte des Kinos: Im gleichen Jahr, als Hitler Reichskanzler wurde, verschärfte Hollywood den «Hays-Code», also das Regelwerk der Zensoren. Neben «Shanghai Express» laufen mit dem bizarren Drama «13 Women» und der poetisch grundierten Liebesgeschichte «Tabu» von Friedrich Wilhelm Murnau zwei weitere amerikanische Filme aus der «Pre-Code»-Ära. Und mit Yasujiro Ozus Kinderkomödie «Ich wurde geboren, aber . . .» und Kenji Mizoguchis «Schwestern von Gion» sind auch Filme programmiert, die aus Japan, dem Haupthandlungsort von Krachts Roman, stammen.

Kino Rex Bern Alle Daten: www.rexbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 11.01.2018, 07:09 Uhr

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