Er ist ein Esel. Also am Ziel.

Edward Norton erhielt in Locarno den Ehrenpreis.

Edward Nortons Figuren haben keine Seelen, weil wir sie selbst beseelen. Foto: Getty Images

Edward Nortons Figuren haben keine Seelen, weil wir sie selbst beseelen. Foto: Getty Images

Pascal Blum@pascabl

Einer der besten Schauspieler in der Filmgeschichte war ein Nutztier. Ein Stoiker, der ging, frass, lag, die Qualen der Welt hinnahm. Es war der Esel in der Titelrolle von Robert Bressons 1966 gedrehtem Drama «Au hasard Balthazar».

«Das ist mein Ziel», sagte Tilda Swinton über ihn, «versuchen, so tierisch zu sein wie der Esel.» Edward Norton erreicht dieses Ziel. Er ist einer, der liegt, steht, guckt, die Schmerzen der Welt erträgt. Man gibt ihm oft zu viel Dialog. Denn im Kino spielt er dann am besten, wenn er einfach anwesend ist. Als Pfadfinderführer in Wes Andersons «Moonrise Kingdom» war er komisch, weil er mit verkniffenem Gesicht im Gruppenbild stand. In «Fight Club» war er ein Virtuose der Apathie, der mit offenem Mund auf dem Sofa lag, die Fernbedienung in der Hand festgewachsen. Er wechselte die Laune wie das Wetter in Spike Lees «25th Hour», sein Blick flackerte und schlug ins Gefährliche um. So ist das Sein als Esel: eine mysteriöse, aber geerdete Performance.

Am Filmfestival in Locarno erhielt Norton einen Ehrenpreis und traf das Publikum zum Gespräch. Er scheuchte als Erstes den fotografierenden Mob weg und beantwortete dann die Fragen, langsam und überlegt bis zum Wegkippen. Er sprach über den Einfluss von «Star Wars» und Spike Lee auf seine Karriere: zögerlich, voller Wiederholungen und Sätze, die er bei anderer Gelegenheit schon ähnlich zögerlich gesagt hatte. Der Mann, der im Kino so sehr da ist, wirkte als Mensch, als sei er ganz woanders. Man durchschaut einen Edward Norton in keiner Rolle, nicht einmal als er selbst.

Auch Festivalleiter Carlo Chatrian, der keinen Hollywoodstar grundlos einlädt, durchschaut ihn nicht. «Wie alle grossen Darsteller», schrieb er in seinem Blog, «hält Edward Norton etwas vor seinen Figuren zurück, weshalb in seinen Rollen ein Stück Rätselhaftigkeit erhalten bleibt.» Nortons Figuren haben keine Seelen, weil wir sie selbst beseelen. Wir glauben bei ihm die Ahnungslosigkeit zu sehen und im nächsten Augenblick die Aggression. Erst den Nichtsnutz, dann den Feldherrn. Er spielt die Unbeholfenen so, wie er die Unerträglichen spielt: mit dem Feuer eines Überläufers, der umso näher bei der Sache ist, je frischer er dazustösst.

So einer muss nachdenklich sprechen: Was immer er sagt, es läuft bei ihm stets das Gegenteil seiner Worte mit. Edward Norton ist die schizophrene Kunst. Viele seiner Figuren leben in einer Welt, die selber gespalten ist: zwischen der sichtbaren Realität und der Matrix dahinter, wo Tausende von Finsterlingen die Knöpfe drücken. So war er in «Fight Club», so war er als labiler Method Actor in «Birdman»: ein Unberechenbarer für eine unberechenbare Zeit, in der man kaum mehr sagen kann, was Abbildung und was Einbildung ist.

Was im Esel vorgeht, weiss der Esel selber nicht. Dafür wogt es in uns drin.

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