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Er erzählte aus dem Bauch heraus

Der bayerische Regisseur Joseph Vilsmaier ist gestorben. Er drehte «Comedian Harmonists».

Joseph Vilsmaiers letztes Filmprojekt handelte von Gevatter Tod. Die Bayern pflegen einen morbiden Humor im Umgang mit ihm. Sie nennen ihn Boandlkramer – was wörtlich übersetzt «Knochenhändler» heisst. Zusammen mit Bully Herbig hat der bayerische Filmemacher dem Tod eine Romanze angedichtet.

«Der Boandlkramer und die ewige Liebe» ist seit Dezember abgedreht, wohl auch schon weitgehend fertig. Doch die Premiere seines lang erwarteten Projekts wird Joseph Vilsmaier nicht mehr erleben. Der Boandlkramer hat ihn nun selbst mitten aus der Arbeit gerissen.

Hätte Vilsmaier einen Film über Vilsmaier gedreht, eine Autobiografie, hätte ihm genau dieser Schluss gepasst. Als Pointe. Vilsmaier konnte lakonisch sein. Er konnte mit wenigen Worten viel sagen. Geschichten schrieb dieser Künstler mit Bildern.

«Schlafes Bruder», Joseph Vilsmaiers Verfilmung des Romans von Robert Schneider von 1995, wurde mehrfach preisgekrönt und war auch für einen Golden Globe nominiert. Foto: PD
«Schlafes Bruder», Joseph Vilsmaiers Verfilmung des Romans von Robert Schneider von 1995, wurde mehrfach preisgekrönt und war auch für einen Golden Globe nominiert. Foto: PD

Vom technischen Gehilfen im Filmstudio stieg er zum Kameramann auf. Und der Kameramann wollte dann mehr. Er traute sich zu, die Schauspieler selbst in Szene zu setzen und Geschichten nicht nur zu filmen, sondern sie auch zu erzählen. «Film», sagte er einmal, «das ist Emotion.» Zu seinen grossen Kunstfertigkeiten gehörte es, grosse Emotionen in kleinen Gesten aufzuzeichnen.

Vilsmaier verneigte sich vor Menschen, die unter widrigen Umständen ihren Anstand bewahrt hatten.

Gerade bei den historischen Stoffen setzte er auf diese Methode, bei seinem ersten Kinofilm «Herbstmilch» im Jahr 1988 etwa, beim Nachfolger «Rama dama» drei Jahre später und beim Antikriegsfilm «Stalingrad» (1993). In «Herbstmilch», einem Drama aus Niederbayern, wo er selbst aufgewachsen war, setzte er der Generation seiner Eltern und Grosseltern ein Denkmal – und zwar denen, die den Nazis widerstanden hatten. Auch Vilsmaiers preisgekrönter Film «Schlafes Bruder» von 1995, nominiert für einen Golden Globe, spielte in einem Bauerndorf des 19. Jahrhunderts.

Vilsmaier war ein Nostalgiker, der sich vor Menschen verneigte, die unter widrigen Umständen überlebt und dabei ihren Anstand und ihre Empathie bewahrt hatten. Dieser Linie blieb er auch bei der Grossproduktion «Comedian Harmonists» (1997) treu.

Auf sein Gefühl für sprechende Details konnte er sich verlassen. Mit Vilsmaier ist ein Künstler zu betrauern, dem Theorien ziemlich fremd waren. Er erzählte aus dem Bauch heraus. Am Mittwoch kam die Nachricht, dass der Filmkünstler und Bauchmensch Joseph Vilsmaier gestorben ist. Er wurde 81 Jahre alt.

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