Engel landen in Rüeggisberg

The Angelcy ist der momentan angesagteste Musikexport Israels. Warum hat die Band gestern ihren hippiesken Soul Rüeggisberger Kindern vorgestellt?

Ein bisschen Feierlichkeit im Zweckbau: The Angelcy spielen ein Konzert auf dem Land. (Archiv)

Ein bisschen Feierlichkeit im Zweckbau: The Angelcy spielen ein Konzert auf dem Land. (Archiv) Bild: Valérie Chételat

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In der Turnhalle Ziegelacker spielen sich aussergewöhnliche Szenen ab. In einer Ecke kauert ein schmächtiger Mann und gibt wunderlich-nasale Töne von sich. Er scheint sich einzusingen. Der Abwart montiert noch schnell ein Plakat ab, das den kommenden Kongress einer lokalen Bank schmücken soll. Derweil werden Kabel verlegt, eiligst Boxen aufeinandergetürmt und Instrumente gestimmt. Nur draussen auf dem Pausenplatz herrscht Normalität, da spielen aufgekratzte Buben Fussball, die Mädchen lümmeln etwas abseits herum und tun Dinge, von dessen tieferem Zweck nur sie wissen.

Wir sind in 3088 Rüeggisberg. 2000 Menschen leben hier, der prominenteste unter ihnen ist der knorrige Maler und Märchenonkel Timmermahn. Doch ansonsten ist Rüeggisberg eher nicht so der kulturelle Knotenpunkt. Wenn es hoch kommt, spielt hier mal die örtliche Musikgesellschaft auf, oder der Trauffer schaut an der Chilbi in der Mähdrescherhalle vorbei.

Dass um 14 Uhr an diesem schleierwolkigen Dienstagnachmittag mit The Angelcy eine der hippsten Bands Israels hier auftritt, eine Gruppe, welche derzeit durch die schicksten Konzertclubs Europas zieht und eine Spur der Entzückung hinterlässt, das ist schon eine kleine Sensation.

Musik als Horizonterweiterung

Ermöglicht hat sie der Berner Konzertveranstalter Bee-Flat, der seit fünf Jahren externe Konzerte für Schulklassen organisiert, indem er Gruppen vor oder nach ihren Konzerten in der Progr-Turnhalle in die Aulas der Umgebung abzweigt. Man nennt das neuzeitlich Kulturvermittlung, und es geht darum, Kindern und Jugendlichen neue musikalische Felder zu erschliessen, oder anders gesagt: Es geht darum, ihnen nahezulegen, dass irgendwo da draussen musikalisch noch mehr zu entdecken ist als singende Bauarbeiter und übers «Zwätschgelisi» leiernde Holzspielzeug-Fabrikanten. Diese Art der musischen Früherziehung ist zwar nicht neu. Doch früher erschöpfte sie sich im Besuch einer ungünstig fürs Kinder-Temperament zurechtgebogenen Operetten-Vorstellung. Dank Bee-Flat können die Kinderchen von Rüeggisberg oder anderen Dörfern des Kantons Bern ihren musikalischen Horizont in Richtung Weltmusik, Jazz oder elektronischer Musik entwickeln, und der Veranstalter züchtet sich bestenfalls ein potenzielles neues Publikum heran.

Für die Schulen ist das gratis. Sie brauchen sich bloss anzumelden. Das Geld kommt aus der Kasse der kantonalen Erziehungsdirektion. Es ist prima angelegtes Geld.

Zur Abwechslung Frieden

Die Schulleiterin erzählt, dass es in Gegenden wie diesen halt schon schwer sei, in den Genuss von Kultur zu kommen, sie erhoffe sich, dass sich den Kindern heute Nachmittag eine neue Welt auftue. Und die Band? Die ist gespannt. Vor einem reinen Kinderpublikum habe man noch nie gespielt. Mittlerweile haben sich ebendiese Kinder vom Pausenplatz in die Turnhalle bewegt und sitzen zappelig auf den herbeigeschafften Holzstühlen.

Zirka 80 der insgesamt 162 Eleven der Gemeinde sind gekommen, und sie hören aufmerksam zu, als die von Bee-Flat gestellte Moderatorin in einer kleinen Ansprache die Band vorstellt, inklusive einer kurzen Schilderung des Nahostkonflikts. Die Band aus Israel sei gekommen, um über Krieg und Frieden zu singen. The Angelcy starten mit ihrem Hit «Baby Boy», einem der schönsten Antikriegssongs, die in letzter Zeit geschrieben worden sind. Aus Israel zu kommen und die Situation des Landes nicht zu reflektieren, wäre absurd, sind die Musiker von The Angelcy überzeugt. Und sie sind einigermassen erstaunt darüber, dass das kaum eine andere Band tut. Es mag aufreibend und anstrengend sein, und es soll Leute in Israel geben, die sie am liebsten des Landes verweisen würden.

Doch The Angelcy haben Erfolg. Grossen Erfolg sogar. Die heimischen Radiostationen spielen ihre Lieder in höchster Rotation, sie haben vor ihrer Europa-Tournee in Tel Aviv grössere Hallen gefüllt und zwar wöchentlich. The Angelcy haben ganz offensichtlich eine Befindlichkeit getroffen. Ihre Zielgruppe sind die jungen liberalen Israeli, die die Politik ihres Landes kritisch hinterfragen oder sich ganz einfach weigern, den Traum aufzugeben, dass man im Nahen Osten in naher Zukunft zur Abwechslung auch einmal versuchen könnte, ganz friedlich nebeneinander zu leben.

Keine Randale in Rüeggisberg

Andere Lieder der Band wollen mit Politik nichts am Hut haben und beschränken sich auf das schiere Hochhalten der Liebe. Das klingt öfters recht hippiesk. Doch neben Geige, Pauke, Holzgitarre und Trompete entfaltet sich eine feierliche, feine Souligkeit. Und dann ist da dieser Sänger. Man könnte auch von einem Wunder sprechen. Stimmabgleiche mit Nina Simone sind leidig und meist völlig aus der Luft gegriffen.

Im Falle von Rotem Bar-Or liegen sie auf der Hand. Dieses kehlige Vibrato, dieses sinnliche Timbre, dieser Schmerz, diese Abwesenheit von Larmoyanz bei einem Höchstmass an Seelenregung – das alles klingt im Verbund mit dieser freigeistigen Band tatsächlich fast wie damals, als die stolze Dame aus North Carolina mit der Folkszene anbandelte. Ein paar Rüeggisberger Kinder puffen sich begeistert in die Seite, andere horchen andächtig dem Segen, der da in ihre Turnhalle Einzug gehalten hat. Bloss die etwas grobschlächtigeren Jungs in der hintersten Reihe verweigern geschlossen den Applaus – bei den Mitsingspielen legen sich vor allem die Kinder aus der ersten Klasse ins Zeug.

Tatsächlich zieht auf einmal eine linde Feierlichkeit durch die süsslich riechenden Reihen des Zweckbaus, auch wenn gegen Ende des stündigen Auftritts einige der rotbackigen Hinterreihen-Jungs dazu übergehen, kichernd an die Rücken der vor ihnen sitzenden Schulkolleginnen zu klopfen, die dann unverzüglich ebenfalls rotbackig werden. Ein Kenner der Schulkonzert-Szene verrät, dass es sich in Rüeggisberg um ein sehr anständiges Publikum handle, in der Stadt und in der Agglomeration habe man auch schon mal aufmüpfige Randal-Schüler des Saals verweisen müssen. Heute ist das nicht nötig. In der abschliessenden Fragerunde zeigt sich die Jugend interessiert. Ob es schwierig sei, Ukulele zu spielen, will ein Bub wissen, oder wie lange es dauere, ein Lied zu schreiben. Ein anderer fragt, ob es wohl möglich sei, dass er und die 79 anderen Kinder mal kurz eben die Instrumente übernehmen dürften. Rüeggisberg scheint tatsächlich angefixt.

The Angelcy spielen am Mittwoch, 16.3., 20.30 Uhr, in der Turnhalle Progr. (Der Bund)

Erstellt: 16.03.2016, 07:23 Uhr

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