Einmal im verfluchten Leben

US-Regisseur Steven Soderbergh schickt in «Logan Lucky» kleine Leute auf einen grossen Raubzug.

Bang, nicht Bond: Daniel Craig (r.) mit Jack Quaid (l.) und Brian Gleeson. Foto: PD

Bang, nicht Bond: Daniel Craig (r.) mit Jack Quaid (l.) und Brian Gleeson. Foto: PD

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Einmal wirds rührend auf eine reine, unironische Art in «Logan Lucky» von Steven Soderbergh, der doch gar kein Kino mehr machen wollte, sondern nur noch Fernsehen. Es klingt zart durch das Rohe der Welt. Das ist, als dieses zehnjährige Mädchen, das an einem jener unsäglichen Schönheitswettbewerbe teilnimmt, wo Kinder dauergewellte Extensions tragen (stellen Sie sich eine Wiedergängerin der «Little Miss Sunshine» vor), für seinen Papa das Lied «Take Me Home, Country Roads» singt. Denn das Kind hat verstanden, dass der Vater dieses Lied im Herzen trägt und auch West Virginia, die Heimat, die es besingt. Die Heimat aber wär nichts ohne die Familie, für die der Vater, Jimmy Logan (Channing Tatum), immer alles getan hat, Legales und Illegales, auch das hat das Kind verstanden. Deshalb trägt es ihm nicht nach, dass er sich immer ­anstrengte, aber nie ein Händchen für etwas hatte; dass ihm im Gegenteil die Familie unter den Händen zerbrach und ihm das Leben überhaupt meistens bachab ging. Sondern es liebt den Jimmy mit einer ernsten, geerdeten Liebe, der Dauerwellen und Bräunungssprays nichts anhaben können.

Das Gefühl von Erdung und Ernst überträgt sich in dieser Szene. Und da zeigt sich eine Begabung, die man dem Regisseur Soderbergh gar nicht recht zugetraut hätte: ein Sensorium für die authentische Sentimentalität, wie sie im Leben eben auch vorkommt. Man war von ihm ein gradliniges Vertrauen ins Echte des Erfundenen nicht gewohnt. Das war doch einer, der – jedenfalls in seinen besten Filmen: in «Kafka» von 1991 (ja, ich schätze diese missachtete Surrealitätsetüde bis heute), in der Kriminalkomödie «Out of Sight» (1998), im Farbspiel des Drogenthrillers «Traffic» (2000) – Erzählmuster befragte, Handlungsstränge verknäuelte und Regeln spielend brach mit misstrauischer Ironie und dramaturgischer Verschrobenheit.

Zurück zur Lebenswärme

So ein Soderbergh-Film erzählte dann auch von sich selber und nicht nur von der Welt. Denn er handelte im Hintergrund seiner Handlung davon, dass die Welt kein Film ist. Und am Ende der höchst erfolgreichen «Ocean’s»-Reihe, in «Ocean’s Thirteen» (2007), war der Eindruck schon sehr stark, aus handwerklicher Ironie sei Sarkasmus geworden. Es werde in kalter Originalitätsmechanik die Charakterarmut gepflegt. Das sei der Witz des Ganzen, und so habe ­Soderbergh die hollywoodianische Fortsetzungsmanufaktur persifliert, die ihm schon auf die Nerven ging. Es kann sein.

Aber in «Logan Lucky» hat er wieder zur Lebenswärme gefunden. Zum skurrilen kriminellen Menscheln aus Danny Oceans frühen Tagen. Es gab dort Vorahnungen und seelische Vetternschaften zu den Brüdern Logan: zu Jimmy, ders nicht auf einen grünen Zweig gebracht hat, und dem einarmigen Barkeeper Clyde (Adam Driver), die zusammen ans Geld wollen, das ein von Coca-Cola gesponsertes Autorennen generiert. Also an viel Geld. Endlich mal. Einmal im verfluchten Leben.

Mancher Beweis wird nun dafür angetreten, dass der Amateurverbrecher nicht zu unterschätzen ist. Bedachtsam, wie es dem Wesen West Virginias entspricht, aktivieren die Logans eine kriminelle Genialität. So nimmt die Unternehmung Tempo auf – wir werden hier aber nicht viel sagen darüber, wie diebstahlsorganisatorisch über die Bande ­gespielt wird (mehrfach).

Vintage-Charme

Höchstens noch dies: Ohne einen blondierten Profi namens Joe Bang, der aus Gummibärchen Sprengstoff macht, gings nicht, und den spielt Daniel Craig, unser aller Bond, mit entspannter Freude. Und es ist eine vergnügliche Vorstellung, dass so ein Grüppchen Provinzler aus den Appalachen eine digitale Wirklichkeit für die Dauer eines Raubs wieder zu einer analogen macht, worin Bargeld und Rohrpost zusammenfinden. Das hat etwas Bodenständiges.

Also eine hübsche Auslegeordnung von individuellen Absonderlichkeiten und episodischen Schnörkeln. Es hat nicht die Originalität des Neuen, sondern höchstens den Charme des Fast-wie-Neuen. Vintage. Und warum auch nicht? Es wärmt einen Soderberghs Lust an der verspielten Illegalität. Und dann ist da eben dieses Kind, das «Take Me Home» singt, und West Virginia singt mit, und warum es mich da ein bisschen durchgeschüttelt hat, weiss ich eigentlich auch nicht recht.

In Zürich ab Donnerstag in den Kinos Abaton, Arena, Houdini, Kosmos und Arthouse Le Paris. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2017, 18:05 Uhr

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