Ein Stein auf dem anderen

Filmregisseur Ziad Kalthoum zeigt Arbeiter bei einem Hochhausbau und bringt damit das ganze Unheil des Kriegs auf den Punkt.

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In Metallkörben werden sie hochgezogen, Stockwerk für Stockwerk, 8, 9, 10, irgendwann hören sie auf zu zählen, und wenn sie oben sind, zählt auch die Aussicht nicht. Blau liegt unten der Ozean, es ist, als ob sich die Stadt ihm aufdrängte. Oben, wo das Haus in den Himmel wächst, schwappt der flüssige Beton aufs nächste Stockwerk wie unten die trägen Wellen ans Gestade. Doch die Arbeiter haben kein Auge fürs Meer, sie bohren Löcher in Wände, hämmern und fräsen und biegen Metall, sie balancieren ungesichert auf den Gerüsten, dass es einen schwindelt.

Hier wird ein Hochhaus gebaut, an einem Ort, der noch immer kriegsverwundet ist; die Fassaden der älteren Häuser tragen Narben, doch überall stechen Kräne in die Silhouette. Der Soundtrack der Stadt ist Baulärm; und die Stadt, das ist Beirut.

Regisseur Ziad Kalthoum dagegen ist Syrer, und er beobachtet in seinem Film «Taste of Cement» Landsleute, die hierhergekommen sind, um als Bauarbeiter ihren Lebensunterhalt zu verdienen, so wie einst der Vater des Erzählers im Off, in dessen Haut und Hände sich allmählich der Zement eingegerbt hatte. Der Erzähler selber ist jetzt ebenfalls im Exil und baut Häuser, zusammen mit einer Legion stiller Männer, die abends auf ihre Handy-Displays starren, wo sie die Bilder aus Syrien einholen.

Generationen von Sisyphussen

In feuchten Beton-Katakomben direkt beim Rohbau richten sie sich mit Kartons und Decken magere Nachtlager ein. Den ganzen Tag haben sie einen Stein auf den anderen gesetzt, und nachts schauen sie sich an, wie in ihrer Heimat Häuser kollabieren, ganze Strassenzüge in Staubwolken aufgehen, kein Stein bleibt auf dem anderen. Irgendwann, wenn der Krieg vorbei sein wird, denkt man, werden Arbeiter nach Syrien kommen, um neue Häuser zu bauen, während andernorts vielleicht andere wiederum zerbombt werden: Sisyphusse, über Generationen hinweg.

Ziad Kalthoum erzählt das in seinem essayistischen Dokumentarfilm praktisch ohne Worte, er komponiert die Bilder zu einer visuellen Sinfonie, mittels der er das Kunststück schafft, die ganze Sinnlosigkeit des Kriegs auf den Punkt zu bringen. Kalthoum setzt auf Parallelen und Analogien, die Kamera blickt im einen Moment über den Arm eines Krans, im nächsten über das Kanonenrohr eines Panzers hinaus. So frei wie mit den Bildern verfährt Kalthoum mit den Geräuschen, er lässt die Lautstärke anschwellen oder nimmt auch mal für lange, nachdenkliche Momente den Ton ganz weg.

Das Haus im Mund

Kameramann Talal Khoury formt das Geschehen auf der Baustelle zu Tableaus von rauer Poesie: Rostige Armierungseisen ragen wie Schilf in den blauen Himmel, nackte Glühbirnen spiegeln sich in schmutzigen Pfützen. Es ist ein Kunstwollen, aber nicht um seiner selbst willen: Es verleiht dem Unfertigen, Rohen, Trostlosen Würde.

Momente von Schönheit entstehen aber nur in Beirut; immer wieder schneidet Kalthoum Bilder aus dem syrischen Krieg dazwischen, schwer erträgliche Szenen, in denen Menschen in eingestürzten Häusern lebendig begraben sind; andere versuchen, sich mit Tellerchen Wege zu bahnen zu den Verschütteten. «Mein Haus deckte mich zu», heisst es einmal im Off-Text, «es war in meinem Mund, meiner Nase, meinen Augen.»

«Taste of Cement», 2017 beim Dokumentarfilmfestival Visions du Réel mit dem Hauptpreis ausgezeichnet, betört –und lässt einen zugleich erschüttert zurück: von der Kraft dieses Films, der Erkenntnis ermöglicht, ohne sie mit Worten benennen zu müssen.

Premiere in Anwesenheit des Regisseurs Ziad Kalthoum: Cinématte Bern, Sonntag, 14. Januar, 18.30 Uhr. Weiter bis 29. Januar. (Der Bund)

Erstellt: 12.01.2018, 06:22 Uhr

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