Ein Preis für ein Bild des Elends

Der Goldene Leopard von Locarno geht an den bulgarischen Film «Godless» – eine brutale Studie der Korruption. Der Rumäne Radu Jude erhält den Jurypreis.

Ralitza Petrova, Regisseurin von «Godless», am Filmfestival in Locarno.

Ralitza Petrova, Regisseurin von «Godless», am Filmfestival in Locarno.

(Bild: PD)

Pascal Blum@pascabl

Der Goldene Leopard (90'000 Franken) des Filmfestivals in Locarno wird heute Samstagabend an die bulgarische Regisseurin Ralitza Petrova vergeben. In ihrem passend betitelten Drama «Godless» erzählt sie von einer Altenpflegerin im armen Norden Bulgariens, die ihren Patienten die Identitätsausweise abnimmt und an Vertreter von Politik und Justiz weiterverkauft, damit diese Strafregister weisswaschen können. Ein brutaler Ausschnitt der kriminellen Drecksarbeit im postsozialistischen Osteuropa wie auch ein Elendsbild eines von der Korruption zerfressenen Alltags – inszeniert in realistischer Rohheit und grösstenteils mit Laiendarstellern.

Die Jury unter der Führung des mexikanischen Regisseurs Arturo Ripstein zeichnet mit «Godless» aber auch ein Drama aus, in dem das Gewissen der Hauptfigur erwacht und die Figuren aus der Nähe beobachtet werden, in klar gestanzten Fragmenten und einem fiktiv-dokumentarischen Stil, wie er heute weit verbreitet ist. Petrova jedoch behält die Kontrolle über die Komposition einer herben Wirklichkeit – die Jury prämiert damit nicht nur ein Flair für Formalismus, den man in Locarno gern antrifft, sondern auch einen erstaunlichen Erstlingsfilm: Hauptdarstellerin Irena Ivanova erhält zugleich den Preis für die beste Schauspielerin.

Triumph für Osteuropa

Der Goldene Leopard passt zu einem Jahr, in dem man tatsächlich vielerlei entdecken konnte, Debütanten, eigensinnige Visionen und den Preis eines grossen Biers auf der Piazza (acht Franken!). Und es passt zum Wettbewerb der 69. Ausgabe, der bestückt war mit vielen freigeistigen, ja abseitigen Werken. Der Rumäne Radu Jude wird für «Scarred Hearts», seine literarische Schmerzensgeschichte eines jüdischen Todkranken im Sanatorium in den 30er-Jahren (TA vom 10.8.), mit dem Spezialpreis der Jury geehrt: ein durchgestaltetes Drama voll bitterem Humor und philosophischer Geschwätzigkeit. Und eine Allegorie auf ein Europa, das am Rande des Untergangs steht, während alle durcheinanderreden.

Locarno wird damit auch zum Triumph für das Kino aus Osteuropa, wo eine Generation von Regisseuren mit verspäteter Schaffenslust aus der Schockstarre der kommunistischen Herrschaft herausfindet und von den Qualen von Heute und Früher erzählt. Allerdings erkannte die Jury auch, dass nicht alles Gold ist, was aus Osteuropa stammt, sondern manchmal nur streberhafte Wirklichkeitsallegorie, und zeichnet stattdessen und folgerichtig einige Kritikerfavoriten aus: die bildmächtige Perversion einer Heiligengeschichte, «O Ornitólogo» von João Pedro Rodrigues aus Portugal, erhält den Regiepreis; «Mister Universo», eine halb dokumentarische Erkundung des italienischen Zirkusmilieus von Tizza Covi und Rainer Frimmel, bekommt eine «Besondere Erwähnung» und den Kritikerpreis.

Weitere Preise gehen an «El auge del humano» aus Argentinien (Cineasti del presente) und die spröd witzige Sprachverwirrungskomödie unter spanischlernenden Chinesen, «El futuro perfecto» (bestes Debüt). Und schliesslich erhält Ken Loach für sein Sozialdrama «I, Daniel Blake» den Publikumspreis der Piazza Grande. Es gab für das einfühlsame Porträt eines Arbeitslosen in Newscastle minutenlangen Applaus – vielleicht auch deshalb, weil man sonst in diesem Jahr um das fragwürdig gut gemeinte Betulichkeitskino auf der Piazza einen grossen Bogen gemacht hat. Oder sich zumindest gewünscht hat, man hätte ihn gemacht.

DerBund.ch/Newsnet

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