Die Zeit der Ausreden ist vorbei

Wenn in den USA intime Szenen gedreht werden, sind spezielle Beraterinnen vor Ort. Sie sollen sicherstellen, dass es keine Übergriffe gibt.

Für die Rotlichtserie «The Deuce» mit Margarita Levieva und James Franco arbeitete HBO mit Intimitätsberaterinnen zusammen – und will dabei bleiben. Quelle: Youtube

Natürlich hat auch Claire Warden «Der letzte Tango in Paris» gesehen, jenen Film des kürzlich verstorbenen Regisseurs Bernardo Bertolucci, in dem die Schauspielerin Maria Schneider Opfer einer simulierten Vergewaltigung wird: Weil Bertolucci, so behauptete er es später jedenfalls, die Erniedrigung einer Frau möglichst authentisch zeigen wollte, ihre Angst, ihre Verzweiflung, ihre Wut, weihte er die Schauspielerin nicht ein in die Details dieser Szene, in der Marlon Brando sie mithilfe von Butter überfällt und die Kamera gnadenlos draufhält auf das überraschte, entsetzte, verzweifelte Gesicht einer Frau, die schreit und weint und sich wehren will gegen das, was da passiert.

Diese junge Frau, 19 Jahre alt und nach damaligen Gesetzgebung minderjährig, musste also laut Bertolucci erniedrigt werden, damit es authentisch wirkte. «Ich fühle mich schuldig, aber ich bereue es nicht», sagte der Regisseur später. Um es beim Namen zu nennen: Es war sexuelle Nötigung, eine Straftat, und Bertolucci und Brando haben das tun können, weil niemand sie aufgehalten hat. «Meiner Meinung nach war das ein Verbrechen mit vielen Zeugen», sagt Claire Warden: «So was würde nicht passieren, wenn ich in der Nähe bin.»

«Klare Regeln sorgen für Entspannung»

Allerdings sind Warden und ihre Kolleginnnen von Intimacy Directors International (IDI) noch nicht lange in der Nähe. Der Non-Profit-Zusammenschluss von Koordinatorinnen für heikle Szenen in Theater, Film und Fernsehen wurde erst vor zweieinhalb Jahren gegründet. Am Set gibt es Spezialisten für allerlei Details, Choreografen für Tänze und Stunts zum Beispiel, Experten für Sound und Lichtsetzung, beim Dreh zum Musikvideo zu «Jenny from the Block» gab es sogar einen, der dafür verantwortlich war, wie die Nippel der Sängerin Jennifer Lopez in Szene gesetzt wurden. Warum also gibt es diese Experten für intime Szenen erst seit 2016?

«Der Auslöser waren die misogynen Prahlereien von Donald Trump, was er sich als Promi bei Dreharbeiten alles erlauben könne», sagt Warden: «Die Enthüllungen um sexuellen Missbrauch in Hollywood und die anschliessende ‹Me Too›-Bewegung waren Katalysatoren, aber Trumps ,Grab them by the pussy'-Aussagen haben den Leuten in der Branche gezeigt, dass auch am Set viel falsch läuft.»

Sie selbst habe das als junge Schauspielerin am Theater erlebt: «Es gab eine Szene, in der geküsst und umarmt wurde. Es war alles abgesprochen, doch dann hat eine Vertretung die Situation missbraucht, und plötzlich war die Hand da, wo sie nicht hingehörte. Es gab niemanden, an den ich mich hätte wenden können.»

IDI-Gründerin Claire Warden. Bild: clairewarden.com

Kunst soll provozieren, sie hinterfragt gesellschaftliche Grenzen und verschiebt sie auch mal. Und das, was auf Bühne und Bildschirm zu sehen ist, das soll den Zuschauer auch mal aufwühlen, schockieren, verstören. Schauspieler müssen Illusion erschaffen, nicht nur über Sprache und Gestik und Mimik, sondern oftmals auch über Kontakt mit anderen Schauspielern. «Physical Storytelling» nennen sie das in den USA, wenn Schauspieler eine Figur wahrhaftig verkörpern – das bedeutet allerdings nicht, dass sie tatsächlich zu dieser Figur werden müssen oder dass sie selbst am Ende der Dreharbeiten aufgewühlt, schockiert oder verstört sein sollen. Und es bedeutet gewiss nicht, dass Gesetze im Namen der Kunst ausser Kraft gesetzt werden dürfen.

Die Intimacy Directors International haben deshalb ein Protokoll für den Umgang mit diesen Szenen entwickelt, die nicht immer gleich mit Sex zu tun haben müssen. Intim kann demnach ein Kuss sein, eine Umarmung, das Packen am Arm. Im Drehbuch steht dann oft nur «küssen sich» oder «umarmen sich» oder «packt sie heftig am Arm» – wer weiss schon, was das genau bedeutet, zumal, wenn es vielleicht zum ersten Mal im Leben passiert? «Viele Schauspieler erleben, weil sie sehr früh mit dieser Kunst beginnen, den ersten Kuss ihres Lebens auf der Bühne oder vor der Kamera», sagt Warden: «Ihnen wurde bislang gesagt: 'Jetzt wird geküsst!' Und dann wurde geküsst.»

Ein Filmkuss darf überhaupt nicht echt sein

Das IDI-Protokoll soll nun in Zusammenarbeit mit Psychologen, Anwälten und Soziologen einige Parameter für diese Szenen liefern. «Es ist ein bisschen wie bei Shakespeare: Das klare Versmass sorgt dafür, dass die Worte ihre Wucht entfalten dürfen», sagt Warden: «Bei intimen Szenen sorgen klare Regeln für Entspannung und letztlich grössere Freiheit.» Oftmals reiche bereits die Anwesenheit eines Intimacy Directors: «Die Leute wissen, dass sich jemand darum kümmert, und auch die Regisseure begreifen mittlerweile, dass wir letztlich nichts anderes tun als der Choreograf einer Tanzszene.»

Konkret bedeutet das: Warden liest das Drehbuch und bespricht mit dem Regisseur, wie der einzelne Szenen inszenieren möchte, dann folgen Gespräche mit den Schauspielern: «Es wird möglichst klar festgelegt, wie alles ablaufen soll.» Während der Dreharbeiten steht Warden neben der Kamera. Manchmal seien es scheinbare Nebensächlichkeiten, sagt sie, die Schauspieler beruhigen würden, ein Pfefferminzbonbon vor einem Kuss zum Beispiel oder ein Kissen für eine Schauspielerin, die so tun muss, als würde sie ihren Partner auf Knien oral befriedigen.

Wie ist das eigentlich mit Method Acting, also jener Technik, bei der ein Schauspieler möglichst mit seiner Figur zu verschmelzen will? Wenn er plötzlich etwas tut, das nicht im Drehbuch steht? «Das lasse ich nicht als Ausrede für sexuelle Belästigung gelten, weil selbst ein Method-Acting-Schauspieler auf Regieanweisungen hört wie etwa die, dass er lauter sprechen soll. Warum sollte seine Hand plötzlich irgendwo auftauchen, wo sie nicht hingehört?», sagt Warden: «Wenn ein Schauspieler glaubt, dass es der Geschichte helfen würde, wenn er seine Hand irgendwo anders als vorher verabredet platziert, dann kann er mit mir, seiner Partnerin und dem Regisseur darüber reden – und wir finden gemeinsam eine Lösung.»

Der Pay-TV-Sender HBO hat nach erfolgreichen Experimenten bei Dreharbeiten zu Serien wie The Deuce, Crashing und Watchmen angekündigt, künftig bei sämtlichen Produktionen einen Intimitäts-Koordinator beschäftigen zu wollen. Die IDI-Gründerinnen, die gerade 22 Leute ausbilden, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, hoffen nun, dass ihr Protokoll in den neuen Tarifvertrag zwischen Schauspielern und Produktionsfirmen eingefügt wird, der im kommenden Jahr verhandelt wird. Die Zeit der Ausreden soll dann endgültig vorbei sein und damit auch die der Unsicherheit.

«Ich arbeite gerade mit einem Schauspieler, der einen Vergewaltiger spielen muss», sagt Warden: «Es ist eine der kniffligsten Rollen, die es gibt. Wenn wir vorher mit allen Beteiligten festlegen, was passieren wird, dann kann sich dieser Schauspieler innerhalb dieses Rahmens entfalten und eine grossartige Leistung liefern, die dann möglichst authentisch wirkt.»

Was viele vergessen: Ein Filmkuss darf überhaupt nicht echt sein, damit er auf der Leinwand echt aussieht. Es braucht deshalb, wie bei Raufereien auch, eine Choreografie, die eine Szene am Ende so erscheinen lässt, dass der Zuschauer sie glaubt. Genau das stört Warden, neben der sexuellen Belästigung, auch an dieser Szene in Der letzte Tango in Paris. Sie sagt: «Ich glaube, dass ich eine bessere, eine realistischere Szene hinbekommen hätte – ohne Verwirrung, ohne Angst, ohne Trauma.»

Süddeutsche Zeitung

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