Die vielen Arrangements der Liebe

Der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski hat mit «Cold War» den Liebesfilm des Jahres gedreht.

 Liebe im Schatten des Kalten Krieges: Zula (Joanna Kulig) und Wiktor (Tomasz Kot) in «Cold War». Foto: Filmcoopi

Liebe im Schatten des Kalten Krieges: Zula (Joanna Kulig) und Wiktor (Tomasz Kot) in «Cold War». Foto: Filmcoopi

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Falls man sich vor Jahresende noch in einen Kinofilm verlieben möchte – hier ist «Cold War» von Pawel Pawlikowski, Regiepreis in Cannes, Oscarkandidat Polens. Hinreissend, wie es dieses Melodram schafft, Gefühle auf den Moment zu bringen, in wunderbar kontrastreichem Schwarzweiss noch dazu. Nicht, dass es eine Liebe ohne Hindernisse wäre, wenn man sich in diesen Film verguckt. Manchmal wird einem der Zwang zur Formvollendung zu viel. Aber wenn man ihn gesehen hat, möchte man nicht mehr ohne ihn sein.

Der Komponist und Dirigent Wiktor (Tomasz Kot) zeichnet im Polen der Nachkriegszeit Volkslieder auf und arbeitet sie dann um für das Tanz- und Folkloremusikensemble Mazurek. Eines Tages singt dort die Tänzerin und Sängerin Zula (Joanna Kulig) vor. In Ostberlin ergreift Wiktor später die Gelegenheit zur Flucht in den Westen. Zula getraut sich nicht. Im Exil in Paris treffen sie sich wieder, und es endet dort, wo es begonnen hat, in Polen auf dem Land.

Ganze Jahre ausgelassen

Der polnisch-britische Regisseur und polyglotte Intellektuelle Pawel Pawlikowski trennt die knappen Szenen scharf voneinander und schafft makellose Bildkompositionen. Menschengruppen wirken flächig wie Wände, Köpfe sind ums Zentrum drapiert. Alles ist gesagt, weil nichts gesagt wird; was er hier alles auslässt, ganze Jahre! «Man riecht es ja sofort», sagt der Regisseur beim Treffen, «wenn Figuren im Kino nicht miteinander reden, sondern zum Publikum sprechen.» Um die Geldgeber für den Film nicht zu verwirren, schrieb er ein ausführlicheres Konzept. «Das Drehbuch war aber nur schlechte Literatur.» Alle Kraft sei ins Filmemachen gegangen, in die Szenen und die Körpersprache.

Das erste Mal, als wir Zula sehen, wartet sie auf einer Bank, bis sie mit Vorsingen für die Mazurek-Truppe an der Reihe ist. Sie sitzt leicht vornübergebeugt, hat die Arme verschränkt und löchert ihre gelangweilten Konkurrenten mit Fragen: die Pose einer Person, die aufs Provozieren aus ist (der Film ist voll solcher überscharfer Miniaturen). Wenig später hat Zula das Lied ihrer Banknachbarin gekapert und Wiktor zudem mit einem Song aus einem sowjetischen Filmmusical bezirzt.

Wiktor verführt sie darauf mit ein paar Gershwin-Tönen auf dem Klavier. Ihre Liebe steht ab dann im Raum, ohne dass man Gründe brauchte, sie zu glauben. Sie ist einfach hier, und Pawlikoswki spiegelt sie in der Musik, die auch ständig neu arrangiert wird: Von Anfang an träumt Wiktor von den Klängen des Westens. Nach seiner Flucht begeistert er sich für den Bebop, später in Paris lebt er mit Zula in einer Dachwohnung und versucht, aus ihr eine Chansonnière zu machen, indem er die alten Lieder aus der Heimat jazzifiziert.

In Polen war Zula dank Mazurek so etwas wie ein Star, in Frankreich schrumpft sie zum Liebhaberprojekt eines Bohèmiens. Zula sträubt sich und fährt zurück in ein Polen, das jetzt beginnt, sich der Welt zu öffnen und vermehrt jene ausländische Musik erlaubt, die Wiktor so gefällt. Aber davon kriegt Zula nun nur noch den Vamp-Look und eine läppische Exotica-Band ab.

Folie der Ideologie

Das ist schon mal reizvoll intelligent, als Geschichte von kulturellen Hürden und Zufällen der Geschichte. Darüber legt Pawlikowski zusätzlich die Folie der politischen Ideologien. Bald wird die Mazurek vom Staat vereinnahmt und tritt vor einem Stalin-Porträt auf – volksnahes Exportgut für die sozialistische Sache. Als sich Zula und Wiktor in Paris wiederfinden, entpuppt sich er als geschmeidiger Künstlertyp, der sein kompositorisches Talent mit Gewinn im westlichen Markt einsetzt und auch schon eine Frühform des Networkings praktiziert. Da schreckt Wiktor dann auch nicht davor zurück, Zulas Herkunft aus schwierigen Verhältnissen als Verkaufsargument für ihre Popkarriere zu verwenden.

Der Film «Cold War» zeigt, dass Kunst immer schon verformt ist durch die gesellschaftliche Situation. Künstlerische Unbestechlichkeit gibts weder im Osten noch im Westen: Wer eine Vorstellung hat, was er aus sich machen will, muss Dinge mit sich machen lassen und den Charakter zerbeulen.

Traurige Fatalität

Pawlikowski kam als Jugendlicher Anfang der 70er-Jahre aus Polen in den Westen. Bereits im oscarprämierten Drama «Ida» (2013) um eine Klosternovizin thematisierte er die Geschichte des Landes und die Vitalität, die erstickt wird. In «Cold War» ist die Musik die Maske, die nicht immer passt, und Systeme erscheinen als Zwangsordnungen, die selbst Intimbeziehungen zu zerstören vermögen.

Zula und Wiktor wissen voneinander nicht, was die Zeit aus dem anderen gemacht hat. Aber ihre verrückte Liebe hält als unverrückbare Tatsache den Verhältnissen irgendwie stand. Ihre Schönheit und ihre ganze traurige Fatalität steckt im Unausgesprochenen, und so ist das Kino von Pawel Pawlikowski.

Ab heute in den Kinos. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 28.11.2018, 17:57 Uhr

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