Die Verbindung der Dinge

Kameramann Fabrice Aragno hat mit Jean-Luc Godard «Adieu au langage» gedreht. Der verspielte 3-D-Film voller Brüche zwingt uns dazu, die Bilder selber zusammenzufügen.

Lustiger Dreh: Fabrice Aragno (rechts) werkelt an der Kamerafahrt, Jean-Luc Godard pausiert. Foto: © Zoé Bruneau, Ed. Maurice Nadeau

Lustiger Dreh: Fabrice Aragno (rechts) werkelt an der Kamerafahrt, Jean-Luc Godard pausiert. Foto: © Zoé Bruneau, Ed. Maurice Nadeau

Pascal Blum@pascabl

Was das wohl bedeutet? Zum Beispiel der Sprung von der Hitler-Parade zur Tour de France. Zwei Bilder, ein Schnitt, ein drittes Bild im Kopf. Aber welches? Tyrannei als Massenereignis? Ständig stellt man sich solche Fragen in Jean-Luc Godards 3-D-Film «Adieu au langage». Dabei ist die Sache mit Hitler und den Velofahrern nicht so kompliziert. Godard habe ferngesehen, erzählt Fabrice Aragno, seit ein paar Jahren Godards ­Kameramann. Auf einem Schirm lief die Tour de France, auf einem anderen ein Bericht über Hitler. Beides filmte Godard mit einer handlichen Kamera, Fabrice Aragno katalogisierte die Aufnahmen und gab sie ihm zurück. «Ich fand die Ähnlichkeiten zwischen der Parade und der Tour de France amüsant», sagt Aragno. «Zweimal Jubel, zweimal die gleichen Gesten. Godard sagte: ‹Stimmt. Sie haben das auch gesehen.›» Und wir sehen es jetzt auch. So einfach, erst mal.

Godard versuche nicht, etwas zu sagen, erklärt Aragno. Der Neuenburger vertreibt «Adieu au langage» in der Schweiz und tourt mit Schachteln voller 3-D-Brillen durch kleine Kinos in Genf, La Chaux-de-Fonds, Zürich; ein liebe­voller Parcours für einen Film, der im regulären Programm wenig Zuschauer anlocken würde. «Es geht ihm ums Assoziieren. Er verbindet die Dinge, ohne dass er erklärt, was man darin sehen soll.» Verbindet und teilt damit die Kritiker, unter denen man nur Godard-Versteher oder Godard-Hasser findet; zwei Lager, die sich höchstens noch in ihrem Sinn für Übertreibung treffen. Mit «Adieu au langage» hat Jean-Luc Godard 2014 zum ersten Mal in Cannes einen Preis erhalten. Er tauchte dort so wenig auf wie letzten Freitag an der Verleihung der Schweizer Filmpreise in Genf, wo er für sein Lebenswerk geehrt wurde.

Aber auch damit, sagt Aragno, zeige uns Godard die Welt. Er bleibt den Events fern und biegt sie so auf sich selbst zurück, bis sie sich selbst anschauen. Auch «Adieu au langage», Godards erster Langfilm in 3-D, ist eine Art Spiegel. All die abrupt einschiessenden Bildsplitter gehorchen einer Doppelstruktur. Es ist die Geschichte von Männern und Frauen, die zusammenkommen und auseinandergehen. Die Geschichte von «Natur» (Kapitel eins) und «Metapher» (Kapitel zwei), von nackten, trägen Menschenkörpern und dem romantischen Ideal des alten Hollywoodkinos auf den Fernsehschirmen dahinter. Von einem Hund, der mit der Welt eine Verbindung eingeht, und Erwachsenen, denen das Bewusstsein den Blick verstellt hat. Fast jedes Bild bekommt später ein Echo, und würde man den Film knicken und auf sich selbst zurückfalten, sähe man den Aufbau.

«Er führt mit dem Gaspedal»

Fabrice Aragno zeigt es in einem Spiralbuch, Godards «cahier de montage», in dem die Bilder des Films abgedruckt sind. Auf der rechten Seite sieht man eine Sequenz aus dem ersten Teil, auf der linken die entsprechende aus dem zweiten. Überall gibt es Spiegelungen. «Manchmal geschieht etwas zufällig, dann entsteht Neues.» Aber inkohärent sei der Film nicht. Vielmehr treibt die Montage die Ordnung auseinander und entfesselt die Story. Die Stücke der Erzählung fliegen auf und werden einen Wimpernschlag später in den Boden gestampft; die Musik wird auf einem Kanal hochgefahren und gleich von einem Dialog auf dem zweiten Kanal torpediert.

«Manche denken, es gebe eine detailliert reflektierte Ästhetik. Sie stellen Thesen über Farben auf. Aber unsere Entscheidungen sind nicht Resultate von Thesen. Wir finden manches einfach aus dem Moment heraus interessant.» Im Familienurlaub hat Aragno mit 3-D experimentiert und seine rennenden Kinder gefilmt. Er sei da eine Art Fee für Godard, sagt Aragno. «Ich spiele herum, danach gebe ich ihm die Aufnahmen, und er nimmt sie oder nicht. Oder es provoziert ihn.» Dann stellt Godard wieder seine eigenen Tricks dagegen. Einmal, auf dem Dreh, sei die kleine Equipe in Godards Hyundai gestiegen. «Die Schauspieler hinten, Godard am Steuer mit der Zigarre im Schnabel, ich direkt daneben. Er ist gefahren wie ein Irrer. Die Schauspieler waren blau im Gesicht und mussten ihre Zeilen sagen, ‹Auf Russisch heisst Kamera Gefängnis›, solche Dinge. Sie spielten gut. Godard führte sie sozusagen mit dem Gaspedal.»

Die Stimmung auf dem Dreh bleibe aber zärtlich, sagt Aragno. Und spielerisch ernsthaft, so wie auf dem obigen Foto, das eine Schauspielerin geschossen hat. Es zeigt den Versuch eines Travellings, bei dem die Kameras auf Modelleisenbahnen festgeschraubt sind. Vom Boden aus entstehe eine Art «Hundesicht», sagt Aragno. Jean-Luc Godard habe die Idee «gar nicht schlecht» gefunden. Also hat Aragno die Wagen umgerüstet, links sieht man die Apparatur mit den zwei Kameras, die es für 3-D braucht. «Man könnte denken, dass wir uns wie kleine Kinder vergnügen. Aber wir haben die Schienen sehr ernsthaft gelegt. Wir haben alle am Boden gekniet, und Godard rief: ‹Eine Kurve, eine Kurve!›» Aus Spass habe er dann den Despoten gespielt und seinen Fuss auf dem Kameramann abgestützt. «Jetzt sieht es so aus, als habe Godard auf mir herumgetrampelt. Stimmt gar nicht!»

Der unbekümmerte Witz ist in «Adieu au langage» sehr wohl zu spüren, genauso wie die Brüche in den Bildern. «Die Dinge sind getrennt voneinander, aber wir mögen es, sie zusammenzusetzen und im Kopf zu vermischen.» Auf keinen Fall solle der Film glatt wirken. Wenn man einmal den Schatten der Kamera sehe, erkenne man, dass es eine Maschine hinter allem gebe, sagt Fabrice Aragno. «Es ist ja auch ein poetischer Film, aber es gibt Dinge, die sind roh. Eine Dynamik von Lyrik und Banalität.»

Eine Trennung für alle

Besonders kantig ist die 3-D-Technik, die uns nicht einlädt, in die Tiefe zu tauchen, sondern die Welt irreal verbiegt. Sie werde zu einem «Flachrelief», sagt Aragno, der die zwei 3-D-Kameras weiter voneinander entfernt hat, als man es sollte. Ein-, zweimal schwenkt er eine der beiden Kameras so weit nach rechts, dass sich das stereoskopische Bild auseinanderzieht – und wir für einen Moment auf dem linken Auge etwas anderes sehen als auf dem rechten. «La séparation» habe er diese Einstellung genannt, und Godard habe gesagt: «Interessant, das können wir vielleicht verwenden.»

Die Einstellung ist jetzt im Film, sie musste fast hinein. Denn Godard, der das Kino stets als etwas Gemachtes gezeigt hat, lässt uns jetzt für einen Augenblick selber Kino machen. Wir kriegen zwei Bilder für zwei Augen und können sie selber montieren, indem wir blinzeln. Es ist eine Trennung, die uns vereint: als tätige Zuschauer im Kino.

«Adieu au langage» läuft derzeit im Kino Xenix in Zürich.

Tages-Anzeiger

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