Das Heimweh nach der Ferne

Die Schweizer Volksmusik verdankt der jenischen Kultur mehr, als bisher bekannt war: Ein neuer Dokumentarfilm verfolgt ihre Spuren.

Trailer des Dokumentarfilms «Unerhört Jenisch». Quelle: Youtube/ freneticfilms

Regula Fuchs

«I weiss nid, was es isch», singt Stephan Eicher. «Gspürsch das da inne? / Ganz tief inne. / Ganz, ganz schwär. / I weiss nid, was es isch, / Aber da chumi här.» Vielleicht ist es ja seine jenische Herkunft, die der Barde aus Münchenbuchsee hier besingt, oder vielleicht auch etwas ganz anderes. Einen passenderen Refrain für den Dokumentarfilm «Unerhört jenisch» könnte man sich aber kaum vorstellen.

Vor sechs Jahren, als sie die Arbeit am Film begannen, wussten Karoline Arn und Martina Rieder nämlich auch nicht so genau, wohin die Reise führen würde. Der jenischen Kultur in der Schweiz nachspüren, das wollten die beiden, nachdem sie 2010 in «Jung und jenisch» junge Fahrende porträtiert hatten. Doch was macht diese Kultur aus? «Das Fahren», sagt Karoline Arn, «ist es nicht alleine. Schliesslich sind nicht alle Jenischen auch Fahrende.» Was die beiden Filmemacherinnen allerdings überall angetroffen hatten, das waren Klänge. Und das Schwyzerörgeli. Und jene Musik, die man «Hudigäggeler» nennt.

Jahre der Verfolgung

Zufall war das nicht. Doch eine Antwort auf die Frage, warum so viele Jenische ausgerechnet Ländlermusik spielten, bekamen Arn und Rieder nicht so schnell. Musiker? Die gebe es in ihren Familien nicht, hiess es allerorten. Auch bei Stephan Eicher zu Hause wurde kaum über die Musik und noch viel weniger über die jenischen Vorfahren gesprochen. Einzig Vaters Instrumentensammlung im Keller unterschied die Eichers von den Nachbarn. Warum aber dieses Schweigen?

Hier setzt die zweite Erzählung des Films ein. Denn die Geschichte der jenischen Musik ist nicht zu verstehen ohne die Geschichte der Verfolgung. Und die begann schon lange vor der Aktion «Kinder der Landstrasse», während der Kinder von Fahrenden zwischen 1926 und 1973 «zwangsversorgt» wurden. Sie nahm ihren Anfang in der systematischen Registrierung, Überwachung und Diffamierung der Jenischen seit Beginn des 20. Jahrhunderts, die schliesslich auch den Weg bereitete für die Verfolgung in Nazi-Deutschland.

«Normalerweise sind die Leute stolz auf ihre Musiktradition; die Jenischen aber schämen sich oft dafür.»Regisseurin Martina Rieder

Karoline Arn und Martina Rieder stiessen auf die Publikationen des Bündner Psychiaters Joseph Jörger, der die jenischen Familien ab 1905 als Vaganten und als «imbezil» bezeichnete, also als blödsinnig. «Zwar stellte Jörger fest, dass diese Leute in Sachen Musik sehr begabt seien, doch Tanzmusik galt als Laster, das die Menschen zum Feiern, Tanzen und Trinken animiere», so Arn. Die jenische Musik kitzelte etwas wach, das in der bürgerlichen Kultur verpönt war. «Daher rührt das eigentlich Tragische», sagt Martina Rieder: «Normalerweise sind die Leute stolz auf ihre Musiktradition; die Jenischen aber schämen sich oft dafür.»

So waren einige Zufälle und viel Fingerspitzengefühl nötig, bis jene Menschen gefunden waren, die bereit waren, vor der Kamera über ihre Musik und ihre Herkunft zu sprechen. Die Filmemacherinnen stocherten oft im Nebel – etwa als sie zum ersten Mal ins bündnerische Obervaz fuhren und den Ort erst gar nicht fanden, da die Gemeinde aus fünf Dörfern besteht. Eine ältere Frau half den Gestrandeten weiter, und der Zufall wollte es, dass es sich dabei um Luisa Moser handelte, die Ehefrau von Jakob Moser, einem der Gründer der Kapelle Vazer Buaba. Es war das Vertrauen Luisa Mosers, das Arn und Rieder weitere Türen öffnete.

Ins Bündnerland waren die Regisseurinnen gekommen, weil die Familiengeschichte von Stephan Eicher sie dorthin geführt hatte. Und als sich der Nebel in Obervaz lichtete, entdeckten Arn und Rieder einen Stammbaum voller Musik, mit den Familien Kollegger, Moser und Waser, die mit den Eichers nicht nur die Vorfahren gemeinsam haben, sondern auch die Tradition des Musizierens – bis heute. Da werden im Film nicht nur die Instrumente gezückt, sondern auch Familienalben aufgeblättert mit Bildern von schnauzbärtigen Urvätern mit Hüten und Bassgeigen. Es wird erzählt von Vorfahren, die nächtelang in den Beizen musizierten, oder von jenem begabten Klarinettisten Paul Kollegger (1872–1927), der Postillon war und es sich nicht nehmen liess, bei jedem Etappenhalt aufzuspielen.

Eine Familientradition

Fränzli Waser (1858–1895), der Begründer der Fränzli-Musik, war der wohl bekannteste von ihnen, aber bei weitem nicht der einzige. Wer im Bündnerland Volksmusik spielte, hatte mit grosser Wahrscheinlichkeit jenische Wurzeln. Wissenschaftlich dokumentiert ist das bisher kaum, denn die Jenischen verschriftlichten ihre Musik nicht, sondern gaben die Tänze und Lieder von Generation zu Generation weiter. Es kam nicht selten vor, dass auf einmal ein Nichtjenischer als Autor eines Stücks firmierte, sobald es aufgeschrieben wurde.

Wie der Hudigäggeler hat auch seine Musik Wurzeln in der jenischen Kultur: Stephan Eicher, unterwegs mit Mitmusikern. Foto: PD

Die Schweizer Volksmusik, der Hudigäggeler, die Ur-Musig, der Ländler: Das alles soll also mit der jenischen Kultur nicht nur verbandelt, sondern sogar eng verwandt sein? Das ist der Clou und die aufregende Erkenntnis der Recherche von «Unerhört jenisch». Aufregend, weil klar wird, dass das vermeintlich Homogene und schweizerisch Urwüchsige auch Wurzeln im beunruhigend Ungefähren hat, im schwierig zu Verortenden dieser jenischen Kultur.

Jenischer Zwick

Muss also nun die Geschichte der Schweizer Volksmusik neu geschrieben werden? Nein, findet Karoline Arn. Aber die jenische Musiktradition solle ihren Platz darin bekommen. «Schon im Mittelalter waren es ja die Spielleute, die Tanzmusik machten, nicht die Sesshaften. Man kennt diese Tradition durchaus. Nicht bekannt ist, dass sie sich bis heute fortsetzt.» Es liege ihnen aber fern, zu polarisieren oder einen Streit über die Ursprünge der Schweizer Volksmusik vom Zaun zu brechen, betonen die Filmemacherinnen. «Unser Film soll in erster Linie eine Hommage sein an den Reichtum dieser Kultur, an das grosse Geschenk, das die Schweizer Musik durch sie erhalten hat.»

Wo das hörbar wird? Im sogenannten jenischen Zwick etwa, diesem ungeheuer schmissigen Sound. Jenische Musiker konzentrierten sich nicht auf die Noten, sondern auf den Klang oder, wie Karoline Arn sagt, auf die «Seele der Musik». Es dringt da schon etwas Besonderes durch diesen alten Sound – auch für die, deren Ohren für Volksmusik sonst verschlossen sind. In einer Szene des Films sitzt die Familie Kollegger – Grossvater, Vater, Söhne – gemeinsam in der Küche und musiziert, während im Hintergrund die Kochtöpfe dampfen. Als das muntere Lied fertig ist, hört der Klang aber nicht auf, das Örgeli schnauft weiter, in lang gezogenen Molltönen, ­gekreuzt von sehnsüchtigen Melodieschlenkern.

Und auf einmal scheint ein imaginäres Fenster aufzugehen in dieser Bündner Küche. Eines, das den Blick öffnet hinaus in die weite Welt. Da ist die Gitano-Musik von Stephan Eicher dann auch plötzlich ganz nahe, und selbst wenn sich der Berner nicht sicher ist, wie stark ihn das Jenische wirklich geprägt hat: In der Musik klingt es an. «Ghörsch das dört usse? / Ganz wiit usse. / Ganz, ganz liis. / I weiss nid, was es isch, / Aber es isch, als wärs mis.»

In den Kinos ab 2. 2.

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