Die Schweizer Oscars sind weiblich – und schwarz?

Auch dieses Jahr wird der Filmpreis Quartz wohl von einer Frau gewonnen – offen ist die Frage, ob die Preisträgerinnen wie verlangt in schwarzer Kleidung erscheinen werden.

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Die Aufforderung ist klar: «Liebe nominierte Frauen», schreibt die Drehbuchautorin Stéphane Mitchell an die Kandidatinnen für den Schweizer Filmpreis, «um unsere Unterstützung für die weltweite Time’s-Up-Bewegung zu bekunden, schlägt Swan vor, dass wir alle Schwarz tragen.» Swan ist ein Netzwerk für Frauen in Filmberufen, die Preise werden am Freitagabend in Zürich verliehen. Und die Chance, dass tatsächlich eine Regisseurin gewinnt, ist gross.

Die Zürcherin Lisa Brühlmann startet als Favoritin in die Verleihung. Ihr Adoleszenz-Drama «Blue My Mind» ist in nicht weniger als sieben Kategorien nominiert, darunter auch als bester Spielfilm, wo sie mit grossen Chancen gegen vier Männer antritt. Falls sie gewinnt, wäre sie die siebte Frau in den letzten zehn Jahren, die diesen Quartz nach Hause bringen kann.

Oscars und Golden Globes: je nur eine Frau

Das ist eine weitaus bessere Bilanz als bei den Golden Globes, wo Frauen im Januar mit einer Schwarzkleider-Aktion für Aufsehen sorgten: In den 75 Jahren dieses Preises der Hollywood-Auslandspresse sind sieben Frauen als beste Regisseurinnen nominiert worden, aber nur Barbra Streisand mit «Yentl» gewann – vor 34 Jahren. Bei den Oscars Anfang Monat wurde auf eine Kleideraufforderung verzichtet (die Idee war damals bereits etwas abgedroschen, nachdem an anderen Verleihungen nachgezogen worden war). Aber die Bilanz beim prominentesten Filmpreis ist noch schlechter: fünf nominierte Regisseurinnen in 90 Jahren und mit Kathryn Bigelow eine einzige Siegerin für «Hurt Locker».

Ganz vergleichbar ist die Situation mit dem Schweizer Filmpreis nicht, weil es da die Kategorie «Beste Regie» nicht gibt. Aber seit die Gewinnerinnen und Gewinner im Jahr 2009 von der Schweizer Filmakademie ermittelt werden, haben tatsächlich sechsmal Regisseurinnen den Preis für den besten Spielfilm gewonnen, Sabine Boss zum Beispiel für «Der Goalie bin ig» oder zweimal Ursula Meier (für «Home» und «Sister»). Männer kamen nur drei zum Zug, darunter letztes Jahr Claude Barras, der mit «Ma vie de Courgette» Petra Volpe und «Die göttliche Ordnung» ausstach. Bei den Nominationen verschiebt sich dagegen das Kräfteverhältnis, aber nicht so extrem wie in Hollywood: In den letzten zehn Jahren waren 41 Männer nominiert und 14 Frauen.

Vor der Gründung der Schweizer Filmakademie wurden die seit 1998 existierenden Schweizer Filmpreise von jährlich wechselnden Kommissionen ermittelt, die eher Männer auszeichneten. Insgesamt wurden bis heute 13 Regisseure prämiert und 9 Regisseurinnen. Beim Dokumentarfilm sind es 16 Männer und 5 Frauen. In der Drehbuchkategorie ist das Verhältnis ausgeglichen (10 Männer, 10 Frauen), bei der Musik, der Montage und der Kamera dominieren dagegen die Männer.

Viel mehr Männer als Frauen im Akademie-Vorstand

Natürlich sind die Frauen in diesen Berufen immer noch untervertreten, und auch sonst gibt es einige Gründe, schwarz zu tragen am Freitag. Die Filmakademie selber mit ungefähr 500 Personen aus der Branche ist zum Beispiel ein männlich dominiertes Gremium: 36,2 Prozent der Mitglieder sind Frauen. Bei der Gründung betrug allerdings der Frauenanteil nur 27,6 Prozent, im Jahr 2013 dann schon 32,6 Prozent, die Tendenz gehe in die richtige Richtung, konstatierte Akademie-Präsident Christian Frei anlässlich der Nominierungsveranstaltung an den diesjährigen Solothurner Filmtagen. Er musste allerdings gleich anschliessend auf der Bühne einen Seitenhieb von Moderator Bänz Friedli einstecken, der die Zahlen des Vorstands hervorzog: Im Leitungsgremium sitzen nämlich neun Männer. Und nur zwei Frauen.

Die Verleihung des Schweizer Filmpreises findet am Freitag, 23. März in Zürich-Oerlikon statt, sie kann als Livestream auf SRF verfolgt werden. Um 21.35 Uhr gibt es eine Zusammenfassung auf SRF 2

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2018, 18:33 Uhr

Viele Preise, kaum Publikum

Preise hat «Blue My Mind» seit der Premiere am Filmfestival von San Sebastian im September zahlreiche gewonnen und mit sieben Nominationen egalisierte das Coming-of-Age-Drama auch den Rekord beim Schweizer Filmpreis. Doch im Kino tat sich der Film über die Verwandlung eines Mädchens in eine Meerjungfrau schwer: Nur gerade 3339 Zuschauerinnen und Zuschauer wollten laut der Pro-Cinema-Statistik den Film seit dem Start im November sehen. Mit dem Schwung des Filmpreises sollen mehr dazu kommen. Es gebe bereits Buchungen, um ihn nach der Verleihung erneut zu zeigen, sagt Micha Schiwow von Frenetic Films. Und: «Wenn ‹Blue My Mind› gewinnt, werden bestimmt noch einige Leinwände für ihn geöffnet.»

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