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Die Leichen bitte richtig stapeln

Der Norweger Hans Petter Moland hat mit «Einer nach dem anderen» eine schwarze Komödie über einen Schneefräsenfahrer gedreht.

«Bruno Ganz ist einer der grössten Schauspieler unserer Zeit», sagt Regisseur Hans Petter Moland. Foto: Sophie Stieger
«Bruno Ganz ist einer der grössten Schauspieler unserer Zeit», sagt Regisseur Hans Petter Moland. Foto: Sophie Stieger

Der Mann holt aus einem Auto 15 Kilo Kokain und verstreut sie sorgfältig in der verschneiten Landschaft. Er verstaut den toten Fahrer des Autos in der Schneefräse. Dann startet er diese und schiebt das Auto des verblichenen Drogenhändlers in einen Abgrund. Die Leiche wird anschliessend in einem Wasserfall entsorgt.

Diese Bilder bleiben lange im Kopf hängen. Sie stammen aus dem neuen Film des Norwegers Hans Petter Moland. Die schwarze Komödie läuft bei uns ­unter dem Titel «Einer nach dem anderen». Im Original heisst sie «Kraftidioten». «Das ist eigentlich ein dänisches Wort», erklärt Moland, ein schlanker, hochgewachsener Mann, der in den USA Film studiert hat und dem man seine 59 Jahre nicht ansieht, bei einem Besuch in Zürich. «Es bedeutet ‹Vollidioten› und war unser Arbeitstitel. Dann kam ich auf den englischen Titel ‹In Order of Disappearance›, der mir so gut gefiel, dass ich verzweifelt nach einem norwegischen Pendant gesucht habe, aber vergeblich.»

Auf Deutsch wäre «In der Reihenfolge ihres Verschwindens» etwas umständlich gewesen, träfe die Sache aber ganz genau. Erzählt wird die Geschichte eines braven Mannes, des Schneefräsenfahrers Nils Dickman. Gespielt wird er vom grossen Stellan Skarsgård, der damit zum vierten Mal in einem Moland-Film mitwirkt und mit seiner Leistung erneut tief beeindruckt. (Bei uns sah man bisher nur «En ganske snill mann», 2010.) So zuverlässig räumt Nils den Schnee von den Zufahrtsstrassen zu einem norwegischen Provinzkaff, dass er zum «Bürger des Jahres» gewählt worden ist. Dies, obwohl er Ausländer ist, nämlich Schwede.

Doch dann zerstört eine Katastrophe sein beschauliches Dasein: Drogenhändler halten seinen Sohn für einen Dieb, verpassen ihm eine Überdosis Heroin, und so finden sich Nils und seine Frau im Leichenschauhaus wieder, um ihren Sohn zu identifizieren. «Mein Sohn war kein Junkie», sagt Nils. «Das sagen alle Eltern», erwidert der Polizist, für den der Fall damit erledigt ist.

«Natürlich ist ‹Kraftidioten› eine Art Komödie», erklärt Moland, «aber ich wollte mich durch keinerlei Gattungskonventionen einengen lassen, vielmehr Tragisches und Komisches nebeneinanderstellen.» Also spielen in der Szene im Leichenschauhaus die Darsteller der Eltern, als befänden sie sich in einem Film von Ingmar Bergman. Die Leiche des Sohnes liegt aber in einer Schublade ganz unten, und bis die Rollbahre mit der Leiche darauf auf Hüfthöhe hochgepumpt worden ist, dauert das endlos lang, was absurd komisch ist: «Normalerweise kommen in Filmen Leichen im Schauhaus immer auf idealer Kamerahöhe aus dem Kühlfach gerollt. Doch wir drehten in einem echten Leichenschauhaus, und da entdeckte ich einen Zettel an der Tür, auf dem stand, man solle Leichen von unten nach oben stapeln. Das hat mich in seiner Sachlichkeit beeindruckt, und so habe ich es für meinen Film benutzt.»

Sein Drogenboss ist Veganer

Nils erfährt, dass sein Sohn tatsächlich umgebracht worden ist, prügelt aus dem ersten Mittäter heraus, wer sein Auftraggeber gewesen ist, erwürgt ihn und arbeitet sich systematisch die «Nahrungskette» hoch in der Hoffnung, so den grössten Fisch zu erwischen. Dieser Drogenboss, genannt «der Graf», liebt seinen Sohn, lebt vegan und bringt seinen Angestellten zu einem Foltertermin fürsorglich Kaffee mit. Der Graf kann sich gar nicht vorstellen, dass da ein Amateur seine Leute umbringen könnte, und versteift sich auf die Idee, die Serben­mafia müsse dahinterstecken.

Die Serben werden angeführt von Papa, gespielt von Bruno Ganz. Gefragt, warum Moland ausgerechnet einen Schweizer Schauspieler einen serbischen Mafiaboss darstellen lasse, meint er: «Ihr Schweizer seid euch dessen vielleicht nicht bewusst, aber Bruno Ganz ist einer der grössten Schauspieler unserer Zeit. Ich habe mir immer schon gewünscht, mit ihm arbeiten zu können. Und ich habe die Rolle von Papa so umgeschrieben, dass Bruno sie gut spielen konnte: Papa hat deshalb eine grosse Narbe am Hals und spricht fast nie.» Ganz muss im Film nur einen Satz auf Serbisch sagen – aber er überzeugt auch so.

Insgesamt wird man in «Einer nach dem anderen» ständig hin- und hergerissen: Die Bilder der Schneefräse, die sich durch die unberührte Landschaft frisst, sind betörend schön (Kamera: Philip Øgaard). Aber manchmal drückt Moland zu sehr auf die Tube, verwendet Zeitlupe und serbischen Gesang, um einen Wendepunkt zu signalisieren, lässt den Grafen allzu heftig ausrasten. Doch das Drehbuch hat Witz; wie «Fargo» der Brüder Coen ist «Einer nach dem anderen» eine schwarze Komödie, die im Schnee spielt und in der es viele Tote gibt. Und wie in allen neueren Filmen von Tarantino ist Rache der Motor der Geschichte.

Den Vergleich mit den Coens lässt Moland sich gefallen – «auch wenn diese kein Monopol auf Männer haben, die sich idiotisch anstellen». Doch mit dem Thema Rache gehe er ganz anders um als Tarantino: «Bei ihm ist Rache folgenlos. Man freut sich, dass ein Bösewicht abgeräumt wird, und damit hat es sich. Mich hat etwas ganz anderes interessiert: Was geschieht, wenn ein ehren­hafter, wohlerzogener Mann wie Nils, der Bürger des Jahres, sich zu rächen beschliesst? Wie geht er vor, und vor allem, was sind die Folgen? Ich wollte, dass man sich freut, wenn er den ersten Drogenhändler erwischt und verprügelt. Doch wenn er ihn fast zu Matsch haut und erwürgt, wollte ich, dass man erschrickt und sich schämt, dass man sich vorher so gefreut hat. Zudem verliert Nils im Lauf der Geschichte alle, die ihm lieb sind.»

In Zürich in den Kinos Riffraff und Stüssihof.

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