Die Gangs von Locarno

Am 1. August beginnt das 71. Festival in Locarno. Das angeblich Schwierige wird dort immer beliebter.

Manchmal vermischen sich die Gruppen: Publikum auf der Piazza Grande.

Manchmal vermischen sich die Gruppen: Publikum auf der Piazza Grande.

(Bild: Locarno Festival)

Pascal Blum@pascabl

Bald gehts los, dann werden wir wieder die Plastikstühle so zwischen die Kopfsteine auf der Piazza Grande rammen, dass wir nicht wegrutschen. Dieses Jahr sind mit Spike Lees «BlacKkKlansman» oder dem TV-Mehrteiler «Coincoin» ein paar populäre Attraktionen angesagt. Im Wettbewerb lauert ein 14-stündiger Film aus Argentinien, der in drei Teilen gezeigt wird. Wir werden sehen, was das ist.

Schon länger begleitet Locarno die Klage, die Filmauswahl sei eine Zumutung. Eine Erziehungsmassnahme, bestehend aus mühsam marginalem Zeug. Auch das Piazza-Programm wurde als zu wenig kommerziell kritisiert. In den Artikeln standen immer Sätze, die mit «Es braucht jetzt» begannen.

Carlo Chatrian, seit sechs Jahren künstlerischer Leiter, wird seine letzte Ausgabe bestreiten, bevor er nach Berlin übersiedelt, um dort das Festival zu übernehmen. Auch er wiederholt gern, dass es in Locarno dazugehöre, das Publikum zu provozieren.

Ein Teil davon ist Rhetorik, wenn man weiss, wie kompliziert es geworden ist, in der zweiten Jahreshälfte an verheissungsvolle Filme heranzukommen. Venedig räumt die Grossen ab, Kleinere werden für den Herbst-Kinostart auf die Release-Strasse San-Sebastian– Zürich verlegt. Umso stärker betont Locarno den Entdeckergeist, auch wenn es sich zuweilen um die Second Cuts der aktuellen Autorenfilmproduktion handelt.

Interessant ist, dass «Signs of Life», 2014 als Sektion für die experimentellen Formen gegründet, laut Carlo Chatrian von allen Sparten den grössten Besucherzuwachs verzeichnet. Die Vorführungen sind nicht zufällig zeitgleich zum Piazza-Programm angesetzt. Die Schiene hat ein Profil und viele Anhänger. Immer mehr Leute schauen sich also Filme an, die einiges schwieriger sind als das, was auf der Piazza die Zuschauer verwirrt (letztes Jahr war es etwa die Tragikomödie «Chien», in der ein Mann ein wenig zu kläffen begann).

Was irgendwelche Insider gut finden

Das Festival, das viel auf seine cinephile Community hält, hat es eigentlich mit verschiedenen Kleingruppen zu tun: Hier die Familien vom Campingplatz, dort die Kulturfunktionäre, die auch mal einen Film schauen. Hier die Experten, die im Gran Rex für die Retrospektive anstehen, dort die Fans von «Signs of Life».

Das Schwierigste in Locarno ist deshalb, zwischen diesen Gangs zu vermitteln. Die Erwartungen sind so unterschiedlich wie die Provokationstoleranzen. Manchmal vermischen sich die Gruppen, öfter nicht. Es hilft dabei aber das, was Locarno so faszinierend macht: dass das avancierte Gegenwartskino hier eine Selbstverständlichkeit hat.

Sich auf sogenannt Schwieriges einzulassen, heisst nicht, gut zu finden, was irgendwelche Insider gut finden, denn die können meistens kaum erklären, worin die Qualität liegt. Es heisst, den Blick von Ideen und Wörtern zu reinigen. 2016 war in Locarno Jonas Mekas zu Gast, eine Legende des Avantgardefilms. In seinen Tagebüchern schrieb er: «Unser Denken ist noch immer literarisch. Wir haben keinen unmittelbaren Sinn für das Bild selbst, für das, was darin geschieht.» Für Mekas gibt es eine nonverbale Intelligenz der Bilder, die wir direkt wahrnehmen können, weil sie sich nicht in etwas anderes übersetzen lässt.

Das war 1963. Es gilt noch immer.

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