Die besten Kletterfilme – und die tiefsten Stürze

Zum Filmstart von «Everest» zeigen wir, wo das 3-D-Spektakel in Sachen Extrembergsteigen steht.

Josh Brolin auf dem langen Weg zum Gipfel im neuen «Everest»-Film.

Josh Brolin auf dem langen Weg zum Gipfel im neuen «Everest»-Film.

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Jetzt klettern sie wieder. Und zwar hoch, hoch hinaus. In «Everest» wird das Dach der Welt erstiegen, aber nicht das Gipfelerlebnis steht im Zentrum. Es geht vielmehr um die dramatischen Ereignisse im Frühjahr 1996, als acht Menschen aus verschiedenen Expeditionen in der Todeszone umkamen. US-Journalist Jon Krakauer, der selber damals auf dem Gipfel stand, hat das Drama im Bestseller «In eisige Höhen» beschrieben; der darin angeschuldigte russische Bergführer Anatoli Bukrejew hat unter dem Titel «Der Gipfel» ein Gegenbuch verfasst. Jetzt klettern sie beide auch als Figuren in diesem Hollywood-3-D-Spektakel.

Krakauer und Bukrejew sind nicht die Hauptpersonen: Im Zentrum stehen die von Jake Gyllenhaal und Jason Clarke verkörperten Leiter der kommerziellen Expeditionen, die ihre Gäste unter dem Aufbieten aller Kräfte auf den Gipfel bringen wollen. Stars wie Josh Brolin, Keira Knightley und Robin Wright sind ebenfalls mit von der Partie, aber im Zentrum bleibt dieser Berg, den der isländische Regisseur Baltasar Kormákur mit enormem technischem Aufwand auslotet. So über den Abgründen ist man im Kinostuhl noch nie gehangen.

Wo aber steht «Everest» im Vergleich zu anderen Spielfilmversuchen in Sachen Extrembergsteigen? Hier die Liste:

1. «Touching the Void – Sturz ins Leere» (2003)



Der beste Bergsteigerfilm der letzten 50 Jahre basiert auch auf einer wahren Begebenheit: Joe Simpson und sein Partner Simon Yates hatten soeben in Peru die Westwand des 6344 Meter hohen Siula Grande bestiegen, eine Meisterleistung. Beim Abstieg geschah es: Simpson brach sich ein Bein, Yates schaffte es, ihn ein Stück weit am Seil runterzubringen. Plötzlich aber hing Simpson in der Luft. Yates konnte ihn nicht halten, stürzte selber fast ab und traf eine folgenschwere Entscheidung: Er schnitt das Seil durch, liess Simpson in eine Spalte fallen und ging ins Basislager zurück – im Glauben, seinen Partner in den Tod geschickt zu haben.

Aber er überlebte. Und der Engländer Kevin Macdonald rekonstruierte diese Ereignisse als Mischung zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Der von den Toten auferstandene Simpson machte beim Projekt auch mit, war zu Beginn skeptisch und bezeichnete den Regisseur als «Londoner mit Hugh-Grant-Frisur, der noch nie Eis gesehen hat, ausser in einem Gin-Tonic-Glas». Doch alle Beteiligten rauften sich zusammen und fabrizierten ein Drama, dessen Wucht man sich nicht entziehen kann. Ein filmisches Gipfelerlebnis.

2. «127 Hours» (2010)



Man muss nicht hoch hinaus, um im Bergsteiger-Genre zu überzeugen. «Trainspotting»-Regisseur Danny Boyle erzählt die – ebenfalls wahre – Geschichte von Aron Ralston, dem beim Canyon-Klettern im US-Bundesstaat Utah durch einen sich lösenden Felsbrocken ein Arm eingeklemmt wird. Da steckt er nun fest, fünf Tage lang, und kommt nicht los. Bis er... James Franco spielt diesen Mann, der fürs eigene Überleben zum Äussersten greift. Ein wahrlich existenzielles Drama.

3. «The Eiger Sanction – Im Auftrag des Drachen» (1975)



Clint Eastwood klettert zuerst an den Fassaden im Zürcher Niederdorf herum und dann in der Eigernordwand. Eher dünne Agentengeschichte mit stereotypen Figuren und sexistischen Sprüchen in einem der ersten Filme, in denen der Schauspieler auch Regie führte. Aber die Kletterszenen am Eiger sind immer noch exzellent (auch wenn nicht alles wirklich dort gedreht wurde). Und finden auch Gnade vor dem Kletterexperten Joe Simpson, der urteilte: «Der einzige Mainstream-Kletterfilm, der auf seine Art gut ist.»

4. «Cliffhanger – Nur die Starken überleben» (1993)



Sylvester Stallone lässt in den Rocky Mountains seine Muskeln spielen. Zwischen Kletter- und Rutschpartien erledigt er auch noch eine Killerbande im Kampf um einen aus dem Flugzeug gefallenen Geldschatz. Menschen kommen dabei reihenweise ums Leben – aber als bei Testvorführungen auch zu sehen war, dass ein herziges Berghäschen zu Tode kommt, protestierte das Testpublikum. Nun überlebt das Tier. Der Film ist so hanebüchen, dass er schon wieder lustig ist.

5. «Nordwand» (2008)



Noch einmal der Eiger, diesmal nicht aus Hollywood, sondern aus Deutschland, inszeniert vom Opernspezialisten Philipp Stölzl. Er spart nicht an grossen Tönen in diesem Drama um die deutschen Kletterer Toni Kurz und Andreas Hinterstoisser, deren Eiger-Heldentaten im Jahr 1936 vom Naziregime publizistisch ausgeschlachtet werden sollen. Die Nordwand wird dann aber tatsächlich zur «Mordwand». Die Bergsteigerszenen sind wirkungsvoll inszeniert, aber der Film bewegt sich mit dem Abfeiern von deutschen Tugenden wie Durchsetzungswillen und heroischem Sterben nahe der Ästhetik der Bergsteigerfilme aus den 1920/30er-Jahren, die dem Naziregime als Propagandamittel dienten. Eine Gratwanderung.

6. «Vertical Limit»(2000)



Zuerst verlieren zwei Kinder beim Felsklettern in Utah ihren Papa, dann geht es an den K2, wo James-Bond-Regisseur Martin Campbell die hanebüchene Handlung mit ein paar Ladungen Nitroglycerin aufpeppt. Zentrales Thema: sich selber opfern, damit andere Leben können. Päng.

«Everest» schafft es auf Platz 3

Und wo rangiert jetzt der neue «Everest»? Das Drama ist ebenso stark wie in «Touching the Void» und «127 Hours», die Bilder sind gar noch spektakulärer. Die Geschichte um die zahlreichen beteiligten Bergsteiger – wer ist wieder wer unter der Hochgebirgskleidung? – wirkt aber so verzettelt, dass einzelne Personen zu Stereotypen verkommen. Platz 3. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.09.2015, 10:59 Uhr

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