Die Axt im Haus

Am Rand der Selbstparodie: Das Filmdrama von 1923 ist voller Pathos – gedimmt wird dieser von live gespielter Orchestermusik.

Prominenter Gessler: Der dämonische Conrad Veidt.

Prominenter Gessler: Der dämonische Conrad Veidt. Bild: zvg

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Wilhelm Tell in der Reitschule und also in der «subventionierten Moschee der roten Hassprediger», wie jüngst ein rechtes Kampfblatt schrieb? Aber ja doch: «Wenn man jede Form von Protest legalisieren müsste, hätte Tell nie auf Gessler geschossen», sagt etwa der langjährige Aktivist Tom Locher in einem 2011 gedrehten Dokumentarfilm. Und ein Jahr später zitierte eine Theaterkomödie den berühmtesten Satz aus Schillers Bühnenklassiker «Wilhelm Tell» (1804): «Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr.»

Die gleiche Textstelle, diesmal als Zwischentitel, findet sich im Spielfilm «Wilhelm Tell» (1923), der nun vorgeführt wird als Auftakt der Reihe «Film und Musik». Inszeniert wurde das Werk von Rudolf Dworsky und Rudolf Walther Fein, die beide dem Ensemble des legendären Theatergenies Max Reinhardt entstammten. Prominent ist die Rolle des Gessler besetzt mit dem dämonischen Conrad Veidt, der schon im expressionistischen Klassiker «Das Cabinet des Dr. Caligari» mitwirkte und später in Hollywood-Evergreens wie «Casablanca» spielte.

Mit dem dramatischen Wechsel von Totalen und Grossaufnahmen wirkt «Wilhelm Tell» bildsprachlich dynamischer als viele Filme aus der gleichen Epoche. Nur noch schwer erträglich sind die übertriebenen schauspielerischen Darbietungen. Auch einige Texttafeln bringen den Streifen an den Rand der Selbstparodie: «Die Axt im Haus erspart den Zimmermann», heisst es lapidar zum Totschlag des Schurken Wolffenschiessen. Komponist Armin Brunner, dessen Partitur vom Sinfonia Ensemble unter Leitung des Dirigenten Christof Escher gespielt wird, hat der Versuchung widerstanden, das Sujet total zu veralbern, stattdessen spielt er unspektakulär mit Motiven von Grössen wie Vivaldi und dimmt so das erzählerische Pathos.

Grosse Halle Reitschule Freitag, 15. 9., 20.30 Uhr (Der Bund)

Erstellt: 14.09.2017, 06:49 Uhr

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