Der Zauber des ZFF ist die Entzauberung

Das 12. Zurich Film Festival wirkte fast schon wie ein Anlass fürs Publikum.

Der ganz ordinäre Glamour auf dem grünen Teppich: Hugh Grant posiert mit Fans bei der Passage über die Strasse ins Kino Corso.

Der ganz ordinäre Glamour auf dem grünen Teppich: Hugh Grant posiert mit Fans bei der Passage über die Strasse ins Kino Corso.

(Bild: Keystone)

Pascal Blum@pascabl

Die zwei Sätze, die man am Zurich Film Festival (ZFF) häufig hörte, waren: «Wer kommt heute?» und «Wo möchten Sie sitzen?» Im Kinosaal hatte man oft gut Platz, mehr jedenfalls als am grünen Teppich, wo die Stardichte wieder beträchtlich war. Tatsächlich sind die Auftritte der Ehrengäste etwas vom Substanziellsten am ZFF: weil sich diese der Laufkundschaft am Bellevue zeigen, in der Stimmungsmacherpose des «Ich bin es wirklich». Und weil sie uns konkret daran erinnern, was die Mehrheit unter dem Satz «Ich gehe ins Kino» versteht: Unterhaltung, nicht zu dumm, vielleicht mit einem bekannten Namen. Die Stadtzürcher mögen von sich behaupten, dass sie einen kultivierteren Geschmack haben. Nur ist es nicht so, dass die Stars am ZFF den Blick auf die Filme versperrten: Der US-Thriller «Imperium» mit einem sehr ernsthaften Daniel Radcliffe als Undercover-Agent bei den Neonazis war gerade wegen seines Low-Budget-Esprits und seiner Unebenheiten eine weit ergiebigere Erfahrung als so mancher Wettbewerbsfilm mit seriösem Anspruch auf Seelenschau.

Kreischen im Multiplex

Das Potenzial des ZFF ist der Mix aus ordentlichen Starvehikeln und abseitigeren Festivalentdeckungen, und dieses Jahr schien es auf gutem Weg. Perfekt ausgebildet hat es bislang die sympathische und fast schon alchemistische Fähigkeit, potenziell Glamou­röses in tendenziell Ordinäres zu ver­wandeln. Am anschaulichsten bei der Passage der Stars vom Teppich über die Strasse ins Kino Corso: vom Blitzlicht hinüber zu Popcornduft und WC-Schlangen. Damit aber auch: hinüber in die Alltagswelt des Publikums. Der Zauber des ZFF ist diese Entzauberung, so wird es zum Anlass der Begegnungen und nicht durch feingeistiges Dandytum. Andererseits: Manchmal kippts, und das Filmfestival wirkt nur noch vulgär. Bei den ständigen Sponsorverdankungen etwa. Oder indem es einen in die Multiplex-Spielstätte in Sihlcity schickt, wo angesichts von kreischenden Kindern in Nach­mittagsvorstellungen wenig Festivalstimmung herrscht.

Aber Realität ist ja, was man daraus macht. Also stellt man sich mangels einer verlässlich avancierten Geschmacksinstanz, die über das ganze Festival wacht, das Programm quer durch die Sektionen eben selbst zusammen. Auf eine Reihe verlassen kann man sich nie, aber das ist bei anderen Festivals auch nicht anders. Und nur weil man noch von niemandem gehört hat, der wegen des ZFF zehn Tage freigenommen hätte, könnte man sich trotzdem fragen: Würde das gehen?

Klar, nur hielte man sich mit Vorteil an ein paar Regeln: 1) Man setzt auf Filme, die schon an grösseren Festivals gezeigt oder geehrt worden sind, dieses Jahr etwa «Weiner», «Certain Women» oder «Lady Macbeth». 2) Man lässt die Vorpremieren weg und besucht nicht Vorführungen mit Stars, sondern die Masterclasses. 3) Man fährt im Altweibersommer mit dem Velo zwischen Bellevue und Sihlcity hin und her, vorbei an See und Sihl. Dort glitzert es ja auch und im Spotlight der Sonne gar besonders schön.

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