Der Vater eines Toten

Im israelischen Drama «Longing» erfährt ein Mann, dass sein Sohn gestorben ist. Dabei wusste er gar nicht, dass er einen hatte.

Die Geschichte einer Vaterwerdung: Shai Avivi (l.) als Ariel.

Die Geschichte einer Vaterwerdung: Shai Avivi (l.) als Ariel. Bild: Trigon-Film/zvg

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Ariel (Shai Avivi) steht am Grab seines Sohnes. Er ist der Einzige, der zu dessen Beerdigung erschienen ist. Als der Kantor fragt, ob er nicht ein paar Worte sagen möchte, schüttelt er den Kopf. Ariel kann nicht.

Es ist erst ein paar Tage her, da hat Ariel erfahren, dass er Vater ist. Zwanzig Jahre nach ihrer Trennung lud ihn Ronit (Asi Levi) zum Mittagessen ein. Und eröffnete ihm noch vor der Vorspeise, dass sie damals schwanger gewesen sei. Dass er einen Sohn hatte, der vor zwei Wochen mit 19 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Obwohl Ariel nie Kinder haben wollte, kann er seine Augen nicht von der Fotografie seines Sohnes lösen. Also macht er sich auf den Weg nach Akko, dorthin, wo Adam grossgeworden ist. Er besucht seine Schule, trifft seine Freunde und die Frau, für die Adam erotische Gedichte geschrieben und nächtelang auf einer harten Bank ausgeharrt hat.

Zwei verlorene Kinder

Diese Geschichte erzählt der israelische Regisseur Savi Gabizon («Lovesick on Nana Street») zumeist in Halbnahen und Nahen, was die Nähe zum Protagonisten noch erhöht. Hauptdarsteller Shai Avivi lässt seine zu Beginn steinerne Fassade immer mehr in sich zusammenfallen, ohne dass sein Spiel dabei in Rührseligkeit oder Schwäche umschwenken würde. Stattdessen dringt in seinem Verhalten zunehmend das Vatersein durch. Auf dem Friedhof trifft Ariel einen Mann, der ebenfalls sein Kind verloren hat. Bald schon begiessen die zwei den Geburtstag der verstorbenen Tochter mit Wein. Da erzählt Gideon Ariel von einer Tradition im Taoismus. Dort sei es üblich, für verstorbene Töchter einen verstorbenen Sohn zu suchen, damit sie zusammen ein besseres Leben hätten. Diese Idee lässt Ariel nicht mehr los.

Regisseur Gabizon sagt von sich, er sei ein «langsamer Filmemacher» (sein letzter Film, «Nina’s Tragedies», kam 2003 in die Kinos). Die gründliche Arbeit bei «Longing» hat sich gelohnt – entstanden ist ein ästhetisch gelungener Film, der immer wieder überraschende Wendungen nimmt. In seinen traurigen wie komischen Momenten dürfte er nicht nur Eltern, sondern auch alle anderen berühren.

In Bern in den Kinos Movie und Kellerkino (Der Bund)

Erstellt: 13.02.2018, 06:30 Uhr

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