Der Sog des Multiplex

Mit dem Capitol schliesst in der Berner Innenstadt schon das zweite Kino der Betreiberin Kitag: ein Indiz, dass der Mainstream-Film definitiv an den Stadtrand wandert?

Die Kitag-Flotte ist am sinken.

Die Kitag-Flotte ist am sinken.

(Bild: Adrian Moser)

Regula Fuchs

Die Tage des knapp 90-jährigen Berner Kinos Capitol sind gezählt – das wurde vergangene Woche bekannt. Bekannt ist dagegen nicht, was die Kino-Betreiberin, die Firma ­Kitag, dazu sagt. Denn auf Anfrage teilt die Pressestelle bloss schriftlich mit, dass man «aus grundsätzlichen Über­legungen» davon absehe, Vorhaben oder Strategien öffentlich bekanntzugeben. Zu Entlassungen, so viel lässt Kitag-CEO Philippe Täschler immerhin ausrichten, werde es nicht kommen.

Mit dem Capitol verliert die Kitag, die sich vor allem aufs Mainstreamkino konzentriert, in Bern innert kurzer Zeit das zweite Innenstadtkino. Im Februar 2015 trat sie das Kino Rex an der Schwanengasse an die Betreiber des damaligen ­Kinos Kunstmuseum ab, die das neue Rex seit letztem Oktober als Kulturkino betreiben. So ergibt sich, das Capitol hinzugerechnet, ein Minus von 760 Sitzplätzen für die Kitag in der Berner Innenstadt. Eine Katastrophe? Vermutlich nicht, denn dieser Verlust scheint verkraftbar angesichts des geplanten Multiplexkinos in Muri. Kitag will dort ab November 2017 neu zehn Säle betreiben und somit auch in der Berner Agglomeration ins Multiplexgeschäft einsteigen. In Biel betreibt Kitag seit letztem Oktober ein Kino mit fünf Sälen in der Tissot-Arena.

Ein Rentabilitätsproblem

Die Entwicklung von einzelnen Kino­sälen in der Innenstadt hin zu grösseren Komplexen lasse sich im Ausland schon seit geraumer Zeit beobachten, wie René Gerber von Procinema sagt, dem Dachverband der Schweizer Kinobetreiber und Filmverleiher. «Dort gibt es kaum mehr Ein-Saal-Kinos.» Die Gründe dafür sind wirtschaftliche: Ein Kino mit einem einzigen grossen Saal ist, was die Betriebskosten angeht, etwa gleich teuer wie eines mit drei kleineren Sälen. Allerdings kann in der gleichen Zeit nur ein Film angeboten werden, ergo: Ein-Saal-Kinos haben ein Rentabilitätsproblem.

Seit die Pathé-Gruppe, die auf Multiplexe spezialisiert ist, vor über zehn Jahren in der Westschweiz Fuss gefasst hat, ist dort die Zahl der Ein- oder Zwei-Saal-Kinos stark zurückgegangen. Diese Entwicklung hat in der Deutschschweiz noch nicht im selben Mass eingesetzt – trotz Multiplexen an den Stadträndern. So ist das Capitol in Bern nach dem alten Rex das zweite Mainstream-orientierte Innenstadtkino, das seit der Eröffnung vom Pathé-Multiplex im Westside 2008 schliesst. Auch in St.?Gallen oder Luzern konnten sich diese Innenstadtkinos bis anhin ziemlich gut behaupten – trotz Multiplexen in der Agglomeration.

Obwohl sich die Kitag-Verantwortlichen über ihre Pläne bedeckt halten, dürfte ihnen die Schliessung des Kinos Capitol entgegenkommen; die Anzeichen dafür, dass man nicht gewillt ist, in der Innenstadt zu investieren, sondern sich stattdessen aufs Multiplex-Projekt in Muri konzentriert, sind deutlich. Unklar ist nur, ob Kitag sich auf längere Sicht aus den Innenstädten zurückzieht oder zweigleisig fährt. Und damit auch zwei Publikumssegmente anspricht: jenes im Stadtzentrum, also ein eher urbanes, eher älteres, eher Arthouse-orientiertes Publikum, für das günstige Parkplätze zweitrangig sind und das Filme in Originalsprache bevorzugt. Oder die ­Familien und die Jungen in den Multiplexen, die (das hat eine Studie kürzlich ­erwiesen) die Filme lieber deutsch synchronisiert sehen wollen.

Das Publikum wird analysiert

Um auf die Bedürfnisse eines immer stärker segmentierten Publikums reagieren zu können, will die Branche nun herausfinden, wer ihre Kundschaft genau ist. Daher wird Procinema schon bald nicht nur Eintrittszahlen, Publikumsrenner und das Angebot an Sitzplätzen statistisch erfassen, sondern auch die Zusammensetzung des Publikums.

«Wir wollen wissen, wer warum ins Kino geht», sagt René Gerber. «Und warum andere nicht hingehen.» So wolle man längerfristig neue Zuschauersegmente gewinnen. Ob das durch schicke Kinobars, Erlebniskino mit Rüttelsitzen oder aufwendig kuratierte Filmreihen gelingt, wird sich weisen. Die verschiedenen Betreiber werden unterschiedliche Strategien verfolgen. Denn der Schweizer Kinomarkt kenne eine enorme Vielfalt an ­Kinobetreibern, so René Gerber: von der Firma mit mehreren Hundert Angestellten über Familienbetriebe bis zu ­Kinos mit ehrenamtlichen Mitarbeitern.

Das allein garantiert schon für eine ­gewisse Vielfalt, auch was das Programm angeht. Aber, mit Blick auf die Berner Innen­stadt: Eine gewisse Verarmung ist zu befürchten. Denn ein Minus von zwei Sälen ist spürbar – auch wenn man schon jetzt den Eindruck hat, Kitag spiele nur noch eine Handvoll verschiedener Filme gleichzeitig. Dafür jeweils in 2-D, 3-D, in Original- oder in Synchronversion.

Der Bund

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