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Der Nackte und die blutjunge Isabelle Huppert

Morgen beginnen die 50. Solothurner Filmtage. Was will uns die Werbekampagne zum Jubiläum sagen? Eine Plakatkritik.

Oh, friert er nicht, der arme Junge? Füdliblut prangt er von den Plakatwänden, ein Reporter auf Pirsch, mit nichts auf sich ausser einem Mikrofon. Was tut er? Interviews führen zum Klima? Wärmeren Regionen nachträumen? Einfach provozieren? Nein, er wirbt für die Solothurner Filmtage, deren 50. Ausgabe morgen beginnt. Zum Jubiläum schenkt sich die Veranstaltung einen neuen Auftritt. In den letzten Jahren gab es zu Werbezwecken stets relativ dezente, aber anmutige Spielereien in Schwarz und Gelb. Jetzt also wird dieser nackte Reporter zum Sinnbild für die Leistungsshow des Schweizer Films.

Das bietet natürlich Raum für Interpretationen: Der Schweizer Film ist so holprig auf lustig getrimmt wie diese Aufnahme, die zudem leicht unscharf wirkt, könnte man sagen. Oder: Die Filmtage sind so grau wie der Rest des Plakates. Und sie wirken so verwirrend wie die Tatsache, dass sich dieser Hintergrund offenbar aus verschiedensten Elementen zusammensetzt. Der erste Blick trügt jedoch. Das Plakat hat Tiefe, es sind nicht weniger als vier Schichten Schweizer Film, die von der Agentur Raffinerie AG kunstvoll verschachtelt wurden. Hinter dem Nackten verbergen sich die Filmklassiker «Schatten der Engel» von Daniel Schmid, «E Nachtlang Füürland» von Clemens Klopfenstein und «Charles mort ou vif» von Alain Tanner. Und der Reporter selber ist, mitsamt seinem Kameramann, direkt der Komödie «Verflixt verliebt» von Peter Luisi entsprungen, einer Billigproduktion aus dem Jahr 2004, die damals für Furore sorgte.

Die junge Isabelle Huppert wirkt sympathischer

Insgesamt bleibt dieses Hauptsujet, das auch das Programmheft ziert, doch etwas angestrengt. Es ist sozusagen der Deutschschweizer Vertreter der Plakate, aber es gibt auch Versionen in den anderen Landessprachen. Et voilà, in der französischen Variante lockt eine blutjunge Isabelle Huppert aus «La dentellière» mit nicht weniger als sechs Glace-Cornets in der Hand. Dazu gibts Hintergrundspielereien in Blau aus den Filmen «Matlosa», «Das Fräulein» und «Pane e tulipani». Das wirkt doch sofort viel sympathischer.

Eher Rätsel gibt die Tessiner Version – 50e Giornate di Soletta – auf. Der etwas düster sinnierende Mann im Vordergrund (es ist François Simon) stammt nämlich ebenfalls aus Tanners «Charles mort ou vif». Im diesmal rot gehaltenen Hintergrund fällt ein Leopardenfell auf. Leopard? Das ist doch das Raubtier des Festivals von Locarno. Was macht es da, ist es auf Besuch in Solothurn? Und gab es wirklich keinen italienischsprachigen Schweizer Film, der sich in den Vordergrund drängte?

Fragen über Fragen also. Aber das ist doch wohl das grösste Kompliment für die neue Plakatserie. Die Sujets sind Hingucker zum Rätseln und Verweilen. Man kann sie auf verschiedensten Ebenen lesen (im italienischen Plakat verstecken sich der aktuelle Film «Electroboy», aus dem die Leopardendecke stammt, sowie «On dirait le sud» und noch einmal «Schatten der Engel»). Und wenn Isabelle Huppert zum Jubiläum Glace verteilt, ist das doch allemal ein Grund, nach Solothurn zu fahren.

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