Zum Hauptinhalt springen

Der Hartnäckige

Er liebt seinen Beruf – auch wenn er jahrelang nur kleinere Rollen spielte. Der Berner Marcus Signer hat in der Low-Budget-Produktion «Mary & Johnny» einen starken Auftritt. Und seine erste Filmhauptrolle auf sicher: als «Goalie».

Immer wieder ein anderer sein – und gerade dadurch sich selber nahekommen: Das begeistert Marcus Signer an der Schauspielerei.
Immer wieder ein anderer sein – und gerade dadurch sich selber nahekommen: Das begeistert Marcus Signer an der Schauspielerei.
Valérie Chételat

Das Erste, was auffällt: diese Stimme. Dunkel und angenehm schmeichelnd, tief und vom Leben aufgeraut – und von den Zigaretten, von denen er sich immer wieder eine aus der Schachtel fischt, Winston rot. Es ist ein warmer Frühsommernachmittag im Rosengarten, und auf dem Kopf von Marcus Signer sitzt eine Sonnenbrille wie ein träges Insekt.

Der Berner Schauspieler geht sorgsam mit den Worten um, scheint sie zu geniessen wie kleine Schätze, die man nicht im Übermass besitzt. Etwa, wenn er von den Dreharbeiten zum Film «Mary & Johnny» berichtet, der Low-Budget-Produktion von Samuel Schwarz und Julian Grünthal, in der er den Erzähler Mischa spielt: ein kleiner Film mit Nachhall, gedreht in nur neun Tagen, inmitten des fiebrigen Rausches des Zürifäschts (siehe Box). «Ein Riesenchaos ist es gewesen am Set, eine ewige Warterei. Manchmal reichte es mir erst auf den ersten Zug nach Bern», sagt Signer. «Und trotzdem war dieser Dreh eine immense logistische Leistung.» Und Schauspielerei im ungeschützten Rahmen: zum Beispiel, als ein Festbesucher eine inszenierte Schlägerei für echt hielt – und mitmischen wollte.

Den Anschluss verpasst

Für die Rolle von Mischa, diesem Choleriker, der im Grunde ein «Lieber» sei, wie Signer sagt, hat der Berner eine Nomination für den Schweizer Filmpreis erhalten – «völlig unerwartet». Ein ziemlich fulminanter Wiedereinstieg ins Filmschauspiel, das im Lebenslauf des 48-Jährigen eine gute Dekade lang brachlag. Dabei war in den Neunzigerjahren eine internationale Filmkarriere in Griffweite: Signer trat in zwei «Tatort»-Folgen auf und spielte in Thrillern von Markus Fischer neben Bruno Ganz, Dietmar Schönherr oder Gudrun Landgrebe. «Aber ich habe den Anschluss verpasst, habe gemeint, ich brauche keinen Agenten – und dann war die Gelegenheit vorbei», so Signer. Ob er das bereut? Nein, das nicht. «Es wäre einfach ein anderer Weg geworden.»

Dafür tat sich für den Schauspieler mit den blonden Augenbrauen, der damals in der freien Theaterszene tätig war, eine neue Tür auf. Seit Ende der Neunzigerjahre spielt Signer immer wieder am Berner Stadttheater – als «Dauergast». In der letzten Spielzeit war er in «Worst Case» von Kathrin Röggla, in «Parzival», «Hamlet» oder als Idiot in «Andorra» zu sehen – gute Rollen, wie Signer betont. Nicht so wie am Anfang. «In der ersten Zeit hatte ich Rollen, in denen ich zu Beginn des Stücks einen Satz sagte, am Schluss Tee servierte – und mich dazwischen langweilte.»

Und dennoch, auch damals war Signer froh, Schauspieler sein zu können. Schliesslich habe er dadurch den «Rank gefunden». Eine künstlerische Laufbahn war in seinem Elternhaus nicht vorgespurt worden. Zwar wurde oft musiziert, und hie und da nahm Signers Mutter den Sohn mit ins Kino – zu Jacques Tati oder Charles Chaplin. Aber eigentlich hatte Signer Architekt werden wollen, er, der immer gerne zeichnete. Da dieser Weg allerdings zu hürdenreich schien, entschied er sich für eine Lehre als Hochbauzeichner.

Er machte gerne das Kalb

Und die Schauspielerei? Die verdankt Signer einem dreifachen Schlüsselbeinbruch – und dem Gärtnereifahrzeug, das er als 17-Jähriger übersehen hatte, als er mit dem Velo den Viktoriarain herunterraste, auf dem Weg zur Gewerbeschule. «Ich war abgelenkt, da ich an einem zeichnerischen Problem herumstudierte. Im nächsten Moment lag ich verletzt auf der Kreuzung.» Was folgte, war Spital, Depression, Lehrabbruch. Schnuppern in landwirtschaftlichen Betrieben – und dann die Bekanntschaft mit Leuten vom Theater 1230. «Nach der ersten Aufführung, die ich dort sah, ging ich in die Künstlergarderobe und bluffte, ich hätte in Wien die Ausbildung gemacht und wolle sofort einsteigen.» Bei Peter Schneider, dem künstlerischen Leiter, getraute sich Signer das allerdings nicht. Es sollte denn auch noch ein Jahr dauern, bis er definitiv in die Schauspiel-Ausbildung einstieg, die das Theater 1230 anbot. «Meine Mutter war froh, dass ich etwas machte, denn ich hatte damals Verfahren wegen kleinerer Delikte am Hals», so Signer. Ganz aus heiterem Himmel kam dieser Berufswunsch dennoch nicht. Signer hatte schon als Kind gerne Menschen imitiert, das Kalb gemacht. «Heute bin ich nicht mehr so. Ich lebe diese Seite auf der Bühne aus», sagt er ernst.

Es sind oft kantige Typen, die Signer spielt, wie Mischa, aber auch Hamlet, Räuber Hotzenplotz oder jüngst einen wuchtig-agilen Kreon in der «Antigone» im Tojo-Theater. Aber auch feiner gestrickte Figuren wie den kindlichen, quengeligen Estragon in Becketts «Godot» im alten Bärengraben. Auf keinen Fall will sich Signer auf eine Rolle festschnüren lassen – «ich würde nie etwas ‹Lüthi und Blanc›-mässiges machen wollen». Nun streckt er seine Fühler wieder nach Deutschland aus, nimmt demnächst ein Zimmer in Berlin. «Den Ehrgeiz für eine internationale Karriere habe ich.» Aber auch den Realitätssinn: Denn es ist eine wohltemperierte Ambitioniertheit, die Signer unter Beweis stellt, wenn er sagt, dass er lieber für das gelobt werde, was er hier tue, anstatt international erfolglos zu sein. Und über allem steht diese fast hartnäckige Liebe für einen Beruf, der bis jetzt nicht gerade lukrativ war. «Es war manchmal so knapp, dass ich im Migros Essen klaute, weil ich niemanden mehr anpumpen mochte.»

Pedro Lenz’ Drögeler

Da kamen die Sprechaufträge natürlich gerade recht. So konnte Signer wenigstens die Fixkosten bezahlen: Denn der Berner nützt seine Stimme, die durch unzählige Kirchen-Auftritte mit dem Theater 1230 gestählt ist, häufig als Sprecher: als hyperventilierender Media-Markt-Schreier, als gemütlich brummelnder Anpreiser eines Möbelhauses im Emmental und in Hörspielen. Oder, schon einige Jahre her, als kleiner Eisbär in den Kinderfilmen nach Hans de Beer.

Um die Fixkosten dürfte sich Signer in näherer Zukunft allerdings weniger Sorgen machen, denn er hat seine erste Filmhauptrolle auf sicher. Er spielt den liebenswerten Drögeler in Sabine Boss’ Verfilmung von «Der Goalie bin ig», Pedro Lenz’ Erfolgsroman. Die Dreharbeiten beginnen, sofern die Finanzierung abgeschlossen ist, im nächsten Februar. «Es läuft gerade sehr gut für mich», sagt Signer, der auch eine kleine Rolle in Xavier Kollers Verfilmung «Die schwarzen Brüder» ergattert hat.

Was ihm generell das Wichtigste ist am Schauspiel? Therapie sei es, und Psychohygiene, sagt Signer, aber auch die Möglichkeit, immer wieder ein anderer zu sein. Und gerade dadurch sich selber ein Stück näherzukommen. «James Stewart hat gesagt, es sei schwer, ein guter Schauspieler zu sein, aber noch schwerer, ein guter Mensch zu sein. Das stimmt für mich auch.»

Am Ende des Gesprächs, als der Wind kräftig durch die Baumkronen fegt und sich erste Gewitterwolken ballen, zeigt Signer auf eine Bank. «Dort bin ich als Schauspielschüler gesessen und habe meine Texte auswendig gelernt.» Und manchmal sei er auch nachts hierher gekommen. Um sich seine Zukunft als Schauspieler auszumalen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch