Der Freund der Rebellen

Der tschechisch-amerikanische Regisseur Milos Forman ist gestorben. Das Kino verliert einen Widerspenstigen.

Der Film «One Flew Over the Cuckoo’s Nest» erhielt 1976 fünf Oscars, unter anderem für den besten Regisseur.


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Vor ein paar Jahren entstand ein Dokumentarfilm über den Regisseur Milos Forman, der deutete im Untertitel jene bekannte, erbarmungslose nietzscheanische Redewendung an: «What Doesn’t Kill You ...». Das schien einem seelenkalt, aber falsch wars nicht. Was diesen Milos Forman, geboren 1932 im tschechischen Caslav, nicht umbrachte: dass ihm die Nazis die Mutter und den Stiefvater getötet hatten in Auschwitz und im KZ Mittelbau-Dora; dass er nach dem Krieg und dem Studium an der Prager Filmhochschule nie wohlgelitten war bei den realsozialistischen Machthabern; die erzwungene Emigration dann nach dem schnell niedergewalzten «Prager Frühling» 1968 und der Verlust einer Frau und einer Familie – das alles machte ihn wohl stärker. Denn es erzeugte Zorn, Sarkasmus und trauernde Sehnsucht, und daraus schöpfte er Kreativität.

Seine Filme erzählen doch meistens von widerspenstigen Individuen und ihrem Aufbegehren gegen Systeme, die ihnen die Luft abdrehen. Seine Protagonisten sind hartnäckig und lästig und kurios entwaffnend in ihrer Lästigkeit. Sie tragen in sich etwas von der Subversivität des braven Soldaten Schwejk, gewissermassen als kulturellen Lebensquell und tschechisches Erbe, auch wenn sie Amerikaner sind. Jene schwejkischen Charakterzüge sind da gemeint, die geradezu wölfisch sind bei ihren anarchischen An- und Überfällen, bissig in ihrer Freundlichkeit und am komischsten dort, wo, wie man so schön sagt, fertig lustig ist. Sicher hat sich Forman den Schwejk nie so harmlos vorgestellt, wie Heinz Rühmann ihn spielte.

Rebellischer Wahnsinn

In den Welten, in die er sie warf, Gegenwart oder Vergangenheit (er liebte das Kostüm und die gepuderten Perrücken), sind seine feinsten Helden ungemein anstrengende Zeitgenosssen, reizvolle, aber penetrante Borderline-Fälle, mit Talenten reich gesegnet, aber so, dass der Segen manchmal einem Geburtsschaden gleicht; und da Forman ein reifer Dramatiker mit einem Sinn für die Farben des Widerspruchs war, zeigte er gern auch ein wenig Verständnis für die Welt, die mit der Penetranz schlecht zurechtkam.

Jedoch, die von Herzen kommende Sympathie galt dem Rebellentum. Dem rebellischen Wahnsinn sogar. Es stecke ja auch in ihm, sagte er einmal: dieses sarkastische tschechische Wesen, der Schwejk und Kafkas Düsternis. Als man Milos Forman aus der Tschechoslowakei austrieb, wählte er die USA als neue Heimat (nicht Frankreich seltsamerweise, obwohl ihn herzliche Freundschaft und politische Solidaritäten zum Beispiel mit François Truffaut verbanden), und er nahm etwas mit von der Hinterlist, die ihn und seine frühen Filme («Der schwarze Peter», 1964, oder «Der Feuerwehrball», 1967) verdächtig gemacht hatten bei den Mächtigen zuhause, die es schon verstanden, wenn sie gemeint waren.

Amerika und Hollywood aber, die auch ihre sympathisch verrückten Seiten haben, hatten grad eine Schwäche für die Vertreter einer «Neuen Welle» im tschechischen Kino, und sie waren gut zu Forman und verlangten nicht, dass er der alten Subversivität abschwor.

Anthologie der Widerständigkeit

Er hat sie sich bewahrt, im Erfolg justament. Und so kam eine, wie mans nennen könnte, hinreissende Anthologie der Widerständigkeit zusammen: 1976 gewann sein Film «One Flew Over the Cuckoo’s Nest», eine Tragikomödie gegen die Gewalttätigkeit der Psychiatrie, fünf Oscars (der für die beste Regie war natürlich darunter); und nie wird dieses traurige Bild eines Helden (Jack Nicholson) verschwinden, dem man das Gehirn zum Gemüse umoperiert hatte, und nie jenes erlösende, wie ein riesiger Indianer (Will Sampson) mittels eines zentnerschweren Lavabos in die Freiheit brach.

Mit «Hair» (1979), der temperamentvollen Musicaladaption, umspielte Forman ernst und vergnügt den martialischen Ungeist der Vietnamkriegszeit und den blumenkindlichen, friedensbewegten Widerstand dagegen; selbst die Sentimentalität hatte da aufrührerische Kraft. Im Welterfolg «Amadeus» (1984, acht Oscars) ging es dann um Mozart, dieses keckernde Kind, in dem ein Genie steckte mit seiner Schöpferkraft und elenden Rücksichtslosigkeit; und um das Mittelmass, das mit dem Gott hadert, der Begabungen so ungerecht verteilt.

In «The People vs. Larry Flynt» (1996, Goldener Bär in Berlin) fragte Forman, ob die Redefreiheit enden darf, wenn auch ein Pornograf sie sich nimmt. Und «Man on the Moon» (1999) war dem amerikanischen Komiker Andy Kaufman (1949-1984) gewidmet, einem Rollenspieler, der einem komische Dimensionen öffnete, wo durchaus unsicher wurde, wer wessen Witzfigur war. Der Witz war da der Bruder des Alptraums.

Von dieser Verwandtschaft handeln viele Forman-Filme – auch der letzte, «Goyas Ghosts» (2006), der vom spanischen Maler erzählte und von den Nachtmahren, die erscheinen, wenn die Vernunft träumt. Forman selber hat allerdings über die Wesenskerne seiner Kunst nicht gern theoretisch gedeutelt. 2010 hat das Zurich Film Festival ihn eingeladen, er hielt eine Master Class und tat das gern, aber Lektionen, sagte er, seien nicht von ihm zu erwarten. Nur ein Motto formulierte er einem zu Gefallen: «Bleib bei der Wahrheit ohne zu langweilen.»

Am 13. April 2018 ist Milos Forman, ein Freund der Rebellen und einer von ihnen, überraschend nach kurzer Krankheit gestorben. Er wurde 86 Jahre alt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2018, 11:58 Uhr

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