Die Melodie der Vergangenheit

Xavier Kollers Spielfilm «Schellen-Ursli» kommt dem Charme des Kinderbuchs sehr nahe. Und er handelt von mehr als vom Ehrgeiz, die grösste Glocke zu haben.

Der «Schellen-Ursli»-Trailer. (Video: C-Films AG)

«Hoch in den Bergen, weit von hier, dort wohnt ein Büblein so wie ihr», das ist Kinderbuchklassik, und jedes rechte Schweizerkind und jeder Herzensbündner weiss – und wenn nicht, haben die Eltern etwas versäumt: Das Büblein, ­unsterblich geworden und ewig jung geblieben durch den Maler und Zeichner Alois Carigiet, das ist der Uorsin, der Ursli, der keine kleine Schelle wollte, sondern die grösste Glocke von allen, um damit den Winter wegzuläuten an der Spitze des Chalandamarz-Umzugs im Dörflein Guarda. Er musste zu diesem Zweck durch den Schnee hinauf ins Maiensäss seiner Eltern, wo diese Glocke hing, und das Kind in uns erinnert sich natürlich auch noch an das Ringbrot, das daneben hing und Mitte der 1960er-Jahre gerade in Mode war. Es schmeckte frisch sehr gut. Doch das im Maiensäss war steinhart, wie eine Mauer, heisst es im Buch, aber der Ursli biss trotzdem hinein, denn er war nicht verwöhnt und hatte gesunde Zähne, und auch so wurde ein Bergbub zum Helden.

Es ist eine starke kleine Figur und mindestens so liebenswert und apfelbackig bündnerisch wie das Heidi, das es seit 1920 zu einem Dutzend Filmen gebracht hat (der nächste folgt im Dezember). Der Schellen-Ursli hat seine internationale Karriere ohne rechte Verfilmung machen müssen; in den Schweizer Kinos tauchte er nur einmal, 1964, in einem Kurzfilm auf, und der war weniger ein Drama als ein Preislied aufs Engadin. Die feine Erzählung ist, wie man weiss, auch so zurechtgekommen. Aber jetzt ist die Verfilmung da, gewissermassen als Bonus zum literarisch und zeichnerisch gefestigten Weltrum: Xavier Kollers «Schellen-Ursli». Und sie enthält alles, wie es sich gehört: die Schelle, die Glocke, das Maiensäss und das Ringbrot. Sie ist wie: Kinderheimat.

Keine süssliche Nostalgie

Allerdings hätte so ein ausgewachsener Spielfilm nicht gelebt vom umweglosen Gradaus der kargen Vorlage in Versen und Bildern. In Versen schon gar nicht. Koller las den «Schellen-Ursli» kreativ filmisch und, pädagogisch betrachtet, kindgerecht, also nicht naiv. Gesprochen wird eine realistische Prosa der zeitlosen Art. Sie bewahrt den Zauber des Altertümlichen, sozusagen eine Ursli-Zeit, in der Kinder im Streit massvoll bleiben und im Frieden ihr freundliches Herz auf der Zunge tragen. Sie klingt nach der Melodie einer Vergangenheit, in der das Telefon, wenn jemand eines hatte, noch mit «ph» geschrieben wurde. Aber sie kippt nicht in die süssliche Nostalgie.

Und zum richtigen Ton nun das Drama, das eben reicher ist als die gewissermassen vertikal erzählte Geschichte des Ursli und seiner Schelle: Dieser Uorsin (Jonas Hartmann) ist einer, dem nicht nur der Chalandamarz im Kopf herumgeht, sondern auch die Zila, sein weisses Geisslein; und neben der Zila ein wenig sogar schon die Seraina (Julia Jeker), das Mädchen vom Nachbarsmaiensäss, das so gepflegt redet, und vor allem – weil ihm der bäuerliche Stolz in die Wiege gelegt ist – die grossen Ungerechtigkeiten einer kleinen Welt. Ausserdem wird eine Wölfin zahm unter seinem Blick und frisst ihm buchstäblich aus der Hand. Ein lebenskräftiges Naturbürschchen und item, um mit aller Vorsicht vor den sogenannten Spoilern, also dem Verraten von Wendungen, die Eckpfeiler der Handlung zu bezeichnen: Um einen Schellen-Ursli mit trotziger Persönlichkeit spielt eine Geschichte von Freundschaft, Eifersucht und Käsediebstahl (das Kleingewerbe hat da seinen Dreck am Stecken) und vom Segen, dass es im Bündnerland noch Wölfe gibt.

Das nostalgische Kind in uns war ja ein bisschen misstrauisch vorher. Das Buch schien etwas Unberührbares zu haben. Zu filigran für die Grobheiten eines bodenständigen Unterhaltungs­kinos. Zerbrechlicher als das «Heidi». Es bestand aber gar kein Grund zu Sorge: Der «Schellen-Ursli» hält das aus. Xavier Kollers Film hat Wärme und Schwung und den Mut zur kantigen Typenzeichnung. In seinen Bildern – manchmal scheinen sie fast Carigiet-artig stilisiert – lebt viel vom unsentimentalen zeichnerischen Charme des Originals. Und für die Schönheit der Berge und für ihren natürlichen Hang zur erhabenen Sentimentalität kann er wirklich nichts.

DerBund.ch/Newsnet

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