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Das Ungewöhnliche zog ihn an

Und wieder haben wir einen Grossen verloren. Der englische Schauspieler John Hurt ist tot. Ein Nachruf.

Seine Wandelbarkeit war unfassbar: John Hurt in Cannes. (Archiv)
Seine Wandelbarkeit war unfassbar: John Hurt in Cannes. (Archiv)
Sebastien Nogier, Keystone

Sir John Vincent Hurt, geboren 1940 in Chesterfield, Commander of the Order of the British Empire und Knight Bachelor, das war einer, schiens immer, der nie darauf bestanden hätte, ein Star genannt zu werden (obwohl ers doch war). Es hat ihm durchaus genügt, ein Schauspieler zu sein. Und weiss Gott, er hat der Berufsbezeichnung derart Ehre gemacht, dass sie ein Ehrentitel wurde. Ein durch Wandelbarkeit erworbenes Adelsprädikat. In einer seiner besten Rollen, als unvergesslicher, unglücklicher John Merrick in David Lynchs «The Elephant Man» (1980), verschwand er ja exemplarisch und geradezu buchstäblich in seiner Figur.

«Das war das Feine und Grossartige von John Hurts Schauspielerei. Eine Brillanz von Innen nach aussen.»

Die war so verwuchert von Tumoren und Riesenzysten und faltigen Körperverwachsungen, dass nicht zu denken war an mimische Tricks oder den einfachen Einsatz eines melancholischen Charaktergesichts oder der besonders schönen Stimme. Und nicht in der Maske lag die Kunst; sie war quasi das Opfer, dass einer seiner Kunst brachte, die sich dahinter entfaltete und durch die Maske drang: die Reinheit eines Charakters in einem zerschrundeteten Körper; die melodiöse Poesie in einem vom Speichelfluss behinderten Sprechen; der Stolz und die menschliche Würde, die sich zeigten in minimalistischen Bewegungen der deformierten Gliedmassen, in einer leichten Straffung manchmal nur. Das war das Feine und Grossartige von John Hurts Schauspielerei. Eine Brillanz von Innen nach aussen.

Ungewöhnlichkeiten

Und ein Anderes zeigte sich in der Rolle des Merrick: dass Hurt, wie er selbst von sich sagte, nie zurückgeschreckt ist «vor Dingen, die ein bisschen ungewöhlich sind». Britisches Understatement. Er war noch gar nicht Schauspieler, sondern wollte es erst werden, als er in einer Schüleraufführung von Maurice Maeterlincks «Der blaue Vogel» eine Frau spielte, und der kryptische, symbolistische Maeterlinck, das war, möchte man behaupten, schon eine wirklich ungewöhnlich frühreife Theatererfahrung. Es hatte etwas Zukunftsweisendes, womöglich.

Jedenfalls hat das Ungewöhnliche John Hurt durchs Schauspielerleben begleitet, und er ist wohl nicht nur nicht davor zurückgeschreckt, sondern hat es sich auch ausgesucht, kleine Rollen, grosse Rollen, egal, sagte er einmal, wenn er nur die Gelegenheit bekomme und das Vergnügen habe, sie mit etwas auszustatten, wozu andere nicht fähig wären. Darin steckte das schauspielerische Credo: Es war keine penetrante, demonstrative Ungewöhnlichkeit, die ihn anzog, gereizt hat ihn aber die Chance, unter Masken originell und persönlich zu werden und nicht gleich durchschaubar.

Er gab simplen Schurken Tiefe

Am besten konnte er es tatsächlich mit Charakteren, die ein wenig oder auch ein wenig mehr neben der Spur liefen (er gehörte nämlich auch zu ihnen, wie man liest). Mit dem «Gedankenverbrecher» Winston Smith, der sich findet und wieder verliert in «Nineteen Eigthy-Four» (1984), Michael Radfords termingerechter Verfilmung von George Orwells Romanklassiker.

Mit solchen, die moralisch aus der Art schlugen nach den Massstäben ihrer Zeit, so wie der homosexuelle Exzentriker Quentin Crisp (1908 - 1999), den er zweimal lustvoll spielte, 1975 (in «The Naked Civil Servant») und 2008 (in «An Englishman in New York»), das erste Mal zum schieren Entzücken des lebenden Vorbilds. Auch mit simplen Schurken, denen er erstaunliche Tiefen gab, dem Marquesse of Monontrose in «Rob Roy» (1995, Regie: Michael Caton-Jones) beispielsweise; das mag ja nun nicht der allerbeste Film sein, aber seiner Figur hat John Hurt doch eine ebenso kalte wie komplexbeladene Bösartigkeit abgewonnen, dass am Ende etwas um sie war wie bemitleidenswerte Traurigkeit.

Filmgeschichtlich wäre noch daran zu erinnern, dass Hurt der Allererste war, dem das erste «Alien» die Brust zerriss. 1979 war das. In diesem Jahr war er auch für einen Oscar nominiert (als bester Nebendarsteller in Alan Parkers «Midnight Express») und in der internationalen Filmwelt also angekommen. Der Tod jetzt kam unerwartet, aber nicht ganz überraschend, heisst es, eine Krebsdiagnose lag vor, trotzdem habe John Hurt noch Einiges vorgehabt. Am Freitag ist er nun in London gestorben, fünf Tage nach seinem 77. Geburtstag.

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