Das freundliche Flackern

Es wird allmählich eng für den Schmalfilm – trotzdem wird dieser Tage der 50. Geburtstag von Super 8 gefeiert.

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Regula Fuchs

Wer in den frühen Siebzigerjahren geboren ist, kennt das Geräusch: dieses gemütliche Rattern. Und dazu die freundlich flackernden Bilder auf der Leinwand, auf denen man selber Heldin oder Held war. Kodak hatte das möglich gemacht, als 1965 der Super-8-Film auf den Markt kam. Aufs Mal konnte jeder Filme drehen, ohne vorher mühsam Filmstreifen einfädeln zu müssen: Man fütterte die Kamera einfach mit einer praktischen Kassette.

Auch David Pflugers Kindheit ist lückenlos auf Super 8 dokumentiert. Der 44-jährige Basler beschäftigt sich noch heute mit dem Format, das «schon oft totgesagt wurde, aber immer noch lebendig ist». Noch. Denn Super 8 gehört zu einer bedrohten Art. Trotzdem wird dieses Jahr der 50. Geburtstag des Schmalfilms gefeiert, und Pfluger gehört zu denen, welche die Veranstaltungen zum «Global Super 8 Day» koordinieren. Am 24. Oktober gibt es von Los Angeles bis La Paz, von Solothurn bis Seoul unzählige Anlässe.

Es ist bis heute mehr als nur eine Handvoll Verwegener, die dem digitalen Filmen trotzen. Super 8 wurde zwar, was den Amateurbereich angeht, schon in den Achtzigerjahren von Video abgelöst. Aber bei professionellen Filmschaffenden war Super 8 stets gefragt, in den Neunzigerjahren erlebte das Format sogar eine kleine Renaissance. Auch in ?der Schweiz fanden unzählige Super-8-Abende und -Festivals statt.

Der Rohfilm wird knapp

Es war etwa 1992, als David Pfluger seine erste Super-8-Kamera kaufte, auf dem Flohmarkt. «Ich wollte einen Trickfilm drehen, und Videokameras konnten keine Einzelbilder aufnehmen. Darum kam ich gar nicht um Super 8 herum.» Mittlerweile arbeitet Pfluger, der seinen Lebensunterhalt als Medientechniker und mit Aufträgen im Bereich Filmrestaurierung und -konservierung verdient, vermehrt installativ mit Super 8. So wie viele andere bildende Künstler, die das Format ebenfalls schätzen.

Doch der technologische Wandel der letzten zehn Jahre hat die ganze Film­infrastruktur umgekrempelt – mit Folgen für den Super-8-Film. Alles ist digital, und viele der Fabrikationsbetriebe und Entwicklungslabors mussten schliessen.

Gerade für den Schmalfilm dürfte es künftig eng werden. Projektoren gibt es nur noch gebraucht zu kaufen, wobei die Zeiten vorbei sind, als eine Menge Apparate billig auf Flohmärkten zu finden waren. Und es wird schwieriger, Ersatzteile zu bekommen und Personen zu finden, welche die Geräte reparieren können. «Doch die Szene ist gut organisiert», sagt Pfluger, «da hilft man sich gegenseitig mit Know-how.»

Die grösste Bedrohung für das Format sei, dass kaum mehr Rohfilmmaterial hergestellt werde. «Die meisten Emulsionsgiesswerke sind stillgelegt. Kodak, der letzte grosse Hersteller von Kinofilmmaterial, hat die Produktion des für Schmalfilmer wichtigen Umkehrfilms eingestellt, denn der Absatz ist zu klein.» Zwar gebe es zurzeit, in Italien etwa, Initiativen von kleinen Herstellern, das analoge Filmmaterial wieder zu produzieren. Ob das je wirtschaftlich sein wird, lässt sich nicht abschätzen. Derzeit müssen sich Filmer vor allem an Restbestände halten, die immer kleiner werden – und teurer.

Kann der nächste runde Geburtstag von Super 8 noch gefeiert werden, ohne dass es eine rein museale Angelegenheit wird? Pfluger will nichts prophezeien. «Ich begreife aber nicht, warum eine Technologie die andere zwingend ersetzen muss. Als die Fotografie aufkam, verschwand die Malerei ja auch nicht. Aber die Industrie will halt immer neue Geräte verkaufen, und darum muss sie frühere Technologien als veraltet stigmatisieren.» An der mangelnden Begeisterung jedenfalls dürfte es dannzumal nicht liegen – Pfluger war überrascht, wie viele Veranstalter ihre Events für den «Global Super 8 Day» angemeldet haben.

Die ominöse Magie

Was macht denn überhaupt die Faszination von Super 8 aus? «Das ist schwer zu erklären», sagt Pfluger. «Man untersucht ja derzeit wissenschaftlich, was die Digitalisierung mit dem Film anstellt. Da geht es um Auflösung, um Korn, um Farbtöne, um Fragen der Projektion. Aber niemand hat es geschafft, wissenschaftlich auszudrücken, was Film eigentlich ausmacht. Die Magie lässt sich eben nicht in Zahlen fassen.»

Das Kino Lichtspiel (www.lichtspiel.ch) in Bern organisiert mehrere Veranstaltungen. Im Künstlerhaus S11 in Solothurn läuft bis 1. November die Ausstellung «Super 8!». Weitere Infos zum «Global Super 8 Day»: www.gs8d2015.com.

Der Bund

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