Das Fossil, die Leiche, das Brot und das Wetter

Der englische Regisseur Peter Greenaway dreht einen Film über den rumänischen Bildhauer Constantin Brâncusi. Er kam dafür auch ins zürcherische Stallikon – wo er Schnee erwartete. Ein Besuch am Set.

«Ich dummes altes Fossil»: Peter Greenaway in einer Mühle in Stallikon, die als Filmset für sein neues Werk dient.  Foto: Sabina Bobst

«Ich dummes altes Fossil»: Peter Greenaway in einer Mühle in Stallikon, die als Filmset für sein neues Werk dient. Foto: Sabina Bobst

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Meine Erfahrung beim Beobachten von Dreharbeiten war immer die: Es gibt wenig zu beobachten. Die Kunst, die jemand im Kopf hat, steht noch in einem rechten Missverhältnis zur Langeweile, sie entstehen zu sehen. Auch stimmt selten das Wetter.

Wenn nämlich die Kunst, insbesondere der Film, sich mit der Natur einlässt, foutiert sich die Natur sehr oft um die künstlerische Vorstellung. Sie ist ihr bedenklich gleichgültig. Selbst ein Regisseur wie der Engländer Peter Greenaway, der das natürlich wuchernde Chaos der Realität noch immer gebändigt hat in der intellektuellen Ordnung seiner dramaturgischen Spiele – in Zahlenfolgen («Drowning by Numbers») und Farbwerten («The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover»), in enzyklopädischen Listen und auch in sauber gepackten Koffern («The Tulse Luper Suitcases») –, selbst so einer muss dann feststellen, wie der Begriff «Dreckswetter» sich stark relativiert. Er kann zum Beispiel bedeuten, dass in Stallikon ZH im Knonaueramt die Sonne scheint, wenn sie nicht gebraucht wird.

Das passte nun an einem Montag im Dezember justament nicht zur Idee, dass der ehemalige Spycher der Aumüli Stallikon (Riegelbau, frühes 19. Jahrhundert) für ein Stücklein Österreich stehen sollte, wohin es den rumänischen Bildhauer Constantin Brâncusi (1876–1957) auf einem Fussmarsch von Bukarest nach Paris verschlagen hat, 1903 in einem grauweissen Winter. Schnee war erwartet worden, den die Schauspielerin Carla Juri von der Türschwelle eines elenden Pfandhauses hätte wischen sollen.

Das war natürlich etwas zu optimistisch gedacht auf 534 Meter Meereshöhe (man sah die Juri auch nur einmal scheu vorbeihuschen an diesem Tag, sie trug Lockenwickler und bäuerlichen Zwillich). Peter Greenaway machte der Natur allerdings keine heftigen Vorwürfe, das Drehbuch sei schon klimatisch angepasst, sagte er. Aber es schien doch, als missbilligte er die «mediterranen» schweizerischen Verhältnisse ein wenig.

«Nichts als Fälschung»

Denn das Klima behinderte etwas seine Fantasie, in der der Film «Walking to Paris» bereits gedreht ist: der biografisch verbürgte Marsch eines Künstlers durch die Landschaften, sinnlichen Versuchungen und wechselnden Jahreszeiten Europas, ein Weg zur Grösse über 1500 mühselige, inspirierende Meilen in den Jahren 1903 und 1904. Und das als Essay – wäre es sonst ein Greenaway? –, in dem das Verbürgte nicht beim Wort genommen wird, sondern bei der Möglichkeit, dass alles anders gewesen sein könnte, weil Brâncusi vielleicht öfter den Zug genommen habe, als er zugab.

Er sei ja ohnehin der Meinung, es gebe keine Wahrheit der Geschichte, sondern nur die der erzählenden Historiker, sagt Peter Greenaway im Gespräch. «Fälschung, Fälschung, nichts als Fälschung», wie das Kino. Da hatte er sich schon warm geredet, draussen in der Stalliker Nachmittagssonne, das war wieder das Feine am Wetter. Nicht, dass er sich in die Karten schauen liess. Über die ästhetischen Ordnungsprinzipien des neuen Films war nichts aus ihm herauszubringen, als dass sie «hinreissende Schönheit» erzeugen werden auf der Spur «eines Mannes, der die Geschichte der Bildhauerei veränderte». Und dass Hunde vorkommen, weil es Constantin Brâncusi mit ihnen besonders gut konnte.

Man verstand aber: Wahrscheinlich wird es wieder eine der Welterfindungen dieses eigentümlichen Peter Green­away sein, der über das Kino, wie wir es gewohnt sind und wie es der Wirklichkeit hinterherhinkt, längst hinaus ist. Er hält es nämlich für tot, dieses Kino, mindestens seit den Tagen des Genies Sergei Eisenstein, dem sein letzter Film «Eisenstein in Guanajuato» gewidmet war. Es ersticke «an den Texten seiner eigenen faden Erzählprosa»; und dennoch und deshalb gibt er, Greenaway, «ich dummes altes Fossil», der Leiche immer wieder Bilderinfusionen, um etwas wiederzubeleben von der Kraft zur «assoziativen Poesie».

Wie heisst das in Japan?

Er ist im Reinen mit seinen Widersprüchen, zwischen dem «wirklichen Kino, das wir noch gar nicht gesehen haben», und dem Begräbnis des alten. 26 Projekte trage er mit sich herum, sagte er, im Kopf, auf dem Papier, und manche sind schon weiter gediehen. Sein nächstes wird von der letzten chinesischen Kaiserin handeln, ein anderes soll eine Fortsetzung von Thomas Manns «Tod in Venedig» sein (wenn es so wird, wie Greenaway andeutet, wird sich dort eine verklemmte, «nicht vollzogene» Knabenliebe zur gelebten Homosexualität entwickeln, «finally»). Und warum immer wieder Film? Nun ja, mein Gott, weil eine tote oder sterbende Kunst – man könne auch sagen: der Prozess ihrer Verwesung – halt doch «eine Angelegenheit von höchstem künstlerischem Interesse» sei. Und vermutlich auch eine Angelegenheit der Lust.

Es ist dann schliesslich kalt geworden in Stallikon. Die Ahnung von einer Szene blieb vage, gelinde gesagt. Es wuselte ein wenig von Technik. Ein praktischer Einsatz von Carla Juri oder Emun Elliott, dem Darsteller des Brâncusi, war bis zum Ende der Besuchszeit nicht wahrzunehmen. Hingegen war, unabhängig von «Walking to Paris», mitproduziert von der schweizerischen Cobra Film, noch etwas zu lernen in der denkmalgeschützten Aumüli: über die Herstellung des halbweissen Mehls aus Urdinkel in einer restaurierten Getreidemühle, die immer noch mit Wasserkraft betrieben wird, wenn die Reppisch kräftig genug fliesst.

Von Peter Greenaway selbst erfuhr man ausserdem, dass die Farbe des Mantels, den die TA-Fotografin trug, ein sanftes Senfgelb, in Japan «Der Atem des Tigers beim Sprung nach Osten» heisse. Wahr oder nicht, auch so ein nebenbei erworbener poetischer Mehrwert lohnt ja einen Besuch.

«Walking to Paris» soll im Herbst 2016 Premiere haben, eventuell am Festival in Venedig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.12.2015, 18:02 Uhr

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