Das Archiv als Milchkuh

Die Kinemathek Lichtspiel soll von der Stadt Bern künftig mehr Geld erhalten. Nicht genug, sagen die Betreiber. Der Fall zeigt, wie ein Liebhaberprojekt die Kulturförderung vor Probleme stellt.

Das Archiv, das auch ein Kino ist: Rund 25 000 Filme befinden sich im Lichtspiel; es ist damit das zweitgrösste Filmarchiv der Schweiz. Foto:

Das Archiv, das auch ein Kino ist: Rund 25 000 Filme befinden sich im Lichtspiel; es ist damit das zweitgrösste Filmarchiv der Schweiz. Foto: Bild: Franziska Rothenbühler

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Einige Kulturhäuser und Gruppen hatten Grund, sich zu freuen, als die Stadt Bern vor drei Wochen bekannt gab, wie viele Mittel für die Kulturförderung künftig zur Verfügung stehen werden – und für wen: Nicht wenige Institutionen sollen in den Jahren 2020–23 eine Erhöhung ihrer Subvention bekommen, darunter auch das Lichtspiel («Bund» vom 12. Mai.). Das Kino, das vor allem ein Archiv ist und sich darum «Kinemathek» nennt, soll gemäss der Vernehmlassungsvorlage von der Stadt anstelle der bisherigen 100'000 Franken pro Jahr neu 155'000 Franken erhalten. Davon sind 130'000 für die Mietkosten bestimmt.

Grund zur Freude auch für das Lichtspiel-Team also? Nur bedingt. Gefordert hatten die Betreiber nämlich mehr Geld, konkret 205'000 Franken im Jahr, um die Kinemathek «so weiterführen zu können wie bis anhin», wie Lichtspiel-Leiter David Landolf sagt. Das heisst: Die von der Stadt in Aussicht gestellte Erhöhung ist nicht hoch genug. Der beantragte Betrag sei nötig, so Landolf, weil man in den letzten Jahren von den Reserven gezehrt habe.

Denn bereits seit 2012 klafft eine Lücke im Budget. Das hat damit zu tun, dass das Lichtspiel damals umgezogen ist – der ursprüngliche Standort an der Bahnstrasse musste der geplanten Warmbächli-Überbauung weichen. Die neuen Räume in der städtischen Liegenschaft in der ehemaligen Ryff-Fabrik im Marzili bieten zwar viele Vorteile, die Mietkosten sind aber um mehr als das Vierfache auf 130'000 Franken gestiegen. Die Stadt hat ihre Subvention damals zwar erhöht, aber die aktuell 100'000 Franken im Jahr decken die Mietkosten nicht ganz.

Der Bundesrat feierte im Kino

Auch der Kanton half mit 100'000 Franken pro Jahr mit, die Lücke zu schliessen – befristet auf drei Jahre von 2013 bis 2015. Mit Inkrafttreten des neuen Kulturförderungsgesetzes 2016, das die Zuständigkeiten zwischen Stadt, Kanton und Regionsgemeinden neu regelte, wurde das Lichtspiel eine rein städtisch subventionierte Institution; der Kanton kann seither nur noch Beiträge an konkrete Projekte sprechen.

«2018 und hoffentlich auch 2019 können wir uns mit Projektbeiträgen verschiedener Förderer über Wasser halten», sagt David Landolf. «Das Problem ist allerdings, dass wir, um die alltägliche Archivarbeit zu finanzieren, jeweils konkrete Projekte daraus destillieren müssen, um überhaupt Projektbeiträge beantragen zu können.» Als Beispiel nennt Landolf die Aufarbeitung der Jazzfilmsammlung von Theo Zwicky. «Gesuche zu schreiben, bringt jeweils einen grossen Aufwand mit sich – und natürlich das Risiko, dass Eingaben abschlägig beantwortet werden. Damit besteht keinerlei Planungssicherheit.»

Das Lichtspiel ist neben der Cinémathèque suisse in Lausanne das zweitgrösste Filmarchiv in der Schweiz. 25 000 Filme sind es mittlerweile, und es kommen ständig neue dazu; das Lichtspiel lehnt nur wenig ab. Diese Materialberge zu verwalten und zu erhalten, braucht Ressourcen, eröffnet aber auch Einnahmemöglichkeiten. Im Lauf der Jahre hat sich das Lichtspiel-Team ein grosses Fachwissen über die Erhaltung von analogem Filmmaterial und Filmtechnik angeeignet, das es zu vermarkten weiss: So berät das Lichtspiel Firmen, Museen, andere Archive und Private in Sachen Filmarchivierung, -erhaltung und -digitalisierung oder organisiert Restaurierungen. Der Kinoraum wird zudem auch vermietet; der Bundesrat hielt hier schon sein Weihnachtsessen ab. Damit generiert das Lichtspiel ungefähr drei Viertel seiner Einnahmen.

Ein Businessplan soll her

Hier sieht die Stadt Bern eine Möglichkeit, die Finanzen des Lichtspiels ins Lot zu bringen. Gemäss Vierjahresplanung stellt sie dem Lichtspiel zusätzlich zu den Mietkosten jährlich 25 000 Franken zweckgebunden in Aussicht «zur Managementunterstützung der Institution mit dem Ziel, dass sich diese ab 2024 aus eigener Kraft finanzieren kann», wie es im Vernehmlassungspapier heisst. Was es damit genau auf sich hat, präzisiert Kulturchefin Veronica Schaller auf Anfrage: «Es geht um Unterstützung bei der Erstellung eines Businessplans durch eine externe Fachstelle. Die Idee ist, dass das Lichtspiel wegen der Einmaligkeit seiner Dienstleistungen daraus ausreichend Einnahmen und zusätzliches Sponsoring generieren können sollte.»

Beim Lichtspiel zweifelt man allerdings daran, dass das gelingen kann. «Wenn wir die Preise für unsere Dienstleistungen verdoppeln, würden wir wohl nicht mehr Geld einnehmen. Wir hätten schlicht weniger Aufträge und Vermietungen», sagt Landolf und verweist auf Grundsätzliches: Man sei ja kein marktwirtschaftlich orientiertes Unternehmen. Und auf die Niederschwelligkeit des Angebots wolle man nicht verzichten. So ist die Beratung von Privatpersonen und die Archivierung von Privatfilmen im Lichtspiel kostenlos, der Eintritt an den wöchentlichen Vorführungen von Filmen aus dem Archiv basiert auf Kollekte. «Das Archiv ist ein Schatz, den wir möglichst vielen zugänglich machen möchten.»

Ob das Lichtspiel es schaffen kann, mehr Einnahmen zu generieren, lässt sich im Moment nicht beantworten. Auch Veronica Schaller räumt ein, dass man die Analyse abwarten müsse und dass der Prozess «ergebnisoffen» sei. Es seien aber sicher auch «Abklärungen über Bern hinaus nötig», sagt sie.

Gemeint ist eine mögliche Unterstützung seitens des Bundes. Schon im Jahr 2013 wurde das Lichtspiel beim Bundesamt für Kultur vorstellig. Damals hiess es, es sei dem Bund nicht möglich, neben der Cinémathèque eine zweite Institution über einzelne Projektbeiträge hinaus zu unterstützen, die im selben Bereich tätig sei. In Sachen Filmarchivierung, die enorm aufwendig ist und viel Geld verschlingt, ringt der Bund seit Jahren um eine nationale Strategie.

Eine Konkurrenz zur Cinémathèque ist das Lichtspiel allerdings nicht: Anders als in Lausanne geht es in Bern nicht um die langen Filme der bekannten Regisseure, sondern um die kleinen Werke und um Dokumente des Alltags, die in grösseren Archiven unterzugehen drohen. Die Situation hat sich mit der letzten Revision des Filmgesetzes mittlerweile verändert; theoretisch ist dem Bund die Unterstützung eines zweiten Archivs nun möglich. Man möchte darum das Gespräch erneut suchen, so David Landolf.

Das ist aber nicht so einfach, wie es klingt. Die Probleme des Lichtspiels hängen nämlich auch damit zusammen, dass es fördertechnisch zwischen Stuhl und Bank fällt: einerseits geografisch, weil es als Archiv überregionale, wenn nicht nationale Ausstrahlung hat, als Kino aber lokale. Andererseits, weil es gleichzeitig Kino und Archiv ist und so die gängigen Schubladen der Kulturförderung sprengt.

Eine Truppe von Begeisterten

Dass es das Lichtspiel trotz der chronischen Unterfinanzierung nach wie vor gibt, hat auch damit zu tun, dass hier viel Freiwilligenarbeit geleistet wird. Etwas weniger als die Hälfte der geleisteten Arbeit wird entlöhnt; und das ziemlich bescheiden: Die zehn Personen, die eine Form von Anstellung haben, verdienen alle 25 Franken pro Stunde. Doch wer mit den Lichtspiel-Leuten spricht, hat den Eindruck: Die machen weiter, um jeden Preis. Womöglich hat das unbedingte Engagement dieser verschworenen Truppe von Kino-Liebhabern aber einen unerwünschten Effekt bei den Geldgebern. Gegangen ist es bisher ja immer irgendwie. Und solange das Lichtspiel sein Archiv weiter ausbaut, auch ohne finanzielle Sicherheiten, entsteht der Eindruck, dass es die Kulturförderung in grösserem Ausmass vielleicht gar nicht braucht.

Dennoch scheint es der Stadt Bern nun ernst zu sein, Möglichkeiten für eine verbindliche finanzielle Basis zu schaffen. Man sei sich sehr wohl bewusst, «was für eine einmalige Institution das Lichtspiel ist, die auch nationale Ausstrahlung hat und die massgebend mithilft, Filmgeschichte und -kultur zu erhalten und erfahrbar zu machen», sagt Veronica Schaller.

Archivarbeit wirft nichts ab

Trotzdem: Ganz verstanden fühlen sich die Betreiber des Lichtspiels von der Stadt nicht. Vor allem die Forderung, sich aus eigener Kraft zu finanzieren, finden sie kulturpolitisch fragwürdig. «Man verlangt vom Stadtarchiv ja auch nicht, es solle Kalender drucken, um sich zu finanzieren», so Landolf. «Archivarbeit lässt sich per se nicht zu Geld machen.» Die Stadt ist da anderer Meinung. Immerhin: «Es sind noch viele Gespräche nötig», sagt Veronica Schaller, «um einen Weg zu finden, wie es weitergeht.» Die Ungewissheit wird wohl weiterhin ein ständiger Begleiter des Lichtspiels bleiben. Trotz der versprochenen Erhöhung der Subvention. (Der Bund)

Erstellt: 31.05.2018, 06:34 Uhr

Neuer alter Klopfenstein-Film dank dem Lichtspiel

An der Bahnstrasse 21 in Bern hatte der Kinotechniker Walter Ritschard seine Sammlung mit Filmen, Projektoren und anderen Apparaten untergebracht. Ein Team von Kinofans übernahm diese nach Ritschards Tod 1998 und gründete im Jahr 2000 den Verein Lichtspiel. Seitdem wird das Archiv ausgebaut, daneben werden Dienstleistungen und öffentliche Kinovorführungen angeboten. 2012 zog die Kinemathek an ihren jetzigen Standort in der ehemaligen Ryff-Fabrik im Marzili.

Aus dem wilden Sammelsurium Ritschards wurde mit der Zeit ein Archiv mit heute 25 000 Kopien – mit Inhalten von Aare bis Zibelemärit. In der frei zugänglichen Datenbank finden sich Industrie- und Werbefilme, Kurzfilme, Privatfilme, Wochenschauen oder kürzere Filme von Schweizer Regisseuren. So übergab Fredi Murer 2015 dem Lichtspiel fast alle seiner Kurzfilme. Auch Experimentalfilme von Clemens Klopfenstein befinden sich im Lichtspiel-Archiv.

Restauratorin Brigitte Paulowitz unterstützte den Filmemacher beim Aufbau des schriftlichen Archivs, zudem digitalisierte das Lichtspiel nicht verwendetes Material von Klopfensteins Nachtfilmen und ist dabei auf das Rohmaterial des nie fertiggestellten Films «La Luce Romana vista da Ferraniacolor» (1974) gestossen, der nun montiert und im Herbst vorgeführt wird. «Ich bin sehr glücklich, dass es diese Leute und diese Einrichtung gibt», sagt Klopfenstein.

Jeden Sonntag zeigt das Lichtspiel Archivprogramme. Im Juni sind zudem sonntags jeweils Filmbearbeitung, Werkstatt, Digitalisierung und Teile des Archivs von 18 bis 20 Uhr für das Publikum geöffnet, eine Führung findet um 18 Uhr statt.

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