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Darf man ein Baby Adolf nennen?

Sönke Wortmann lässt Ehepaare im Film «Der Vorname» über den Babynamen Adolf streiten.

Der Literaturprofessor kämpft gerade mit dem Korken der Rotweinflasche. Es macht plopp, als sein Schwager endlich verrät, wie er den hellen Fleck auf dem Ultraschallbild nennen will: «Adolf!» Mit der Namenswahl für den noch ungeborenen Sohn ist das Abendessen unter Freunden schon vor dem ersten Gang gelaufen. Immerhin, der Wein ist offen, den werden sie noch brauchen. Es gilt nun im Namen der Zivilgesellschaft klare Kante gegen die Verharmlosung des Nationalsozialismus zu zeigen. Und dabei noch einmal zu betonen, dass Worte und Namen geschichtlich belastet sein können und sich dann verbieten.

Das klingt, als würde man dafür säckeweise Filmförderung bekommen. Es klingt allerdings auch ziemlich anstrengend. Aus Sicht einer deutschen Filmproduktion besteht der geniale Kniff in «Der Vorname» nun darin, dass man den sich langweilenden Zuschauer, der Action sehen möchte, mit an den Tisch setzt - nämlich in Form des lausbubenhaft grinsenden zukünftigen Vaters.

Lieber zündelt er bei der Namenswahl, als sich brav der Deutungshoheit und dem faden Einerlei des linksliberalen Mainstreams, wie das neuerdings heisst, zu ergeben. Den repräsentieren der Cordsakko tragende Literaturprofessor und seine Frau, eine Grundschullehrerin - zwei Pädagogen als Oberlehrer der Nation.

Französische Vorlage

Dass es dabei auch um Bildungsdünkel geht, wird klar, als die Mutter des künftigen Adolf auftaucht. Sie findet vieles «krass» und «geil» und hat vermutlich auf der «Fack ju Göhte»-Gesamtschule ihren Abschluss gemacht, um von dort noch ein paar Zuschauer im SUV mitzunehmen. Karrieremässig nämlich muss man sagen: Läuft krass bei ihr und ihrem Mann.

Warum sie den Kleinen doch wohl noch Adolf nennen dürfen, erklärt er so: Den Namen nie wieder zu benutzen, bedeute, Hitler zu «einer Ikone, einem Mythos» zu machen. Wenn jeder Adolf gleich ein Adolf ist, dann hat Adolf gewonnen. «Hitler ist ein Popstar, den Leute wie du am Leben erhalten!» Nicht «irgendwelche Rechten, nicht die alten Nazis» tun das seiner Ansicht nach - sondern linke Besserwisser, die sich «jeden Abend auf Phoenix an Hitlers Verbrechen aufgeilen».

Er schaue ja lieber Arte, quakt da der Klarinettist, der auch noch dabei ist. Er ist ein alter Freund der Familie, ein harmloser, gepuderter Mensch im Smoking und damit eine perfekte Verkörperung des ästhetischen Prinzips, das Regisseur Sönke Wortmann hat walten lassen. Das Thema des Films, nämlich das Verhältnis der bürgerlichen Gesellschaft zur neuen Rechten, bügelt er gleich halbherzig auf und wieder ab.

Ursprünglich war «Der Vorname» ein französischer Stoff, er wurde von den Autoren fürs Theater geschrieben und schon 2012 von ihnen verfilmt. In deren Fassung waren die Kontrahenten einander ebenbürtig. Ihr rhetorisch-moralisches Kräftemessen liess sich als die Frotzelei alter Freunde deuten, die sie auch in der deutschen Fassung sind, zumindest laut Drehbuch.

Nun aber spielt die Rolle des Literaturprofessors Christoph Maria Herbst, und zwar so, dass es wehtut: als von Anfang an aufbrausender Rechthaber, der nicht nur Nazis doof findet, sondern auch auf die Barrikaden geht, wenn seine Gäste «geil» sagen. Dann wird die germanische und mittelhochdeutsche Etymologie referiert, um zum Schluss zu kommen, es sei ein «Unwort, das im Wortschatz eines Menschen über 18 Jahren nichts zu suchen hat».

So einer ist natürlich leichte Beute für seinen von Florian David Fitz mit ironischem Zwinkern gespielten Kontrahenten, und mit Herbst zusammen müssen hier auch das Prinzip der nicht-verletzenden Sprache und das wache Geschichtsbewusstsein böse Niederlagen einstecken.

Da sehnt man sich nach einem basta

Sönke Wortmann strombergisiert den Professor und damit sein gesellschaftspolitisches Anliegen. Und nicht nur das: Während bei Tisch die Fetzen fliegen, damit die Zuschauer was zu gucken haben, fährt die Kamera im Kreis drumherum - so, als tue sich in der Diskussion ein Strudel ewigen Gekeifes auf, mit dem man sich nicht näher zu befassen braucht. Aktuelle Themen wie die AfD werden hineingeworfen, vielleicht weil sie auf dem Filmförderantrag standen, diskutiert werden sie aber nicht. Da sehnt man sich beinahe nach einem, der mal auf den Tisch haut und basta sagt.

Irgendwann fällt dem Film wieder ein, dass er keine «Anne-Will»-Sendung, sondern Kino sein möchte. Das hält für die grossen, unlösbaren Fragen stets eine menschliche Antwort bereit. In diesem Fall lautet sie, nachdem sich alle total zerstritten haben, sinngemäss: Gerade heute komme es auf unsere persönlichen Beziehungen an. Soll wohl heissen: Das Auseinanderfallen der Gesellschaft können wir nicht mehr verhindern, sondern uns nur noch überlegen, wer nach dem grossen Knall noch eine Flasche Roten offen hat.

Der Vorname, D 2018 - Regie: Sönke Wortmann. Buch: Matthieu Delaporte, Alexandre de La Patellière, Claudius Pläging, Alexander Dydyna. Kamera: Jo Heim. Musik: Helmut Zerlett. Mit: Florian David Fitz, Christoph Maria Herbst, Caroline Peters, Janina Uhse, Iris Berben. Verleih: Constantin, 91 Minuten.

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