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Brave und rassistische Schweizer Bürger

Kaum ein Beitrag am diesjährigen Filmfestival Locarno hat für so heftige Diskussionen gesorgt wie die Schweizer Doku «Image Problem». Mit dem Kinostart diese Woche dürfte die Kontroverse in eine neue Runde gehen.

Die Qualität der Debatte ist in hohem Masse steigerungsfähig, wurde doch in Locarno weniger über die erschreckenden Inhalte des Films diskutiert, als über die Vorgehensweise der Berner Filmemacher. Simon Baumann und Andreas Pfiffner unternehmen den satirischen Versuch, das angeschlagene Image der Eidgenossenschaft aufzupolieren. Den beiden Regisseuren der jüngeren Generation gelingt Erstaunliches: Ihr Werk lässt bisweilen Tränen fliessen vor Lachen. In anderen Passagen gefriert einem das Blut in den Adern.

Den Einstieg ins Thema geht der Film vergleichsweise harmlos an: Brave Bürger werden befragt, wie das Ansehen der Schweiz wiederhergestellt werden könnte. Fast ausnahmslos wird den Filmemachern empfohlen, zu PR-Zwecken Berge zu zeigen oder Seen – oder Bergseen. Dies alles geschieht. Bald aber verschieben Baumann und Pfiffner den Fokus auf die Menschen, die in diesen herrlichen Landschaften leben. Hier fällt die Bilanz ernüchternd aus.

Erschreckender Provinz-Rassismus

Ein älterer Herr feiert ein Gartenfest und findet es bedauerlich, dass «Adolf» mit seiner Arbeit nicht fertig wurde. Schwarze werden konsequent mit dem N-Wort betitelt. Und kaum zu glauben: Fast ein Vierteljahrhundert nach der Wende sprechen die im Film gezeigten Schweizer noch immer vom «Ostblock».

Die überall anzutreffende Fremdenfeindlichkeit hat auch die Filmemacher erschreckt. Der Provinz-Rassismus als dominantes Thema des Films habe sich aufgrund der Antworten der Befragten ergeben, sagte Baumann bei der Weltpremiere in Locarno.

Fremdenfeindlichkeit, Steuerfluchtangebote, Ausbeuterkonzerne: Die Schweiz hätte durchaus Gründe, bei der Weltgemeinschaft um Entschuldigung zu bitten, wie auch einige der Befragten anerkennen. Ein von den Filmemachern verfasstes Bekennerschreiben findet dann allerdings wenig Anklang – übliche Verdächtige wie Glencore oder Goldküsten-Figuren erweisen sich als besonders renitent.

In der Debatte um den Film wurde Baumann und Pfiffner vorgeworfen, dass sie nichtsahnende Durchschnittsbürger lächerlich machten. Was die Rassisten betrifft: Hier wäre Mitgefühl für die Ausländer, die unter diesen zu leiden haben, weit eher angebracht – und leid tun dürfen einem auch Mainstream-Schweizer, die ihre schönen Berge und Seen mit Leuten teilen müssen, die Völkermord gutheissen.

Starker Dokfilm mit Schwachstelle

«Image Problem» hat in den stärksten Szenen die Kraft eines Films von Michael Moore («Fahrenheit 9/11»). Während der dezidiert linke US-Amerikaner jedoch bisweilen eine ärgerlich missionarische Pose einnimmt, nehmen sich Baumann und Pfiffner mit ihrem bewusst naiven Zugang auch selbst auf die Schippe. Schliesslich beichten sie gar ihre Sünden als Regisseure einem Priester.

Etwas merkwürdig wirkt lediglich, dass ein Film, der vom Image der Schweiz handelt, fast ausschliesslich in der Deutschschweiz spielt und lediglich Deutschschweizer zeigt. Die Erklärung der Filmemacher ist banal: «Wir sprechen kein Italienisch und nicht sonderlich gut Französisch», erklärten sie. Die annähernde Halbierung des Landes ist der einzige wirkliche Minuspunkt für einen ansonsten starken, phasenweise hoch amüsanten, aber durchaus nicht leichtgewichtigen Dokfilm.

sda/Serge Kuhn/dj

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