Bonbonbunte Schicksale in Coney Island

«Wonder Wheel» heisst Woody Allens neuer Film. Die kleinbürgerliche Tragödie weckt nostalgische Sehnsucht nach dem alten Komödienmeister.

Offizieller Trailer zu «Wonder Wheel». Video: Youtube/Amazon Studios


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Es muss gleich vom Herzen, und es fällt nicht einmal mehr so schwer: Die Filmgeschichte wird «Wonder Wheel», den neuen Spielfilm von Woody Allen, in seiner ganzen bonbonbunten Tadellosigkeit kaum zu den grossen Filmen zählen. Aber andererseits: So leicht stirbt eine alte Loyalität nicht. Sie gilt der früheren Kunst und der Erinnerung, und das trotz der Missbrauchsvorwürfe seiner Tochter, die ihn jetzt wieder einholen, womöglich zu Recht.

Die Vorwürfe bestanden schon lang, sie klingen nicht unglaubwürdig. Hätte sie seinerzeit davon gewusst, sie hätte nicht für Allen gespielt, sagt etwa die Schauspielerin Greta Gerwig («To Rome with Love», 2012) kürzlich; aber so ganz kann sie es und kann mans eben heute noch nicht wissen, und im engen Rahmen dieser Rezension gilt so halb die Unschuldsvermutung.

Intelligent lachen mit Allen

Das komische (und komisch lüsterne) Genie des Filmemachers Allen hat philosophische Geister schon immer beschäftigt. Er galt früher als das aristophanische Temperament, das den moralisch verspielten Irrealismus der antiken griechischen Komödie zu uns hinüberrettete. Es hiess, dass intelligent lacht, wer bei Allen lacht und mit ihm und über ihn, und dass kluges komisches Niveau ist, wo Allen draufsteht.

Es hat sich dann später viel Düsternis über die Komik gelegt, und Woody Allen wandelte am Rand des schwarzen Ernstes und durch den Seelenmoder Europas. Das hat gewiss nicht geschadet in «Match Point» (2005), diesem eleganten Mörderspiel. Aber es folgte «Cassandra’s Dream» (2007), eine Familiengeschichte von Schuld und Sühne, in der es kaum was zu lachen gab, weil Allen Dostojewskis dunklen Mantel angezogen hatte. Der Film kam einem flüchtig gefertigt und grämlich und eindeutig vor. Schon er erzeugte beträchtlich Nostalgie.

Allens erotisierte Altherrenfantasie

Einmal ist Woody Allen noch leichtfüssig geworden, und seine erotisierte Altherrenfantasie – denn das war es ja – geriet ins Schweben in «Vicky Cristina Barcelona» (2008), danach nahm es so seinen hinkenden Lauf über neun Filme. Selten blitzte Genie, oft blitzte Kunsthandwerk, manchmal aber nicht einmal das.

Was uns jetzt zu «Wonder Wheel» bringt, der im Grund der Ausdruck von routiniert kolorierter Brillanz ist und ein äusserst gepflegter tragischer Graus. Derart: Wir sind in den Fünfzigern und im farbensatten Coney Island mit seinem Riesenrad. Einem Bademeister, Mickey Rubin (Justin Timberlake), der gern Dramatiker wäre, wird der Ort zur Bühne fremder Lebensgeschichten und eigener erotischer Versuche. In seinem theatertheoretisch gestimmten Kopf häuft sich Material. Was er aber für dem saftigen Leben abgelauschte Melodramen hält, sind wahre und mörderische Tragödien, an denen er Anteil hat.

Kate Winslet spielt fantastisch

Da ist die Tragödie der Ex-Schauspielerin Ginny (Kate Winslet; sie spielt fantastisch), der es nicht an der Wiege gesungen wurde, dass sie jetzt Austern servieren und Fische ausnehmen muss. Die ihres Mannes, des Säufers Humpty (James Belushi; er wirkt tatsächlich ein wenig wie der Humpty Dumpty im Kinderreim: zerbrechlich wie ein Ei), dem der Traum vom Familienleben immer unter den Händen zerbröselte. Und die seiner Tochter Carolina (Juno Temple), die ihrem kriminellen Mann davongelaufen ist und Dinge weiss, die sie nicht wissen sollte.

Und, ach ja: die alten Allen’schen Spiele von Verbrechen und minderen Vergehen. Die kleinen dramatischen Mystifikationen, wenn die Logik nicht ganz ausreicht. Der dramaturgische Trick des Beiseite-Sprechens. Die dürr gewordenen theatralischen Verfremdungseffekte. Man will einfach nicht mehr warm werden mit den leblos altersweisen, kundig-ironischen Mustern. Der nächste Allen-Film, «A Rainy Day in New York», soll auch schon abgedreht sein, man kann ihn erwarten.

In Zürich derzeit im Lunchkino. Ab 25. Januar in den Kinos. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2018, 10:08 Uhr

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