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Bombastische Kinderlehre

Der amerikanische Regisseur Darren Aronofsky schickt in «Noah» die grosse Flut über die Welt.

Die biblische Geschichte von Noah und der Arche, wie sie geschehen sein soll in der zehnten Menschengeneration nach Adam und Eva, ist ja recht umstandslos zusammenzufassen: «Als der Herr sah, dass der Menschen Bosheit gross war ... da kam die Sintflut über die Erde, vierzig Tage lang ..., so vertilgte er alle Wesen, die auf dem Erdboden waren ..., nur Noah blieb übrig und was mit ihm in der Arche war.»

So steht es im ersten Buch Mose, und das hat doch Dramatik in seiner Lakonie. Was andererseits den Riesenfilmschinken «Noah» von Darren Aronofsky («Black Swan») betrifft, worin Gott der Herr übler Laune ist und der Himmel in mächtigem Regenwetter zürnt, hat der unsterblich komische Poet Heinz Erhardt schon fast alles vorausgewusst, und zwar dergestalt:

«Würden sämtliche Berge der ganzen Welt zusammengetragen und übereinandergestellt, und wäre zu Füssen dieses Massivs ein riesiges Meer, ein breites und tief’s, und stürzte dann unter Donnern und Blitzen der Berg in dieses Meer – na, das würd’ spritzen.»

Diese Verse erschöpfen das ästhetische Problem von «Noah» so gründlich, wie der Film uns erschöpft hat durch das Missverhältnis von metaphysischem Aufwand und banalem Ertrag. Es läuft eben alles auf das wesentliche, grosse, schöne Spritzen hinaus, auf mehr nicht; und schliesslich ist alle alttestamentarische und moderne Psychologie, mit der sich Aronofsky auch Mühe gegeben hat, und sind alle gröberen und feineren Argumente Gottes und der Menschen, das ganze Drama, in den Wassern der Sintflut ersoffen.

Danach ist die Erde wieder leer und ein wenig wüst, hat es aber sauberer überstanden, als sie vorher war; die grössten Aufregungen waren im Grund nur klimatischer, nicht dramatischer Natur, und Noah (Russell Crowe) lässt seine Tiere und seine Familie aus der Arche, pflanzt danach die ersten Weinstöcke, wie es in der Bibel vorgesehen ist, und hat seinen ersten Rausch, was man ihm gönnt. Ein Regenbogen wird aufgerichtet zum Zeichen des neuen Bundes (Mose 1, Kapitel 7, Vers 12). Ila, die Schwiegertochter (Emma Watson), hat bereits Zwillinge. Nur mit Ham (Logan Lerman), Noahs zweitem, immer schon etwas bockigem Sohn, kommt es nicht mehr ganz gut.

Fadengrad zum Gottvertrauen

Der erzählerische Hauptweg ist also der der Kinderlehre. Er führt nicht direkt von A nach B, aber eigentlich doch fadengrad zum Gottvertrauen. Daran ändern auch die verschlungenen visionären Umwege und Bohrungen in Seelen und Ausflüge in die magische und mythologische Fantastik nichts, die Darren Aronofsky eine «Interpretation» nennt. Sie sind nämlich keine Interpretation, sondern einfach ein Füllstoff aus martialischer Aktion und praktischer Problemlösung.

So ein bombastischer Film mit seinen Ansprüchen an eine dramaturgische Logik auch im Wundersamen hudelt sich ja nicht so leicht daher wie das Märchen vom Mann und seinen Söhnen, die mit ein paar Äxten schnell ein tiergerechtes Schiff zimmern und es mit Pech kalfatern, ganz allein und termingerecht auf die Flut hin. Und man muss zugeben: Aranofsky hat sich da schon etwas überlegt.

Die «Saat Kains»

Die Bauzeit beträgt jetzt zehn Jahre, was auch nicht viel wäre in einer Welt, die in «Noah» vergiftet und korrumpiert ist von der «Saat Kains», des Brudermörders, und ohne nennenswerten Baumbestand. Aber wos zu logistischen Problemen kommt, geschehen nun ein paar biblisch nicht abgesicherte, jedoch vorstellbare Zeichen und Wunder. Man hat sich ja vielleicht immer mal gefragt, woher all das Schiffsholz kam. Hier ist die Antwort: Es stammt aus einem Wald, der über Nacht hochschoss aus einem Samen, den Noah von seinem Grossvater Methusalem (Anthony Hopkins) hatte, welcher damals lebte in seinem 959. Jahr und auch noch die Zeit bis zur Flut segenwirkend übersteht. Beim Bau der Arche wiederum kann Noah sich auf die «Wächter» verlassen, die «Gottessöhne» (die in der Genesis wenigstens am Rand erwähnt werden), das sind: vom Weltdreck verkrustete Steinriesen mit einem inneren englischen Glühen, ohne die das Entlauben und Entasten von Bauholz und die gewalttätige Abwehr von Kains sündigen Nachkommen gar nicht zu machen wären.

Ferner hilft, als die Tiere kommen, erst die Vögel, dann die Schlangen und das Grosswild in prächtigen Totalen, eine Betäubung mittels Drogen die Ernährungsfrage regeln. Und so gehts, in einer dramatischen Mischung aus Mirakel und frühwissenschaftlicher Methodik. So bleibt auch Zeit für die inneren Dramen, auf die es Darren Aronofsky abgesehen hat. Für die Sinnfragen und individuellen Gottesbeweise, für die Diskussion über richtig oder falsch gelesene Himmelszeichen und den Streit, was noch Frömmigkeit sei und was schon Fanatismus. Leider, wie man anfügen möchte.

Es türmt sich das Pathos berghoch

Da toben sich das Biblische und nicht ganz so Biblische äusserst sentimental aus, hier ist Wille zur Bedeutung mit klirrenden Tschinellen und drängenden Streichern, und, um auf Heinz Erhardt zurückzukommen, es türmt sich das Pathos berghoch, wird feierlich, träg und langatmig und plumpst schliesslich doch nur in den technischen Effekt; und, na ja, dann spritzts halt.

Lassen wir dem Film hier ein paar düstere Geheimnisse, die er auch hat, diese wenigen wirklich sehenswerten Augenblicke von Unheimlichkeit und sozusagen ödipaler Neurotik im Verhältnis von Gott und Mensch. In der Sintflut der Bilder und des predigenden Geschwätzes haben sie keine rechte Wirkungschance; und den Eindruck von Trägheit vertreiben sie nicht. Man sagts ja nicht gern, weil es bei Literaturverfilmungen so oft gesagt wird: Aber das Buch ist besser.

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