Bolzenschuss ins Heimatgefühl

Welches ist die übelste Jahreszeit von allen? Ganz klar, der Alpsommer. Das jedenfalls legt Manuel Lobmaiers Selbsterfahrungs-Doku «Alptraum» nahe.

Die Tiere sind noch nicht einmal das Mühsamste auf der Alp: Manuel Lobmaier mit einem neugeborenen Kälbchen.

Die Tiere sind noch nicht einmal das Mühsamste auf der Alp: Manuel Lobmaier mit einem neugeborenen Kälbchen. Bild: zvg

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Sind das jetzt Kühe oder Rinder? Und wo liegt eigentlich der Unterschied? Das «Handbuch Alp» ist keine Hilfe, nicht einmal das Kapitel «Technische Daten einer Kuh». Egal, die beiden jungen Männer, die sich das fragen, sind zwar Greenhorns, was die Haltung von Grossvieh angeht, aber mit den Bauern Kaffee Schnaps trinken wie echte Hirten, das können sie.

Die Jugendfreunde Robin und Manuel haben schon einiges zusammen erlebt und lassen nun ihren Traum vom Alpsommer Wirklichkeit werden. Ab in die Berge, gross und schön, wild und geheimnisvoll. Vom letzten Abenteuer in der zivilisierten Welt ist die Rede, vom einfachen Hirtendasein in freier Natur. Vier Monate lang werden die beiden auf einer Alp verbringen, mit 236 Stück Vieh, 12 Einkaufswagen voller Essen und 26 Kilometern Zaun rund um die Weiden, der auf- und im Herbst wieder abgebaut werden soll. Nicht zu vergessen: die Kamera, mit der die beiden das Erlebte wie in einem Bildertagebuch festhalten.

Ein Dokumentarfilm über einen Alpsommer also: Die Begeisterungsfähigkeit von Schweizer Filmkritikern fällt bei einer solchen Affiche jeweils sofort ins Koma – zu zahlreich waren in den letzten Jahren die Filme, die das Leben in den Bergen feierten. Es juchzte und schellte von der Leinwand, Wildheuer buckelten imposante Graspakete, Sennen schmetterten den Alpsegen über die Gipfel, Bergbauernfamilien schufteten sich die Hände wund, und trotz aller Mühe schien gefühlsmässig immer irgendwo ein Feuerchen zu flackern, das Herz und Heimatgefühl sanft erwärmte.

Sie machen das Kalb

In Manuel Lobmaiers Debütfilm gibt es nichts dergleichen. Er ist das Protokoll eines persönlichen Projekts, das grandios scheitert – an den äusseren Umständen ebenso wie an der eigenen romantischen Verblendung. Erstaunlicherweise liegt darin aber gar nicht das Überraschungsmoment des Films (schliesslich verrät der Titel « Alptraum» schon viel). Überraschend ist, wie brutal dieser Sommer in die Hose geht.

Dabei fängt alles so munter an: Die zwei lustigen Gesellen mit dem reizenden Walliser Dialekt wirken wie Figuren in einem selbst gedrehten Abenteuerfilm, sie machen das Kalb mit Wanderern und mit dem Bolzenschussgerät und trällern ein Liedchen zu Gitarre und Akkordeon. Und, es ist fast zu klischiert, um wahr zu sein, zum Drehbuch dieses Alpsommers gehört nicht nur die strenge Arbeit («es tut gut, seinen Körper zu spüren», sagt die Off-Stimme), sondern auch die hübsche Schäferin von der Nachbaralp. Manuel ist fast ein wenig baff darüber, dass es sie wirklich gibt – eine Frau, stark und sensibel zugleich, die einem sterbenden Schaf die Kehle aufschneidet, wenn es denn sein muss. Die Männer staunen. Und es folgt das Unvermeidliche: Zwei sind hier einer zu viel.

Spätestens, als Robin mit der Hirtin anbandelt, klaffen die Risse in der Idylle auf, die schon lange zu erahnen waren. Dazu kommen weiter: eine Kuh mit Euterentzündung, ein Stier mit Beinbruch, dreissig verlorene Tiere, eine hartnäckige Mittelohrentzündung, kilometerweise Zäune, die gesetzt werden müssen, und ein Wetter, das garstiger nicht sein könnte. Kurz, der Traum vom Hirtendasein versumpft völlig während dieses total verschifften Sommers, und die Freundschaft zwischen Manuel und Robin ist am Ende zerklüftet wie die Felsbänder oberhalb der Hütte.

Ein Mythos zerschellt

Das Bewegende an diesem von der Berner Firma Parasol produzierten Film ist, wie vor unseren Augen aus Inszenierung Ungekünsteltheit wird und aus einer selbstironischen Haltung bitterer Ernst. Die zuckenden Tierkörper nach dem Bolzenschuss, das brackige Wasser in den Gummistiefeln, die Gehässigkeit in der engen Hütte: «Albtraum» lässt den Mythos um die Freiheit in den Bergen ganz ohne Kalkül zerschellen.

In Bern im Kino Movie. Premiere in Anwesenheit der Crew: Freitag, 20.15 Uhr, Kino Movie. (Der Bund)

Erstellt: 02.03.2017, 09:44 Uhr

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