Blut, aber auch Hirn

Mit Sackmessern, Fondue und dem Heidi lassen sich böse Dinge anstellen: Der Berner Johannes Hartmann hat einen Heimatfilm der anderen Art im Sinn. Gedreht ist zwar erst ein Teaser, Fans gibts aber schon jetzt.

Gedreht wurde nebenan: Johannes Hartmann auf der Warmbächlibrache.<p class='credit'>(Bild: Adrian Moser)</p>

Gedreht wurde nebenan: Johannes Hartmann auf der Warmbächlibrache.

(Bild: Adrian Moser)

Regula Fuchs

Sie mussten den Raum genau so wieder abgeben, wie sie ihn übernommen hatten, und das bedeutete: erst mal viel Kunstblut wegmachen. Die Putzerei in der ehemaligen Lagerhalle gleich neben der Warmbächlibrache hat Johannes Hartmann aber überhaupt nicht gestört, schliesslich war es das erste Mal, dass der Berner Regisseur mit Kunstblut arbeitete – und es scheint ihm gefallen zu haben.

Hartmann, 31, hat vor zwei Wochen mit einer 30-köpfigen Crew einen Teaserfilm gedreht, einen kurzen Appetitmacher also für sein grösstes Spielfilmprojekt bisher. «Heidiland» soll eine blutige Heimatfilmparodie werden, in der sich die Unschuld aus den Bergen unzimperlich durch ein Militärregime metzelt. Der Film, für den es bisher weder ein fertiges Drehbuch noch eine Finanzierung gibt, hat allerdings jetzt schon mehr Öffentlichkeit als manches, was bereits im Kino läuft. 17'000 Follower auf Facebook, aber auch Journalisten sind auf «Heidiland» aufmerksam geworden – vor allem dank eines cleveren Auftritts in den sozialen Medien. Hartmann füttert seine Anhänger regelmässig mit neuen Posts, in denen er Unfug treibt mit Trachten, Bergidyllen oder Fondue: Die Symbole der Swissness werden gründlich ausgeweidet. «Swissploitation» – so nennt Hartmann sein anvisiertes Genre, in der Tradition der reisserischen B-Movies der 60er- und 70er-Jahre à la Roger Corman oder Erwin C. Dietrich.

«Heidiland» wird von einer Schweiz der Zukunft erzählen, die fest in der Hand eines bösen Bundesrats ist, unterstützt von einer nationalistischen Morgenstern-Miliz. Heidi, das offensichtlich brauchen kann, was es gelernt hat, kämpft gegen die Uniformierten an: mit allen Mitteln des Schlitzergenres, wie zu vermuten ist. Auf einem Bild vom Teaserdreh jedenfalls ist ein längs zerschnittener Torso zu erkennen – «they just fucked with the wrong Heidi», so lautet denn auch knackig der Untertitel.

Sackmesser-Spenden

«Ich staune, dass es kaum Filme gibt, die mit dem Unheimlichen in der Schweiz spielen – mit ihren düsteren Tälern und schroffen Bergen», sagt Hartmann, als wir uns im Sous-sol der Bürogemeinschaft am Federweg treffen, wo er mit seiner Produktionsfirma Decoy Films eingemietet ist. Das liege wohl auch an der Schweizer Filmförderung, bei der alles, was primär unterhaltsam sein wolle, belächelt werde. Der sonst so entspannte Berner wird fast ein wenig trotzig, wenn er über die Förderinstanzen spricht, die aus seiner Sicht vor allem das Temperierte unterstützen, nicht aber das Schrille. Einen Heimatfilm? Könnt ihr haben.

Hartmann hat seine bisherigen Filme meist ohne staatliche Gelder gedreht – darunter die Kurzfilme «Halbschlaf» und «Deadlocked» oder die Konzertdoku «A Trip, Not a Tour», bei der er aus einem spontanen Impuls heraus die Metalband Vale Tudo auf ihre Marokko-Tour begleitete. Der gelernte Polygraf mit den grosszügigen Tattoos und Koteletten hat keine gängige Ausbildung via Filmschule hinter sich, sondern ist durch Praktika und Kurse Filmemacher geworden.

Auch «Heidiland» wird wohl nicht auf übliche Art finanziert werden. Mit dem Teaser will man nun Vertriebe angehen, welche die Rechte für ein Land im Voraus kaufen und den Film so vorfinanzieren. Zudem setzen die Produzenten, Valentin Greutert und Tero Kaukomaa, auf Crowdfunding. Letzterer, ein in der Schweiz lebender Finne, ist ein Pionier der Schwarmfinanzierung seit seinem Kultstreifen «Iron Sky» von 2012 über Nazis vom Mond.

Auch «Heidiland» habe schon von der Begeisterung der Crowd profitiert: «Beim Teaserdreh arbeiteten alle gratis, inklusive Max Rüdlinger als Kommandant. Und da wir für die vielen Sackmesser, die wir brauchten, kein Budget hatten, machte ich einen Aufruf auf Facebook. Sogar aus Spanien wurden welche geschickt.»

Das Matterhorn im Oberland

Der nächste Schritt ist nun, den Teaser fertigzustellen – dafür müssen Visual-Effects-Spezialisten erst noch das Matterhorn ins Berner Oberland verpflanzen. Viel Aufwand für gut zwei Minuten Film. Auch in den Kostümen und Requisiten steckt wochenlange Arbeit. Und der Mann, der für die Spezialeffekte zuständig ist, hat mehrere Arten von Kunstblut gemischt – «in verschiedenen Konsistenzen und Farben», so Hartmann. Doch bei aller Liebe zu den saftigen Details: Einen ernsthaften Subtext wird «Heidiland» haben. Denn die Schweiz in Hartmanns Dystopie wird wie ein Destillat jener Angstpropaganda wirken, die nationalistische Politiker heute betreiben. «Jeder gute Genrefilm hat einen gesellschaftskritischen Hintergrund», sagt Hartmann. Oder ganz simpel: Es braucht nicht nur Blut, sondern auch Hirn.

Der Bund

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