Als sei der Rock ’n’ Roll ein Albtraum gewesen

Der Queen-Film «Bohemian Rhapsody» zeigt Freddie Mercury als unersättliches Partytier. Die verbleibenden Bandmitglieder dagegen liessen sich als Biedermänner porträtieren.

Unfreiwillige Gruppenarbeit: «Bohemian Rhapsody» mit Rami Malek als Freddie Mercury und Gwilym Lee als Brian May. Foto: Twentieth Century Fox)

Unfreiwillige Gruppenarbeit: «Bohemian Rhapsody» mit Rami Malek als Freddie Mercury und Gwilym Lee als Brian May. Foto: Twentieth Century Fox)

Der Spielfilm «Bohemian Rhapsody» über die britische Band Queen und ihren Sänger Freddie Mercury ist eine erstklassige Tragikomödie geworden – schon bevor man auch nur eine Minute davon gesehen hat. Denn das Werk gehört zu den chaotischsten Hollywoodprojekten der letzten Dekade und hat in der Filmbranche schon allein wegen seiner verfluchten Entstehungsgeschichte Kultstatus erreicht.

Dieses Drama geht so: Nachdem Freddie Mercury 1991 als eines der ersten prominenten Opfer der Immunschwächekrankheit Aids gestorben war, hatten die drei verbleibenden Mitglieder sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft der Band ohne ihren Superstar. Der Bassist John Deacon verabschiedete sich in die Frührente. Der Schlagzeuger Roger Taylor und der Gitarrist Brian May aber touren bis heute mit neuem Sänger unter dem Label Queen durch die Welt, haben ein Queen-Musical initiiert und wünschten sich auch einen Film – wovon man als steinreiche Legende eben so träumt.

Deshalb beauftragten sie 2008 den Drehbuchautor Peter Morgan, der unter anderem die Netflix-Serie «The Crown» schreibt, mit einem Queen-Skript. Kurz darauf stiess der Komiker Sacha Baron Cohen («Borat») zu dem Projekt, der unbedingt Freddie Mercury spielen wollte. «Bohemian Rhapsody» sollte seine Eintrittskarte ins ernste Schauspielfach werden, wie «Dead Poets Society» für Robin Williams oder «The Truman Show» für Jim Carrey.

Verschwundener Regisseur

Aber Roger Taylor und Brian May waren mit der ersten Drehbuchfassung unzufrieden, weil es ihnen darin zu viel um Freddie Mercury und zu wenig um Taylor und May ging. Auch mit Cohen kam es zum Streit; er verliess das Projekt 2013. Obwohl danach zwei weitere hochdekorierte Drehbuchautoren am Skript herumbastelten, passierte drei Jahre lang fast nichts. Bis 2016 der Regisseur Bryan Singer («The Usual Suspects») einstieg – und die Sache noch mehr verkomplizierte. Denn er fing zwar tatsächlich an zu drehen. Aber dann verschwand er plötzlich mitten in den Dreharbeiten vom Set und war nicht mehr aufzufinden.

Weil man einen millionenteuren Musikblockbuster aber nicht einfach halb fertig in den Müll werfen kann, suchte das Filmstudio hektisch nach einem Notregisseur mit Musikfilmerfahrung. Den fanden sie in Dexter Fletcher, der gerade den Spielfilm «Rocketman» über Elton John – einen von Mercurys besten Freunden – abgedreht hatte. Er übernahm die noch ausstehenden sechzehn Drehtage und leitete die Postproduktion. Ein vermutlich gut bezahlter, aber undankbarer Job, denn im Abspann steht als Regisseur jetzt trotzdem nur der flüchtige Bryan Singer.

Und nun? Stellt sich nach zehn Jahren Produktionstohuwabohu natürlich die Frage, was bei dieser unfreiwilligen Gruppenarbeit herausgekommen ist.

Der Lichtblick des Films ist der Freddie-Darsteller Rami Malek. Der 37-jährige Amerikaner mit ägyptischen Wurzeln wurde durch die Hacker-Serie «Mr. Robot» bekannt und könnte mit diesem Auftritt in der anstehenden Filmpreissaison ordentlich abräumen. Denn wie er sich in Freddie Mercury verwandelt, ist fast schon gespenstisch gut. Die Entwicklung vom schüchternen Jugendlichen mit hervorstehenden Zähnen und fettigen Haaren, der sich im Pub andere Bands anhört und von der Bühne träumt, hin zur Kunstfigur Freddie Mercury, die wie ein stolzer Pfau die Massen zur Ekstase bringt, gelingt ihm perfekt. Bei Malek wird eine grosse Portion von dem Rock-’n’-Roll-Geist spürbar, den Mercury ausgestrahlt hat.

Das zeigt sich vor allem in einer fast vollständigen Nachstellung des legendären, gut 20-minütigen Live-Aid-Benefizkonzerts von 1985, das hier zur Rahmenhandlung wird. Damals galt die Band schon als verbraucht vom eigenen Erfolg; zu viele Nummer-eins-Hits, zu viele Riesenkonzerte, zu viele extravagante After-Show-Orgien, als dass sie sich und ihre Fans noch einmal hätten überraschen können. Der Auftritt wurde dann aber ein sensationelles Comeback und gilt als einer der besten der Rockgeschichte.

Jeder Einzelne hat noch seinen Hitmoment ins Drehbuch geschrieben bekommen.

Malek spielt Mercury hier als einen Mann, der für ein paar Minuten über den Zuschauermassen und auch den Bandkollegen zu schweben scheint. Vielleicht nicht zuletzt, weil er zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, dass er schwer krank war und nicht mehr viel Zeit haben würde.

Aber dann wird die Geschichte der Band in Rückblenden erzählt – und damit fangen die Probleme des Films an. Stellenweise sieht er aus wie ein opulent bebilderter Wikipedia-Eintrag, weil viel zu viel Stoff hineingepackt wurde: wie Freddie Mercury, Kofferschlepper am Flughafen Heathrow, sich bei der Studentenband Smile bewirbt; wie sich aus dieser Gruppe Queen herausschält; wie sie mit der Rockoper-Single «Bohemian Rhapsody» zu Stars aufsteigen; und wie Mercury seine Homosexualität entdeckt und auslebt. Zudem muss gezeigt werden, dass auch die anderen drei Nummer-eins-Singles komponiert haben – weswegen jeder Einzelne noch seinen Hitmoment ins Drehbuch geschrieben bekommen hat.

«Es ist genug, Freddie!»

Bei der Dramatisierung der Ereignisse haben sich die Filmemacher diverse Freiheiten erlaubt. So gibt es im Film zwei emotionale Aussprachen, in denen Freddie Mercury seinen Bandkollegen erzählt, dass er sich mit HIV infiziert hat, und seinen Eltern eröffnet, dass er schwul ist. Das hat beides in dieser Form nie stattgefunden. Nun sind solche Zuspitzungen in einem Spielfilm natürlich erlaubt, wenn es darum gehen soll, die Essenz einer Geschichte, einer Epoche, eines Lebens offenzulegen. Aber das war hier anscheinend nicht geplant. Stattdessen gehen die Co-Produzenten des Films, Brian May und Roger Taylor, ihrer persönlichen Nachlassverwaltung und Mythendeutung nach – was stellenweise peinlich ist.

So zeigt der Film Freddie Mercury als unersättliches Partytier, das von Drogen und Sex nie genug bekommt, während die anderen Bandmitglieder am liebsten um zehn ins Bett gehen. Nun sind die zahlreichen Queen-Biografen zwar in vielen Details zerstritten, nicht aber darin, dass Roger Taylor (Ben Hardy) keine einzige Party ausliess. Auch dass Brian May (Gwilym Lee) Mercury ständig mit einem «Es ist genug, Freddie!» zur Räson rufen musste, ist ganz so märtyrerhaft nicht überliefert.

Dabei wäre es interessant, zu erfahren, warum Taylor und May so erpicht darauf sind, im Nachhinein als Biedermännerversionen ihrer selbst zu erscheinen, als sei der ganze wilde Rock-’n’-Roll-Zirkus nur ein Albtraum gewesen – und warum zum Teufel die Filmemacher da mitgemacht haben.

Ab Mittwoch, 31. 10., in den Kinos.

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