Als sehe man es stinken aus den Brokatvorhängen

Regisseur Albert Serra zeigt das Ende des Sonnenkönigs Ludwig XIV. in einem wunderbar ironischen Film.

Ludwig XIV lebt ab. Jean-Pierre Léaud verkörpert den serbelnden Sonnenkönig meisterhaft. Quelle: Youtube


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Ludwig XIV., der König von Frankreich, starb am 1. September 1715 unter Anrufung der himmlischen Hilf und Gnade am Wundbrand, der sein linkes Bein gnadenlos faulen liess. Als dieser Herrscher starb, starb eine Welt.

Wenigstens jene Höflingswelt, die ihrem Monarchen, an dem alles öffentliche Bedeutung hatte – selbst die Konsistenz des nächtlichen Stuhlgangs –, nun auch beim Verserbeln zusah. Das Ende mag tatsächlich so gewesen sein, wie Albert Serra, der eigenwillige Katalane, es uns ahnen lässt in seinem Spielfilm «La mort de Louis XIV»: eine um ein Totenlager eng arrangierte Hofhaltung, die noch ein wenig Prunk, Zeremonie und Herrschaft simulierte. Es muss – das suggerieren Serras wunderbare und wunderbar geduldige Bilder – in dieser Sterbekemenate gerochen haben nach dünner, nutzloser Arznei und menschlichem Schmerz, wenn die Leibmedici Fagon und Maréchal und die herbeizitierten Doktoren der Sorbonne am Bein ihres Herrn herumsalbten.

Es ist, als sehe man es stinken aus Pfühlen und Brokatvorhängen und sehe in der Luft auch den Verwesungsduft von Erinnerungen hängen. Der mieselsüchtige, immer missgünstige, aber eben auch scharfsichtige Herzog de Saint-Simon hat in seinen «Mémoires», Albert Serras Hauptquelle, die Stimmung einer königlichen Morbidität ja sehr akribisch beschrieben.

Biskotten mümmeln

Und so spielt man in diesem filmischen Todeskammerspiel jetzt die Tragödien der Nostalgie und Verdrängung, die Burlesken der Heuchelei, der Scharlatanerie und der Krokodilstränen, die Dramen von Würde und Glauben und ein klein wenig auch das Mysterienspiel eines Königtums, das zu seinen Zeiten gar nicht sterben konnte (denn sein ewiges Leben war konserviert in heiligem Salböl). Und so sind um diesen sterbenden König zunächst noch Konversation und Geschnatter der Prinzessinnen von Geblüt und einiger Mätressen erster und zweiter Ordnung und später ihr Wehklagen. Und so rafft sich, solang es geht, dieser Ludwig noch auf zur artigen Réverence und nimmt Applaus entgegen, wenn es ihm gelingt, zwei in gewässerten Burgunder getauchte Biskotten zu mümmeln; und alles ist Sehnsucht nach graziöseren Tagen und nach den viel, viel grösseren Portionen früherer Dejeuners. Dann ist es zu Ende, und es fällt der Schatten des echten Todes über das Theater eines barocken Ablebens.

Jean-Pierre Léaud ist Serras Ludwig XIV., die Ikone der Nouvelle Vague die Ikone des Ancien Régime. Man kann es kurz machen: Sein Spiel ist ein minimalistisches Meisterwerk. Das Gesicht, das einmal das eines Königs war, ist geschrumpft zum beinah unbewegten Gesichtlein. Darin spiegelt sich eine ganze Comédie humaine: ein Restlein autoritärer Selbstkontrolle und das unkontrollierbare Elend der Sterblichkeit.

Es bleibt noch eine historische Fussnote zu erzählen. Serra, der als Historienfilmer auch ein subtiler und in diesem Fall ein wenig ekliger Ironiker ist, bringt sie ebenfalls: Nach Ludwigs Tod untersuchten die Doktoren Fagon und Maréchal die königlichen Eingeweide, ganz wie es den höfischen Regularien entsprach. Die Obduktion ergab, dass die inneren Organe, von einer entzündeten Milz abgesehen, bei guter Gesundheit waren. Der tadellose, quasi gottgesegnete Zustand der Leber muss vor allem erstaunt haben. Denn immerhin: Des Königs Unmässigkeit war medizinisch abzulesen am Fassungsvermögen des Magens und der Därme, das das menschliche Durchschnittsmass um ein Zweifaches übertraf. Damals vermutlich nahm man es als Beweis, dass an einem Grossen alles gross ist.

DVD bei Absolut Medien, ca. 20 Fr. Stream über Google Play.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.06.2018, 11:47 Uhr

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