Als die Gewalt zum Spass wurde

Vor 50 Jahren platzte «Bonnie and Clyde» in den Sommer der Liebe. Der Film um ein Bankräuberpaar, das im Kugelhagel stirbt, markiert eine Wende: Aggression und Mord wurden jetzt zum ästhetischen Normalfall.

«Sie sind jung . . . sie sind verliebt . . . und sie bringen Menschen um!» Faye Dunaway und Warren Beatty in «Bonnie and Clyde». Foto: Photo 12/Alamy Stock Photo

«Sie sind jung . . . sie sind verliebt . . . und sie bringen Menschen um!» Faye Dunaway und Warren Beatty in «Bonnie and Clyde». Foto: Photo 12/Alamy Stock Photo

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Wann begann das mit der Gewalt? Vielleicht war es im August 1967. Damals kam «Bonnie and Clyde» ins Kino und fiel durch. Niemand wollte den Film sehen. Das Studio Warner hatte das Projekt zwar produziert, aber kein Interesse daran und platzierte es so schlecht wie möglich. Mit dem Werbespruch «Sie sind jung ... sie sind verliebt ... und sie bringen Menschen um!» wurde das Publikum auf seine niedersten Instinkte verwiesen. «Time» und «Newsweek» fertigten den Film knapp als bäh!, bäh! ab, und Bosley Crowther, der Kritiker der «New York Times», fällte das endgültige Urteil: Die «Vermischung von Farce mit brutalen Morden» sei ebenso sinn- wie geschmacklos. Der Film wäre vielleicht gerade noch zu ertragen als handelsüblicher Schund, «wäre er nicht rot gefleckt mit Gewalt der grässlichen Sorte».

Daneben stand, grösser als der 94 Zeilen lange Verriss, die Anzeige für eine belanglose, aber doch geschmackvolle Literaturverfilmung namens «Hawaii», die bereits seit dem vorangegangenen Herbst vor vollen Häusern lief. Die erste Vorführung war wie eine Opernpremiere begangen worden. Anzug und dunkle Krawatte, die Damen im Abendkleid; nur die Insulanerinnen im Film durften ohne BH erscheinen.

Der Film «Hawaii» war ein einziges Traumschiff, wohingegen das echte Hawaii eine wichtige Station auf dem Weg nach Vietnam war, wo sich im Sommer 1967 bereits 485 600 amerikanische Soldaten befanden, um die westliche Welt vor der kommunistischen Machtübernahme zu bewahren. Mit dem Vorsatz, die vietnamesische Guerilla mit Guerillamethoden zu bekämpfen, zog eine Spezialtruppe, die sich Tiger Force nannte, durch die Provinz Quang Tín und brachte ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht massenhaft Zivilisten um. Im Namen der Freiheit wurde vergewaltigt, verbrannt, ermordet.

Arthur Penn reagierte darauf mit einem Film. Er war der Regisseur von «Bonnie and Clyde», aber es war weniger sein Film als der seines Hauptdarstellers Warren Beatty und der Drehbuchautoren Robert Benton und David Newman. Die beiden hatten « À bout de souffle» und «Bande à part» von Jean-Luc Godard gesehen und boten ihr Drehbuch François Truffaut an. Beatty hatte auf eine Rolle in Truffauts «Fahrenheit 451» gehofft. Truffaut verwies ihn auf das Drehbuch von Benton und Newman.

«Wir rauben Banken aus»

Die realen Clyde Barrow und Bonnie Parker waren Gangster, die in den depressionsverheerten Bundesstaaten Oklahoma und Texas Autos klauten, Polizisten an der Nase herumführten und ihren Lebensunterhalt durch Banküberfälle verdienten. Wie im alten Wilden Westen wurden sie steckbrieflich gesucht, posierten aber auch selber für Fotos. Bonnie Parker verherrlichte ihr Treiben in Gedichten, die von den Zeitungen begierig gedruckt wurden. 1934 starben die Outlaws im Kugelhagel der Polizei. Hollywood verfilmte die Liebesgeschichte von Barrow und Parker bereits 1950 einmal: «Gun Crazy» zeigte, wie besessen die beiden voneinander waren und wie sehr diese Besessenheit mit Waffen zu tun hatte, aber der Film hatte noch nicht das Stilbewusstsein, das die Gewalt in der Version von 1967 so zeitgenössisch macht.

Auch wenn das Land einen nie gekannten Wohlstand erlebte und die Jungen über mehr Geld verfügten als alle Generationen vor ihnen, war in diesem reichen Amerika die Erinnerung an die Depression der Dreissiger nie ganz verschwunden, als die Farmer im Mittleren Westen von den Banken von Haus und Hof vertrieben wurden, weil sie auf dem ausgedörrten Boden nicht mehr genug für die Zinsen erwirtschaften konnten. Im Film sind die beiden Räuber alles andere als kaltblütige Profis, sondern grobe Dilettanten, Grossstädter, die sich aufs Land verirrt haben und sich ihren Jux mit den Hinterwäldlern machen. Clyde Barrow stellt sich und seine Freundin mit vollem Namen und einer bis dahin unerhörten Erwerbsform vor: «We rob banks» – wir rauben Banken aus.

Trotzdem geht es keine Sekunde um die Dreissiger. Der Film hält sich nicht lange bei Sozialromantik auf, es geht um die Gegenwart. Nach der konsumistischen Marktbeherrschung muss endlich auch die tatsächliche Herrschaft der jungen Generation etabliert werden. Uwe Nettelbeck fasste es in der «Zeit» in einem Satz zusammen: «Arthur Penn zeigt den Bankräuber Clyde Barrow und seine Geliebte Bonnie Parker nicht als die Profis, die sie vermutlich waren, sondern als junge Leute, die leben, wie sie wollen, und zu Aussenseitern nur werden, weil die Verhältnisse nicht so, sondern gemein sind.» Ohne Gewalt, so die Botschaft, war daran nichts zu ändern.

Aber 1967 war doch der «Summer of Love», waren Blumen im Haar vorgeschrieben und das Stadtviertel Haight-Ashbury in San Francisco die Mitte der Welt. Alles war Liebe, Friede und nochmals Liebe. Auf dem Festival in Monterey zupfte Ravi Shankar jenseitige Weisen auf seiner Sitar, die Menge lauschte ergriffen, doch bei aller Friedfertigkeit brach der Jubel erst aus, als der ehemalige Autodieb Jimi Hendrix mit «Wild Thing» auf seine Gitarre eindrosch und sie schliesslich in Brand steckte.

Alles war Liebe, aber auch Tod. 1967 brannte es überall. Fünf Tage dauerten die Strassenkämpfe in Detroit zwischen den Schwarzen und der Polizei, die nach einer Razzia ausgebrochen waren. Präsident Johnson schickte Panzer und trat bei Reden vorsichtshalber nur noch im militärischen Sicherheitsbereich auf. Allein 1967 starben 11 363 US-Bürger in Südostasien. Der Einsatz in Vietnam drohte wegen der allgemeinen Wehrpflicht allen, aber vor allem den Schwarzen. Gewalt war auch 1967 nichts Neues, Gewalt gab es schon immer.

«Bonnie and Clyde» war daher kein Film, das war die alltägliche Gewalt, die zu Hause nicht aus den Gewehrläufen, sondern aus den Fernsehnachrichten kam. In der brutalsten Einstellung des Films erschiesst Clyde Barrow den Bankkassier, der so lachhaft an dem Geld hängt, das ihm gar nicht gehört, durch die Windschutzscheibe des Fluchtautos. Benton und Newman kannten die Filmgeschichte – das war die Erinnerung an die Frau mit dem Zwicker, die von der todbringenden Soldatenfront auf der Treppe von Odessa in «Panzerkreuzer Potemkin» erschossen wird.

Es ging gegen die Grossen

Das alles sah Pauline Kael. Sie hatte sich lange mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen, bis sie sich in Kalifornien einen Ruf als entschieden formulierende Filmkritikerin erwarb. Sie hasste das Hollywoodkino der Sechziger, das in Grossproduktionen wie «Hawaii» seine Rettung vor der neuen Welt sah. Sie schrieb einen ausufernden Essay über «Bonnie and Clyde», in dem sie mit Superlativen nicht sparte, aber vor allem den herrschenden Kunstgeschmack angriff: «Wie kann man in diesem Land einen guten Film machen, ohne dass sie über einen herfallen?» «Bonnie and Clyde» war für sie nicht nur ein guter Film, sondern der beste seit Jahren.

Kael sonntagspredigte nicht, sondern schaute sich an, was passierte. Auf den ersten Blick hatte sie das Eigentümliche an «Bonnie and Clyde» erkannt: dass das kein schnurgerade erzählter Film war, sondern ein Werk, das den Zuschauer verunsichern sollte: «‹Bonnie and Clyde› hält das Publikum in einem ungeduldigen, nervösen Ungleichgewicht.» War es eine Komödie oder doch eine Tragödie? Klar war nur, dass es gegen die anderen, gegen die Grossen und Alten ging.

Und dann entdeckten auch die Zuschauer «Bonnie and Clyde», die Einnahmen in den Kinos verzehnfachten sich binnen Wochen. «Time» revidierte das erste Urteil und kam im Dezember 1967 mit einer von Robert Rauschenberg gestalteten Titelcollage heraus. Der Film, der im hintersten Texas spielte, war in New York und im Kunstreich von Andy Warhol angekommen. Der Kritiker des «Rolling Stone» hatte verstanden, wie Brecht aktualisiert werden musste: «Eine Bank zu überfallen, ist die einzig mögliche Art, sich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen, ohne den Spass zu vergessen.» Das Zeitalter des Narzissmus hatte begonnen.

Gewalt, so wie sie «Bonnie and Clyde» vorführte, machte einfach Spass. Es war ein Spass, diese alten Autos zu Klump zu fahren, es machte Spass, das Geld von den ausbeuterischen Banken zurückzuholen, und es war ein Heidenspass, auf die zu schiessen, die das Geld und die Macht der Banken unbedingt meinten verteidigen zu müssen. Vor fünfzig Jahren sassen unter den Zuschauern, die sich daran delektierten, wie das Gangsterpärchen mit den Waffen spielt, auch die Männer und Frauen, die sich 1970 zur RAF zusammenfanden. Ästhetisierte, erst recht erotisierte Gewalt war geil. Brigitte Bardot hauchte mit Serge Gainsbourg das Lied «Bonnie and Clyde»; es war natürlich das Pendant zu «Je t’aime». Im Video fuchtelt BB mit einer Maschinenpistole, aber vor allem trägt sie das Barett, das Faye Dunaway über Nacht zum letzten Schrei gemacht hattte. Gewalt, aber bitte mit Stil.

Die Gewalt hört niemals auf

Wie in einem Lehrbuch für postfreudianische Analyse bringt Clyde seiner lernbegierigen Schülerin Bonnie den Umgang mit seiner Waffe bei. Sie ist fasziniert von seinem stilvollen Aussenseitertum. Nach dem ersten Überfall fällt sie ihrerseits über ihn her, doch er ist impotent, kein «lover-boy», wie er sagt. Er kann es nicht, aber er kann schiessen; seine erotische Power besteht darin, rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. In der Gewalt finden die Liebenden zueinander. Beim finalen Shootout zucken die Leiber in einem Liebeskampf, der ihnen im Leben versagt blieb. Als wären es Rosen, die ein Dichter über sie streut, platzen rot die Blutkapseln auf dem weissen Kleid, in dem Faye Dunaway wie eine Braut mit dem Tod vermählt wird.

1967 verloren die Alten, jetzt waren die Jungen dran. Die neue Generation siegte mit Gewalt. Wenn Joseph McCarthy das noch erlebt hätte: Im Kino ereigneten sich 1967 ganz und gar unamerikanische Umtriebe. Die Gewalt wurde zum ästhetischen Normalfall, aber vor allem wurden die Opfer zu Helden erhöht. Nach zeitgenössischen Berichten kamen die Zuschauer keineswegs ekstatisch, gar bereit zur Strassenschlacht aus dem Film, sondern ratlos. Schweigend verliessen sie das Kino, Opfer wie Bonnie und Clyde, die von der Polizei in einen Hinterhalt gelockt wurden und so bildschön starben. Und die Gewalt? Sie hört niemals auf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2017, 17:39 Uhr

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