Adieu, Garten Eden

Ein kurzer Moment, und ein Idyll zerbricht: Der Filmemacher Händl Klaus erzählt in «Kater» eine fast biblische Geschichte. Aber mit einer Zartheit, die umwirft.

Alles ist warm und wohlig - noch: Andreas (Philipp Hochmair) und Katze Moses.

Alles ist warm und wohlig - noch: Andreas (Philipp Hochmair) und Katze Moses. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Glück, das ist eine wohlig schnurrende Katze im Schoss; das ist ein Partner, der einem im Fieber ein feuchtes Tuch sanft auf die Stirn drückt; das ist der liebevolle Blick des Geliebten inmitten einer Runde fröhlich feiernder Freunde. Genau dieses Glück wird im Film «Kater» sichtbar, und teilen dürfen es der ­Orchestermusiker Stefan und sein Freund Andreas, die sich im Wiener Grüngürtel ein kleines häusliches Paradies mit Garten eingerichtet haben.

Ein furchtbarer Kitsch? Mitnichten. Was in Worten klingt wie kalenderspruch­artige Harmonieprosa, erscheint auf der Leinwand als ungeheuer zart, wohlig und filigran. Schliesslich ist Händl Klaus der Urheber, jener Theaterautor, Librettist und Filmemacher, der seit Jahren auch im Kanton Bern wohnt und dessen Spezialität es ist, aus der Sprache die Zwischentöne, aus den Bildern das Viel­sagende herauszulocken. Seine Kamera kommt auch in «Kater» den Protagonisten nahe, ohne sie auszustellen, filmt Szenen von grosser Intimität, ohne aufdringlich zu sein. «Ich liebe dich», sagt einmal der eine zum anderen, und das ist nicht einmal gehaucht, sondern nur aus der Bewegung der Lippen still geformt.

Eine gefrorene Schlange

Der Stefan und der Andreas also, die haben das Glück auf ihrer Seite, und dazu gehören nicht nur das Einkochen von Konfitüre, das gemeinsame Gärtnern oder der Sex im Wohnzimmer, sondern auch Kater Moses, ein Findelkind aus dem Tierheim, das ebenfalls mit Zärtlichkeit überschüttet wird.

Fast möchte man die schwachen seismischen Bewegungen nicht wahrhaben, die auf das Zerbrechen dieses Idylls hindeuten: die Art, wie Moses mit einer erbarmenswerten toten Maus spielt, oder die gefrorene Schlange, die er ins Haus schleppt. Trotzdem ist dann das, was ungefähr in der Mitte des Filmes geschieht, völlig unvorhersehbar, ein unerhörtes Ereignis wie in einer Novelle, um das herum Händl Klaus seinen Film komponiert.

Es ist ein Einbruch der Gewalt, das kurze Aufklaffen eines Abgrunds und der Moment, welcher der Vertrautheit zwischen den Liebenden das Rückgrat bricht. Danach ist alles anders. Während vorher die Körper weich waren, anschmiegsam und warm, so stehen die beiden Männer nun wie Monolithen in den kühl scheinenden Räumen, und zwischen ihnen ist Schweigen.

Das alles ist ganz ohne Spektakel geschildert, ähnlich wie Händl Klaus in seinem ersten Spielfilm, «März», den Erschütterungen in einem Südtiroler Dorf nach dem gemeinsamen Suizid dreier junger Männer nachspürte. «März» wurde 2009 mit dem Berner Filmpreis ausgezeichnet. Auch «Kater» ist bereits dekoriert: An der vergangenen Berlinale gewann er den Teddy Award für den besten queeren Film. Doch ins Fach «Schwulenkino» möchte man «Kater» nicht einsortieren, denn es geht um grundsätzlich Menschliches. (Wobei die psychologische Dynamik, angenommen, die Protagonisten wären Mann und Frau, wohl eine völlig andere wäre.)

Es sind also hier Adam und Adam, die aus ihrem Paradies vertrieben werden, und man könnte die biblischen Assoziationen und Symbole für bemüht halten, wären sie nicht so geschickt in die Handlung eingefädelt. Es gibt zwar einen Baum der Erkenntnis, aber darauf wachsen Zwetschgen, und der ist hier letzten Endes eher Segen als Verderben. Und womit Stefan und Andreas jenseits ihres Paradieses umgehen müssen, ist nicht die Scham, sondern die Angst – vor dem erneuten Kontrollverlust. Und vor dem Ende der Liebe.

Direkter Draht zu den Figuren

Es wäre noch vieles zu loben an diesem Film – der Umgang mit der Musik, die minimalistisch reduzierte und doch absolut glaubwürdige Sprache, die Sorgfalt überhaupt, mit der hier gearbeitet wurde. Aber vor allem gehören die beiden Hauptdarsteller erwähnt, Lukas Turtur und Philipp Hochmair, beide Theaterschauspieler (Turtur während zweier Jahre auch am Stadttheater Bern), die dem Publikum einen direkten Zugang zu ihren Figuren freilegen, der einen in seiner Intensität umwirft.

Auch wenn diese Filmwelt am Ende kein Paradies mehr ist: Man möchte liebend gerne noch ein wenig bleiben.

In Bern im Kino Rex. Am 20. Dezember ist Händl Klaus anwesend (20.15 Uhr). (Der Bund)

Erstellt: 17.12.2016, 12:03 Uhr

Privatsphäre

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Artikel zum Thema

«Das Leben, hat er gesagt, sei nur ein zerrissener Rock»

«Der Teich»: Robert Walsers einziger Mundarttext aus dem Jahr 1902 liegt jetzt in einer hochdeutschen Fassung vor. Mehr...

Im Spagat zwischen Politik und Party

Berner Woche Vor 20 Jahren gründeten Veronika Minder und Patrik Martinez das lesbisch-schwule Filmfestival Queersicht: eine Rückschau auf Ambitionen, Provokationen und mühselige Diskussionen. Mehr...

Dossiers

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Ein Mann für alle Fälle

Blog: Never Mind the Markets Die Heuchelei der G-20

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...