Zwickmühle im Sitzungszimmer

Eine Stunde im polierten Herzen des Schweizer Sozialstaats: der Film «Assessment» des Berners Mischa Hedinger.

«Nehmen Sie Mineralwasser mit oder ohne?» Der Sitzungstisch in Mischa Hedingers Film.

«Nehmen Sie Mineralwasser mit oder ohne?» Der Sitzungstisch in Mischa Hedingers Film.

(Bild: zvg)

Regula Fuchs

Eine Stunde. So lange dauert es, um ein aus der Spur geratenes Leben wieder aufzugleisen. Jedenfalls bei einem sogenannten Assessment. Das ist, wie der Vorspann des gleichnamigen Dokumentarfilms verrät, eine Sitzung, in der einem erwerbslosen Menschen der Weg in die Arbeitswelt geebnet werden soll. «IIZ» sagt der Fachjargon dazu auch, «Interinstitutionelle Zusammenarbeit»: Vertreter der Sozialversicherungen und der Sozialdienste setzen sich mit dem Arbeitslosen an einen Tisch, beurteilen dessen Situation und stellen aufgrund dieser Analyse einen «integrativen Plan» auf. Das bedeutet, dass im besten Fall jemand gegen Ende der Sitzung mit quietschendem Filzstift die Worte «Ziele» und «Massnahmen» auf eine Wandtafel schreibt.

Ist das Filmstoff? Durchaus. Jedenfalls, wenn man ihn so angeht wie Mischa Hedinger: nüchtern, emotionslos und damit ziemlich radikal. Im Blick des 30-jährigen Berners vermengt sich das Lapidare der Situation («Nehmen Sie Mineral mit oder ohne?») mit dem Ernst der Lage dieser Menschen. Die Stolpersteine auf dem beruflichen Weg sind vielfältig: eine Trennung, ein Kriegstrauma, ein Hirntumor oder ein Töffunfall.Am weissen Sitzungstisch sitzt also zum Beispiel der aus der Bahn geworfene Herr Strässle, der sich schuldig fühlt, als «Sozialschmarotzer», und dann doch keine Anstalten unternimmt, an seiner Lage etwas zu ändern. Oder die gehörlose Frau, von der im Anschluss einer der Experten sagt, sie kenne sich «in dem Metier» aus. Er meint: im Abholen von Sozialgeldern.

Diese und alle anderen Fälle machen die Zwickmühle im zweckmässigen Sitzungszimmer deutlich: Wer verdient die Hilfe des Staates wirklich? Und wer ist auf der anderen Seite dieser Staat eigentlich, dessen Vertreter ihren Klienten sagen, es gehe darum, einen «Sinn im Leben» zu finden – und damit vor allem die ökonomische Brauchbarkeit eines Menschen meinen? Zumal in einem völlig ungnädigen Arbeitsmarkt. Mischa Hedinger skizziert diese paradoxe Situation mit kühler Gelassenheit, exakter Beobachtungsgabe und raffinierter Gestaltung.

Der Bund

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