Zwei «Weltstars» für Solothurn

Für den Bund sind die Solothurner Filmtage, die nächste Woche ihre 46. Ausgabe feiern, nicht mehr ein Festival, sondern eine Institution. Direktor Ivo Kummer wünscht sich zum Auftakt mehr urbane Filme.

Yvo Kummer, Direktor der Solothurner Filmtage, versteht die Stadtflucht im Schweizer Filmschaffen nicht.

Yvo Kummer, Direktor der Solothurner Filmtage, versteht die Stadtflucht im Schweizer Filmschaffen nicht. Bild: Nicola Pitaro

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Die Solothurner Filmtage sind neuerdings kein Festival mehr. Das Bundesamt für Kultur hat das «in gegenseitigem Einvernehmen» mit den Filmtagen so beschlossen und damit Solothurn von dem Ausschreibungsverfahren befreit, bei dem sich sonst sämtliche Filmfestivals der Schweiz um Fördergelder aus Bern bewerben müssen. Die Solothurner Filmtage, so erfährt man beim Bund, seien eine «historisch gewachsene, unverzichtbare Institution», die als Plattform eigens für den Schweizer Film nicht mit den übrigen Festivals vergleichbar sei.

Kein Festival also, sondern eine Institution: Die Ausnahmestellung der jährlichen Werkschau des Schweizer Films ist damit gewissermassen amtlich beglaubigt. Ivo Kummer jedoch scheint sich noch nicht so recht an die neue Sprachregelung aus Bundesbern gewöhnt zu haben. Er habe ein «gespaltenes Verhältnis» zu dieser Sonderstellung, gesteht der langjährige Direktor beim Gespräch vor den 46. Solothurner Filmtagen. Dass ein Festival die Filme feiert, eine Institution sie dagegen bloss verwaltet, das will Kummer jedenfalls so nicht stehen lassen: «Unser diesjähriger Eröffnungsfilm mit Weltstars beweist ja gerade, dass wir die Filme auch feiern in Solothurn.»

Klaus Maria Brandauer kommt

Mit den «Weltstars» meint er Klaus Maria Brandauer und Sebastian Koch, die beiden Hauptdarsteller des Films «Manipulation», die für die Eröffnung am nächsten Donnerstag nach Solothurn anreisen werden. Der Eröffnungsfilm sorgte allerdings schon vor einem Jahr für Schlagzeilen, als er noch nicht fertig war und noch «Das Verhör des Harry Wind» hiess, wie die literarische Vorlage von Walter Matthias Diggelmann. Hintergrund war ein Zerwürfnis zwischen Regisseur und Produzent, das die Fertigstellung für lange Zeit blockierte.

Inzwischen haben sich die Parteien geeinigt, der Film steht, und dass er gleich doppelte deutsche Starpower nach Solothurn lockt, ist ein Glücksfall auch für Kummer. Der steht sonst zwar nicht eben im Ruf, dass er in Solothurn dem Glamour den Hof macht. Aber er kämpft seit Jahren damit, dass viele grosse Schweizer Produktionen die Bühne für ihre Premiere lieber abseits von Solothurn suchen – oder bereits vor den Filmtagen in den Kinos starten wie «Der grosse Kater» vor einem Jahr. Und welcher Direktor sträubt sich schon dagegen, wenn ein schauspielerisches Schwergewicht wie Klaus Maria Brandauer als Aushängeschild eines neuen Schweizer Films nach Solothurn kommt und dafür sogar eine prominenter besetzte Gala in Berlin auslässt?

Ein Hauptsponsor weniger

Ganz sorgenfrei blickt Ivo Kummer den 46. Filmtagen dennoch nicht entgegen. Im vergangenen Sommer ist einer der drei Hauptsponsoren abgesprungen – zu kurzfristig, als dass Kummer jetzt bereits einen Ersatz in der Hand hätte. Für die diesjährige Ausgabe rechnet er deshalb mit einem Defizit von 130'000 Franken. Mit kleineren Einsparungen bei der Infrastruktur (weniger Simultanübersetzungen beispielsweise) und dank der angelegten Reserven aus besseren Jahren dürfte sich ein einmaliges Minus in dieser Höhe allerdings auffangen lassen.

Und wie gesund ist der Schweizer Film? Kraft seiner Funktion hat Ivo Kummer wie kaum jemand sonst einen Panoramablick über das Schweizer Filmschaffen der letzten zwei, drei Jahrzehnte. Was er seit Jahren vermisst, sind urbane Geschichten: Seit «Strähl», sagt Kummer, habe er keinen Schweizer Film mehr gesehen, der sich wirklich einem städtischen Thema gewidmet hätte: «Es erinnert mich an die Zeit des alten Schweizer Films, an das Kino der Grossväter, als die meisten Filme auf dem Land gedreht wurden.»

Das «Herbstzeitlosen»-Syndrom

Dabei sei Film doch eigentlich ein urbanes Medium: «Ich verstehe nicht, weshalb man die Geschichten auf dem Land oder in den Alpen suchen geht. Ob man glaubt, dass man so bessere Chancen hat, gefördert zu werden? Oder erhofft man sich mehr Erfolg beim Publikum?» Es ist das «Herbstzeitlosen»-Syndrom, wie man es auch bei den Fernsehfilmen beobachten kann. Dagegen wünscht sich Kummer mehr Filme wie «Strähl».

Auffallend einsilbig reagiert er nur, wenn man ihn fragt, ob die diesjährigen Filmtage auch die letzten unter seiner Leitung sein könnten. Die Frage ist nicht aus der Luft gegriffen: Ivo Kummer wird als möglicher Nachfolger für den vakanten Posten des Filmchefs beim Bundesamt für Kultur gehandelt. Er selbst hält sich bedeckt, mag seine Ambitionen weder bestätigen noch dementieren: «Das ist eine Privatsache, die ich nicht öffentlich verhandeln will.»

Die künstlerische Leitung in Solothurn hatte Kummer einst mit der erklärten Absicht übernommen, nicht länger als sein Vorgänger Stephan Portmann zu bleiben. Müsste er, wenn es ihm damit immer noch ernst ist, denn nicht schleunigst aufhören, nach 26 Jahren in leitender Stellung? «Dann hätte ich bereits gehen müssen», sagt er. «Aber Ziele sind ja auch dazu da, dass man sie manchmal nicht erreichen kann.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2011, 19:48 Uhr

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Bei den Spielfilmen warten die Filmtage mit einigen Schweizer Premieren auf. Da ist etwa «Der Sandmann», der surreale neue Film des Zürchers Peter Luisi («Verflixt verliebt»). Die Kanada-Schweizerin Léa Pool bringt «La dernière fugue» mit, ein Familiendrama über einen Mann, der an Parkinson erkrankt ist. Und der Genfer Laurent Nègre («Fragile») zeigt «Opération Casablanca», eine politische Verwechslungskomödie über einen Schwarzarbeiter, der für einen Terroristen gehalten wird.

Bei den Dokumentarfilmen kehrt der Berner Produzent Res Balzli («Step Across the Border») nach langen Jahren im Gastgewerbe zum Film zurück: Mit «Bouton», dem Porträt einer krebskranken Schauspielerin, zeigt er sich erstmals als Regisseur. Die Gebrüder Dubini sind einer italienischen Einwandererfamilie auf der Spur («Die grosse Erbschaft»), Anka Schmid zeigt eine Langzeitdokumentation über drei jugendliche Mütter («Mit dem Bauch durch die Wand»), und Reto Caduff porträtiert den Grafiker Herbert Matter.

Besonders breit gefächert ist das Spezialprogramm «Rencontre», das der Zürcher Produzentin Ruth Waldburger gewidmet ist: Hier gibts ein Wiedersehen mit Marcel Gislers «F. est un salaud», aber auch mit internationalen Produktionen wie «Johnny Suede» (mit Brad Pitt), dem bezaubernden französischen Alltagsmusical «On connaît la chanson» von Alain Resnais oder Gianni Amelios «Il ladro di bambini». ImRahmenprogramm gibt es Podien zur Mundart im Schweizer Film und anderen Themen, und mit Filmsearch.ch wird das neue Onlinefilmlexikon der Solothurner Filmtage vorgestellt.

Zum Abschluss am 27. Januar werden der Prix de Soleure und der Publikumspreis verliehen.(TA)

20.–27. Januar 2011.

www.solothurnerfilmtage.ch

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