Zeichnen und pixeln

Am Animationsfilm-Festival Fantoche jagen chinesische Gangster eine Geldtasche, und ein wackeres Mädchen starrt Monster nieder. Auch über die reale Kinowelt erfährt man einiges.

Arabeske Märchensammlung: «Ivan Tsarevitch et la Princesse changeante». Foto: PD

Arabeske Märchensammlung: «Ivan Tsarevitch et la Princesse changeante». Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der offizielle Claim der Stadt Baden lautet «Baden ist», was ja irgendwie auch stimmt. Nur sehr Verwegene würden behaupten, dass Baden nicht ist. Nach der epochalen Badenfahrt würde sich wahrscheinlich überhaupt niemand zu so einer Aussage hinreissen lassen. Als Slogan der ontologischen Selbstvergewisserung klingt «Baden ist» aber doch ein bisschen bescheiden. Oder ist es so gemeint wie «Liebe ist . . .»? Also: «Baden ist, wenn dich der Barkeeper schon von weitem fragend anschaut, weil du allenfalls was trinken möchtest»? So was passiert dir in Zürich ja nicht!

Es regnet 3-D-Tropfen

Aber man hat schon verstanden: Baden ist vieles, Kultur und Geschichte. Oder auch Fantoche. Das internationale Animationsfilmfestival findet nun schon länger zwischen Merker-Areal und den Trafo-Kinos statt. Es sind dann immer viele Schulklassen in postindustriellem Gelände unterwegs. Auf dem Merker-Areal steht die Festivalzentrumsbaracke, in der Ecke ruft einer wie in der Badi die Fischknusperli aus. Drüben in der «Eventlocation» Trafo Baden nimmt man die Rolltreppe zwischen Fitnesspark und Thai-Eatery und fährt zu den Kinosälen hinauf. Auf der Galerie stehlunchen die Apotheker am Netzwerkevent. Sie kommen gerade vom Inputreferat «Was will der Kunde im Akutfall?»

Trailer zu «Have a nice day». Video: Vimeo/Ronin Films

Was wünscht sich der Fantoche-Kunde, wenns auch bei ihm akut wird? Im internationalen Wettbewerb, also bei den Kurzfilmen aus aller Welt, ist in der 15. Ausgabe viel diskreter Zeichentrick zu betrachten. Auch ein paar Pixelübungen sind darunter, es sieht manchmal aus wie Gamedesign und manchmal richtig grossartig, wenn es zum Beispiel kubusförmige 3-D-Tropfen zu regnen beginnt. Beim Franzosen Michel Ocelot schien dann aber doch die Game-Engine Vorbild gewesen zu sein: In seiner arabesken Märchensammlung «Ivan Tsarevitch et la Princesse changeante» starrt zu Beginn ein wackeres Mädchen Level um Level die Monster nieder. Ganz hübsch, aber ehrlich gesagt: Die meisten Jump-’n’-Run-Spiele sind da grafisch weiter.

Michel Ocelot lief im Langfilmprogramm, das am Fantoche oft verbunden wird mit Werkstattgesprächen. Es sind animierte Langfilme, also sind sie so lang auch wieder nicht – es steckt ja doch mühselige Kleinarbeit in jedem Frame. «Have a Nice Day» etwa dauert 75 Minuten, ein am Computer gezeichneter Film noir, aber in Farbe und aus China. Regisseur Liu Jian hat ihn mehr oder weniger allein am Laptop animiert, dieses Jahr lief er im Wettbewerb der Berlinale. Die Story hat ein paar logische Schlaglöcher, aber im Grunde gehts um eine Handvoll Gangster, die irgendwo in Südchina einer Geldtasche nachjagen.

Einer tuts mit einem Fleischerbeil, ein anderer mithilfe seiner slackermässigen Unscheinbarkeit. Ans Geld aber wollen alle – entweder, um die Tochter zum Studium nach England zu schicken oder die Freundin zum Facelift nach Korea. Die Dialoge sind so sec wie bei den Coen-Brüdern, es geht etwa um die drei Stufen der Entscheidungsfreiheit im Drachenkapitalismus. Die höchste ist das Onlineshopping, denn da wäre man König, könnte man sich das alles leisten. Solche Gespräche rahmt Liu Jian in bestechenden Szenen des chinesischen Alltags: Strassenneon, Internetcafés, «Rocky»-Poster.

Yang Cheng, der 32-jährige Produzent des Films, beschrieb am Fantoche die Situation in China, wo es seit diesem Jahr mehr Leinwände gebe als in den USA. Jugendliche kennten drei Arten von Geselligkeit: Essen, Kino, Karaoke. Das Durchschnittsalter der Kinobesucher sei 22, Menschen über 40 schauten sich kaum Kinofilme an. Und wie viele andere ziehe er selber die Blockbuster aus Hollywood jenen aus der Volksrepublik vor. Dafür hätten unabhängige Regisseure in einer Situation des Wandels plötzlich mehr Möglichkeiten, auch wenn sie ihre Filme weiterhin den Kulturbehörden vorlegen müssten. Manche ihrer Filme spielen nun aber sogar Geld ein. «Früher war alles Propaganda. Aber die Mentalität hat sich geändert, seit man mit Filmen Geld verdienen kann.» Für ihn zeigt «Have a Nice Day» die absurden Auswüchse in einer Zeit der drastischen Umwälzung. «Die Menschen sind in ihre Begehren verstrickt und sehnsüchtig nach Abenteuern.» Das kann auch einfach eine App sein, mit der man vor Followern hausiert, um der nächste Steve Jobs zu werden. Ende Jahr soll «Have a Nice Day» in China in die Kinos kommen.

Sittenzerfall um 1910

Baden ist also China, Baden schien überhaupt gerade Nabel der Welt zu werden, als man zum Schluss noch den «Kosmos Kino» betrat. Unter diesem Titel hat eine schmucke Sonderausstellung im historischen Museum unten an der Limmat eröffnet. Sie denkt die Kinogeschichte von Baden aus: 1910 stand dort, wo heute das Museum steht, für eine kurze Zeit das erste improvisierte Badener Kino namens Kosmos. Die Behörden befürchteten Sittenzerfall und machten es nach zwei Jahren dicht. Die Geschichte des sozialen Ortes Kino wird dann zur Chronik einer Entfesselung, quasi von den Zensurwächtern hin zu den Profittempeln. Fast hätte da China auch noch hineingepasst. Aber mit Sicherheit hat man nun verstanden, dass die Stadt Baden in alle Richtungen ausstrahlt. Ist so? Ist so.

Festival Fantoche, bis 10. September; «Have a Nice Day»: Freitag, 20.45 Uhr, Kino Trafo, und Samstag, 18.30 Uhr, Kino Sterk. Die Ausstellung «Kosmos Kino» dauert noch bis Februar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2017, 20:33 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Wie hiess das früher? Der Ü-40-Gedächtnistest

Sweet Home 10 Tricks, die Ordnung schaffen

Die Welt in Bildern

Besuch aus der Heimat: Die Schweizergardisten im Vatikan stehen stramm, denn Bundesrat Alain Berset ist auf Visite. (12. November 2018)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...