Wenns beim Pädophilen-Test piepst

Der Komiker Sacha Baron Cohen führte Roy Moore als Sextäter vor. Nun verklagt ihn der Politiker aus Alabama auf 95 Millionen Dollar.

Gegen Roy Moore, den ehemaligen Senatskandidaten der Republikaner (links), wurden von verschiedenen Frauen Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe erhoben.

Gegen Roy Moore, den ehemaligen Senatskandidaten der Republikaner (links), wurden von verschiedenen Frauen Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe erhoben. Bild: Reuters

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Roy Moore schätzt Amerika als Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der ehemalige Richter und Republikaner mit radikalreligiösen Ansichten bewarb sich im vergangenen Jahr um den freigewordenen Senatsposten von Justizminister Jeff Sessions in Alabama. Am Wahltag im Dezember ritt Moore auf einem Pferd am Wahllokal vor. Stilecht mit Cowboy-Stiefeln und Stetson. Die Wahl verlor der 71-Jährige trotz dieser Zurschaustellung amerikanischer Helden-Folklore. Während des Wahlkampfs hatten sich mehrere Frauen gemeldet, die Moore sexuelle Übergriffe vorwarfen. Einige der Opfer gaben an, zum Zeitpunkt der mutmasslichen Tat minderjährig gewesen zu sein. Da half am Ende selbst die Unterstützung durch Präsident Trump nicht mehr.

Jetzt hofft der Verlierer von damals auf einen Sieg vor Gericht: Moore verklagt den britischen Komiker Sacha Baron Cohen auf Wiedergutmachung für erlittenes emotionales Leid. Es geht um unglaubliche 95 Millionen US-Dollar. Vor Gericht ist Amerika mitunter das Land der unbegrenzten Irrwitzigkeiten.

Hintergrund der Klage ist eine Folge von Co­hens aktueller TV-Show «Who is America?». In der dritten Folge der politischen Satiresendung, die in den vergangenen zwei Monaten beim US-Sender Showtime zu sehen war, interviewt Cohen den Politiker aus Alabama. Allerdings nicht als er selbst, son­dern als israelischer Anti-Terrorexperte Erran Morad mit breitem Kiefer und durchgehender Augenbraue. Eine Anspielung auf antisemitische Karikaturen; Cohen ist selbst Jude.

In Israel würden Pädophile im Vergleich zu «Nicht-Perversen» ein Enzym absondern, sagt der verkleidete Sacha Baron Cohen.

Die Verkleidung ist weniger plakativ als bei Cohens berühmtester Kunstfigur: dem kasa­chischen Reporter «Borat», der schon mal im neongrünen Tanga-Badeanzug herumlief und den Komiker Mitte der 2000er international bekannt machte. Den selbsternannten Israel-Freund Moore scheint die Ausstaffierung jedenfalls zu überzeugen. Er lässt sich auf ein Gespräch ein, an dessen Ende er als vermeintlicher Triebtäter entlarvt wird.

Cohens Ironie scheint an Moore vorbeizugehen

Zunächst geht es aber um innovative Technik zur Terrorbekämpfung. Israel nutze neuerdings seismische Wellen, um unterirdi­sche Tunnel der Hamas aufzuspüren, erzählt Morad/Cohen seinem Interviewpartner stolz. Drei Geheimgänge seien so schon entdeckt worden. Moore lächelt höflich, er fühlt sich offenkundig wohl. Vielleicht liegt es am vertrauten Stars-and-Stripes-Banner, das die Sendungsmacher im Hotelzimmer aufgestellt haben. Oder den Komplimenten, die der Gastgeber ins Gespräch einstreut.

Das konservative Alabama wird da zum paradiesischen Ort sexueller Selbstbestimmung. Die Ironie scheint an dem ehemaligen Richter vorbeizugehen – Alabama ist immerhin einer jener Bundesstaaten, die per Gesetz ver­hin­dern wollten, dass Transgender öffentliche Toiletten nutzen dürfen, je nachdem zu welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen.

Kurz später bricht Moore das Interview ab

Auch als Morad/Cohen das Gespräch dann auf eine weitere Nutzungsmöglichkeit der neuen Wellen-Technologie lenkt, scheint Moore zunächst ahnungslos. Es sei auch möglich, andere Auffälligkeiten aufzuspüren, erklärt Morad/Cohen seinem Gast. In Israel würden mittlerweile Sextäter und Pädophile mithilfe der neuen Methode aufgespürt. Diese sonderten im Vergleich zu «Nicht-Perversen» in stark erhöhter Konzentration ein Enzym ab – speziell entwickelte Geräte würden nur dann ausschlagen, wenn der Normalwert für dieses Enzym überschritten werde. Dann zückt der Komiker ein solches Gerät, das Ähnlichkeit mit einem Metall-Detektor am Flughafen hat.

«Die Handhabung ist ganz einfach», sagt Morad/Cohen. «Man schaltet es einfach an, und weil keiner von uns beiden ein Triebtäter ist, passiert absolut gar nichts.»

Veräppelt: Der Trailer zu Cohens Satire-Show. Video: Showtime.

Zur Demon­stra­­tion fährt er mit dem Gerät erst über seinen eigenen Körper und scannt anschliessend seinen Gast ab. Was dann passiert, dürfte selbst für Moore keine Überraschung mehr sein – das Gerät beginnt wie wild zu piepsen. Morad/Cohen spielt den Verwirrten, testet das Gerät an einem anderen Mitarbeiter seines Teams – erfolgreich, das Gerät gibt keinen Ton von sich – und fragt Moore, ob er vielleicht kürzlich sein Jacket verliehen habe. Moore, der sich inzwischen sichtlich unwohl fühlt, geht in die Verteidigung: «Ich bin seit 33 Jahren verheiratet, es gab nie Anschuldigungen dieser Art gegen mich.» Er beschuldige ihn keinesfalls, versichert Morad/Cohen. Nur: Das Gerät sei zu 99,8 Prozent akkurat. Kurz darauf bricht Moore das Interview ab.

«Empörendes, arglistiges und verleumderisches Verhalten»

Moores Anwälte geben an, ihr Man­dant sei unter Vorspiegelung falscher Tatsa­chen in die Sendung gelockt worden: Er habe erwartet, einen Preis für sein Engagement um Israel verliehen zu bekommen. In einem Statement bezeichnete Larry Klayman, einer von Moores Anwälten, Cohen als «Betrüger», der nun für sein «empörendes, arglistiges und verleumderisches Verhalten» zur Rechenschaft gezogen werde, das Moore – einem «grossartigen Mann» – beträchtlichen Schaden zugefügt habe. Neben dem Komiker richtet sich die Klage auch gegen die verantwortlichen Sender Showtime und den Mutterkanal CBS. Die beschuldigten Parteien haben sich bisher nicht zu der Angelegenheit geäussert.

Für Cohen ist es nicht die erste Klage dieser Art, er wurde bereits in der Vergangenheit von Opfern seiner Veräppelungsshows angezeigt. In den wenigsten Fällen waren diese Klagen allerdings erfolgreich. Fernsehteams lassen sich in der Regel vorab schriftlich zusichern, dass sie nicht für etwaige, durch die Ausstrahlung der Aufnahmen verursachte Schäden belangt werden können. Auch Roy Moore hat so ein Dokument unterschrieben. Der New York Times zufolge dürfte seine Klage deshalb keine grossen Chancen auf Erfolg haben. Das Problem sei, so schreibt die Zeitung unter Berufung auf Rechtsexperten, dass Betroffene die Verzichtserklärungen unterschrieben, ohne das Kleingedruckte zu lesen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2018, 10:20 Uhr

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