«Wahrsagerin prophezeite grossen Erfolg»

Filmproduzent, Gastwirt, Politaktivist, Träumer: Der Berner Res Balzli ist eine schillernde Figur. Vor 13 Jahren zog er sich aus dem Filmbusiness zurück und widmete sich seinem Hotelprojekt. Jetzt gibt er an den Filmtagen überraschend ein Comeback mit seinem ersten Film als Regisseur.

Res Balzli in Biel vor dem Baum, unter dem er 2008 die Frau kennen lernte, die ihn zurück zum Filmen brachte. (Valérie Chételat)

Res Balzli in Biel vor dem Baum, unter dem er 2008 die Frau kennen lernte, die ihn zurück zum Filmen brachte. (Valérie Chételat)

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Auf einmal war Res Balzli wieder da. Ein Jahr ists her, da gewährte ihm sein Filmerfreund Dieter Fahrer Asyl auf der ungeheizten Veranda seines Ateliers in der Berner Altstadt. Balzli, der 1997 die Filmproduktion aufgegeben und in Freiburg die Auberge aux 4 vents aufgebaut hatte, war in die Bundesstadt geflüchtet. Hinter sich gelassen hatte er die Konflikte, in die ihn sein letztes Projekt verstrickt hatte, das Kulturlabor «La Corbière». Bei Estavayer über dem Neuenburgersee hatte Balzli 2006 ein herrschaftliches Anwesen gekauft und Künstlern zur Verfügung gestellt. Was utopisch begann, mündete in menschliche Enttäuschungen und juristische Streitereien.Jetzt gibt Balzli an den Solothurner Filmtagen nicht nur sein Comeback als Produzent, sondern auch sein Debüt als Regisseur, und dies im stolzen Alter von 58 Jahren. Im Dokumentarfilm «Bouton» begleitet er die an Krebs erkrankte Schauspielerin Johana Bory und ihre Handpuppe Bouton – ein Film, der unter die Haut geht. «Bouton» ist das vorerst letzte Kapitel in der ungewöhnlichen Biografie eines Menschen, den man als Nomade auf engem Terrain charakterisieren könnte und als zweifelnden Utopisten. Hinter dem Film-Comeback steht kein Masterplan, sondern ein Telefonanruf. Dieser führte Balzli zurück zum Film. Und zugleich auf Neuland.

Res Balzli, für dieses Interview wollten Sie sich vor einem Baum in Biel fotografieren lassen. Haben Sie ein besonders enges Verhältnis zu Bäumen?

Ich bin schon immer furchtbar gerne auf Bäume gestiegen und liebe das auch als Erwachsener noch. Als Knabe bin ich einmal von einem Baum gefallen, kopfvoran. Zum Glück blieb ich mit meinen Kniekehlen bei einem der untersten Äste hängen, sonst sässen wir jetzt nicht hier. Ich schneide auch leidenschaftlich gerne Bäume, vor allem Obstbäume.

Was hat es mit diesem Baum in Biel auf sich?

Er ist für mich wie auch für Johana Bory wichtig. Unter diesem Baum auf dem ehemaligen Expo-Gelände habe ich schon einmal einen Film realisiert, «Schlaraffenland» von Felix Tissi. Unter diesem Baum hat Johana im Sommer 2008 im Freilichttheater «Don Quijote – The Making of Dreams» die Hauptrolle gespielt. Und neben diesem Baum hatten wir vom Restaurant Kreuz Nidau das Zelt mit der Theaterbeiz aufgestellt, die ich leitete. Dabei lernte ich Johana kennen. Sie war es, die mich ein Jahr später zum Film zurückbrachte.

Wie kam das?

Schon im Sommer 2008 verband uns eine erstaunlich enge Beziehung. Sie vertraute mir damals an, dass bei ihr Verdacht auf Brustkrebs bestehe. Sie war damals 31. Zwei Wochen danach sagte sie, es sei nichts, falscher Alarm. Doch drei Monate später hatte sie die definitive Diagnose: Krebs. Sie nahm das fast ein bisschen auf die leichte Schulter und sagte, sie lasse sich operieren, unterziehe sich der Chemotherapie und der Bestrahlung. Kaum war sie wieder bei Kräften, stand sie schon wieder auf der Bühne, noch mit kahlem Kopf. Sie glaubte, die Krankheit überwunden zu haben. Ein Jahr später aber, im November 2009 rief sie mich an und sagte mir, sie möchte gerne in einem Film spielen. Ich antwortete etwas salopp, das sei normal für eine Schauspielerin, was für ein Film das denn sein solle. Ein Spielfilm, sagte sie. Das ist eine langwierige, aufwendige Sache, sagte ich. Darauf sie: Ich habe nicht viel Zeit, ich habe nur noch ein Jahr zu leben.

Sie waren bisher immer Produzent. Weshalb haben Sie erstmals Regie geführt?

Das tat ich nur deshalb, weil keiner meiner Regie-Freunde sich auf das Thema einlassen wollte, weder Nicolas Humbert noch Michel Rodde, Felix Tissi oder Dieter Fahrer. Sie ermunterten mich, den Film selber zu realisieren. Als Dieter Fahrer sagte, er mache die Kamera, gab das mir die nötige Sicherheit. Wir mussten uns dann aber wahnsinnig beeilen, wir merkten schon bald, dass Johana kein Jahr mehr leben würde. Der erste Dreh war an Silvester 2009, der letzte am 12. Februar 2010, wir hatten also bloss 15 Drehtage, davon 12 mit Johana. Ich ging mit zehn Stunden Material an den Schneidetisch, das ist sehr wenig für einen Dokumentarfilm.

Sie haben in der Vergangenheit mehrmals betont, dass Sie nur deshalb Produzent seien, weil Ihnen die Fähigkeiten zur Regie fehlten. Mit «Bouton» widerlegen Sie sich nun gleich selbst.

Nein, ich sehe mich auch heute nicht als Regisseur. Was ich am meisten bewundere, ist das Drehbuchschreiben. Ich habe aber so viel Respekt davor, dass ich es noch nie versucht habe. Regie führen ist mir eigentlich fremd, aber jetzt ist mir das halt einfach zugefallen. Ich glaube nicht, dass mir das ein zweites Mal passiert.

Hatten Sie keine Angst davor, einen Menschen beim Sterben filmisch zu begleiten?

Ich hätte mich nie an diesen Film gewagt, wenn ich nicht drei Jahre zuvor eine ähnliche Erfahrung mit einem Freund gemacht hätte, dem Berner Komponisten Heinz Reber. Er lebte in Wien und kam zurück nach Bern, um zu sterben, denn auch er litt an Krebs in fortgeschrittenem Zustand. Die letzten fünf Tage habe ich ihn mit seiner Frau begleitet, er schied mit der Hilfe von Exit aus dem Leben – das konnte er in Österreich nicht, deshalb kam er zurück nach Bern. Wir wohnten im Hotel Allegro, er stand auf dem Balkon, schaute wie ein Feldherr über Bern und versöhnte sich mit seiner Stadt, die er vor vielen Jahren im Zorn verlassen hatte. Er hat das souverän gemacht – am Schluss war er es, der uns getröstet hat.

Die letzte Phase der Krankheit zeigen Sie im Film nicht. Aus Rücksicht aufs Publikum?

Nein, aus Rücksicht auf Johana, das hätte ihrer Art widersprochen. Ihr war die Erscheinung sehr wichtig, und deshalb wollte ich den Zerfall ihres Körpers nicht zeigen. Ich wollte keine Chronik eines Leidens machen, sondern die Kunstfigur Bouton ins Zentrum rücken, ihre Handpuppe. Bouton macht ja auch eine Entwicklung durch. Er ist ihr Geschöpf, zugleich aber stellt er Fragen oder gibt Antworten, die Johana selber überraschen. Diese Beziehung zwischen den beiden ist ein Phänomen.

Im Film kommt auch die Frage nach der richtigen Therapie zur Sprache. Schul- oder Alternativmedizin: Wie würden Sie sich im Falle einer Krankheit verhalten?

Keine Ahnung – man kann ja nie wissen, wie man in so einer Situation reagiert. Was ich aber weiss: Man sollte sich am Anfang der Krankheit für einen Weg entscheiden. Die meisten bekommen die Diagnose und finden sich unvermittelt in der Mühle der Schulmedizin wieder. Kommt es gut, ist man froh, wenn nicht, setzt man die Hoffnungen in alternative Methoden. Wenn diese dieselben Chancen haben sollen, dann dürfen sie nicht nur als Ersatz dienen, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Ich bezweifle aber, dass ich den Mut hätte, auf die Schulmedizin zu verzichten.

Sie haben gesagt, der Telefonanruf von Johana Bory habe Sie zum Film zurückgebracht. Dachten Sie in all den Jahren, seit Sie sich 1997 vom Filmgeschäft zurückgezogen hatten, wirklich nie an ein Comeback?

Ich war nie ganz weg vom Filmgeschäft, weil Dieter Fahrer die Filmproduktionsfirma weitergeführt und mich immer auf dem Laufenden gehalten hat. Es war aber nicht so, dass ich meine Rückkehr geplant hätte. Im September 2009 prophezeite mir eine Wahrsagerin: «Le film vous manque. Vous allez faire un grand succès.» Ich glaubte ihr kein Wort. Drei Monate später kam das Telefon von Johana, das ist schon erstaunlich. Aber mir geht das oft so: Ich plane nicht, es passiert einfach.

Passiert ist viel in Ihrem Leben. Nach der «Auberge aux 4 vents» in Freiburg bauten Sie mit Werner Penzel das Künstlerprojekt «La Corbière» bei Estavayer am Neuenburgersee auf. Worum ging es da?

Wir nannten das Ganze Kulturlabor. Wir beherbergten Künstler aus allen Sparten – manchmal waren bis zu zwanzig Gäste im Haus. Sie hatten keine Vorgaben. Die einen arbeiteten an ihren Projekten weiter, zum Beispiel Mich Gerber mit seinem Bass am See, andere machten einfach Ferien – der Musiker Fred Frith etwa mit seiner Familie –, wieder andere liessen sich vom Ort inspirieren. Da ergaben sich tolle Sachen. In der «Corbière» ist auch das Bieler Don-Quijote-Projekt entstanden. Noch heute gibt es Verbindungen unter Künstlern, die sich dort gefunden haben.

Sie aber erlitten mit der «Corbière» Schiffbruch. Was waren die Gründe für das Scheitern?

Wir hatten finanzielle Probleme, aber es gab auch künstlerische Differenzen. Ich wollte den Betrieb über Beiträge von Kulturstiftungen finanzieren, doch das stellte sich als Illusion heraus. Nach drei Jahren versuchte ich dann, das Projekt auf neue, wirtschaftlichere Beine zu stellen und machte aus der «Corbière» ein Seminar-Hotel. Ich arbeitete dabei aber mit den falschen Leuten zusammen. Nach einer Saison lösten wir das Kollektiv im Streit auf. Dieser war so heftig, dass ich nach Bern flüchten musste.

Sie wurden durch die Selbstverwalterszene politisiert. Hat Sie diese Erfahrung nicht desillusioniert?

In der Kunst gibt es keine Demokratie, da braucht es jemanden, der bestimmt, sonst entstehen unbefriedigende Kompromisse. Genau deshalb halte ich mich auch nicht für einen Künstler, denn ich kann mich nicht durchsetzen. Wenn man meine Argumente nicht hört, bin ich hilflos. Ich müsste zu Machtmitteln greifen, aber das liegt mir nicht. Im Geschäftlichen aber habe ich mit kollektiver Verantwortung gute Erfahrungen gemacht, sowohl in der Genossenschaftsbeiz Kreuz in Nidau wie in der Auberge aux 4 vents. In der «Corbière» haben wir es wieder versucht. Rückblickend muss ich sagen, ich hätte mehr bestimmen sollen. Ich habe das Haus gekauft, ich habe das Haus während vier Jahren geführt, man kann nicht so tun, als wären alle auf demselben Niveau. Ich hätte da meine Rolle als Patron wahrnehmen sollen.

Welche filmischen Ziele verfolgen Sie nun?

Ich warte auf das nächste Telefon . . . Eigentlich habe ich schon jetzt wieder Lust aufs Gastgewerbe. Ich träume derzeit von einer kleinen Bar in Freiburg, für Silberschläfen, die sich nach Zärtlichkeit sehnen, mit einem Dancing – nicht Disco, Dancing! Ich habe schon auch eine filmische Idee. Aber es ist noch zu früh, davon zu sprechen.

Wollen Sie nicht wieder in die Filmproduktion einsteigen?

Ich bin immer noch ein Fan von Spielfilmen, aber da ist der Zug abgefahren. Ich habe es mit einem neuen Projekt versucht, wir wollten den Film in kleinem Rahmen, nur mit Schweizer Geld, produzieren, aber das ging nicht. Jetzt versucht es der Autor und Regisseur auf internationaler Ebene. Da aber musste ich passen, ich habe die Kontakte nicht mehr, die es dazu braucht.

Welche Karriere erhoffen Sie sich für «Bouton»?

Mein schönstes Erlebnis mit einer meiner Produktionen hatte ich mit «Step Across the Border». Dieser Film hat weltweit eine Nische und Liebhaber gefunden, und ich werde noch heute, mehr als zwanzig Jahren danach, darauf angesprochen. Es wäre mir am liebsten, wenn «Bouton» nicht nur in der Schweiz, sondern auch international ähnliche Resonanz hätte.

Als Mitglied der Schweizer Filmakademie visionieren Sie derzeit für den Schweizer Filmpreis die Jahresproduktion. Welches sind Ihre Lieblingsfilme?

Ich konzentriere mich derzeit auf die Spielfilme. Da geht mir, wegen des Themas Krebs, «Stationspiraten» nahe. Ich habe gestaunt, wie gut, wie einfühlsam dieser Film gemacht ist. Gefallen hat mir auch «Champions», der Film bietet vergnügliche Unterhaltung, er will nicht mehr sein, als er ist. «Sennentuntschi» hat mich von der Machart her beeindruckt. Das ist der erste Schweizer Film, von dem ich sagen kann, dass er Hollywood-Niveau hat. Zu meinen Favoriten gehört auch «Zwerge sprengen». Er hatte es schwer, aber das ist ein liebevoller, gewitzter Film.

Sie haben die Schweizer Filmproduktion auch in Ihren Wirtejahren mitverfolgt. Wie sehen Sie die Entwicklung seit 1997?

Vieles wurde komplizierter – früher genügte für die Produktion eines Films ein Ordner, heute wird laufmeterweise Papier produziert. Vieles wurde professioneller. Ich staune, wenn ich Dok- und Spielfilme anschaue, wie gut diese technisch gemacht sind. Da ist viel passiert, aber hoffentlich auch: Man hat ja Hunderte von Filmschülern ausgebildet, wir hingegen waren alles noch Autodidakten. Worauf wir uns noch etwas einbildeten, Kranfahrten oder Massenszenen, das ist heute selbstverständlich. Da kann ich nicht mehr mithalten, da gibt es Jüngere, die das besser können. (Der Bund)

Erstellt: 16.01.2011, 11:33 Uhr

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Mit Poesie gegen die Macht

Res Balzli, am 11. September 1952 in Bern als Sohn des Mundartautors Ernst Balzli geboren, liess sich zum Sozialarbeiter ausbilden und erlangte danach das Wirtepatent. Politisiert wurde er durch die Selbstverwaltungsszene, die er als Mitbegründer der Genossenschaftsbeiz Kreuz in Nidau und mit Engagements in mehreren alternativen Projekten seinerseits mitprägte.

In den 1980er-Jahren war Balzli mit seinem geliebten Cello au seine Losung. Bei einer Demo 1980 in Bern wurde er am Auge verletzt, als ihm ein Polizist aus nächster Nähe Tränengas ins Gesicht spritzte. 1991 sorgte er in Nidau für Aufruhr. Er hatte mit Mozarts «Requiem» ein Militärdefilee beschallt und aus dem Tritt gebracht.

Ursprünglich wollte Balzli Filmmusik komponieren. Er schrieb auch eine Komposition, der Film wurde dann aber nie realisiert. Sein nächster Versuch galt der Regie. Er drehte einen Film über politisch aktive Wohngemeinschaften, das Projekt scheiterte aber nach einem Aufstand der Crew. 1985 gründete Balzli die Filmproduktionsfirma Balzli & Cie und konzentrierte sich fortan aufs Produzieren. Eng war die Partnerschaft mit Regisseuren wie Felix Tissi («Noah und der Cowboy», «Schlaraffenland») oder Peter Liechti («Signers Koffer», «Marthas Garten»), mit dem zusammen er auch «Grimsel – ein Augenschein» drehte, einen poetischen Interventionsfilm gegen das Staudammprojekt der Kraftwerke Oberhasli KWO. Zu seinen grössten Erfolgen zählt der Musikfilm mit Fred Frith «Step Across the Border» von Nicolas Humbert und Werner Penzel.

1997 stieg Balzli aus dem Filmbusiness aus, der Papierkrieg hatte ihn müde gemacht. Dieter Fahrer übernahm die Leitung der Filmproduktion unter dem neuen Namen Balzli & Fahrer GmbH. Balzli wurde Wirt und machte zusammen mit Katrin Portmann in Freiburg aus der Auberge aux 4 vents ein Hotel mit individuell gestalteten Zimmern für Träumer. 2006 übergab er die Auberge-Leitung einem Kollektiv und startete das Künstlerprojekt «Corbière». Mit «Bouton» hat er jetzt seinen ersten Film als Regisseur realisiert.

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